Die «Rundschau» von SRF etwa hatte sich für einen Beitrag nur an die Fersen der vermeintlichen Kronfavoriten Amherd und Hegglin geheftet.

Parlamentarier aus der CVP sagen, sie hätten mit dem Ticket einen Coup landen wollen. Er enthält fast alles, was sich eine Partei ein Jahr vor den Wahlen wünschen kann: Ein reines Frauenticket, das Neugier weckt und Coolness ausstrahlt. Umso mehr, als mit Z’graggen eine eher unbekannte Kandidatin darauf zu finden ist.

Heidi Z'graggen: Vom Bergkanton in den Bundesrat

Heidi Z'graggen: Vom Bergkanton in den Bundesrat

Frau, Innerschweizerin und bereit für die Landesregierung: Die 52-jährige Urner CVP-Justizdirektorin Heidi Z'graggen hat zwar keine Erfahrung als Bundesparlamentarierin. Sie blickt aber auf eine lange Politkarriere zurück und hat ein breites Netzwerk.

Bundesrats-Historiker Urs Altermatt hatte im Interview mit der «Schweiz am Wochenende» darauf hingewiesen, dass ein reines Frauenticket «ein starkes Signal der CVP» wäre, mit einer klaren Botschaft: «Die CVP trägt zu einer angemessenen Vertretung der Frauen, drei Bundesrätinnen, bei.» Mit diesem Signal würde sie die Wahl von FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter überstrahlen und gleichzeitig signalisieren, dass «frauenpolitische Anliegen wichtiger sind für die Gesellschaft als regionalpolitische».

Im Fall von Z’graggen konnte die CVP Frauenargument und Regionalpolitik sogar verbinden. Die Urnerin habe sich den Platz auf dem Ticket mit einer sehr erfrischenden Präsentation verdient, die sich stark von den meisten Präsentationen langjähriger Parlamentarier unterschieden habe.

Überraschte Konkurrenz

Überrascht vom Coup der CVP wurde auch die politische Konkurrenz. «Mit diesem Ticket hätte ich nicht gerechnet», gesteht SP-Nationalrat Cédric Wermuth. «Das ist ein mutiges Ticket, das positiv überrascht und breite Sympathien schafft.» Nun werde die Wahl vom 5. Dezember «spannend», glaubt der Sozialdemokrat Wermuth.

Überrascht ist man auch bei der SVP. «Wir staunen nur noch», sagt Nationalrat Ulrich Giezendanner. Eigentlich hatte sich die SVP darauf eingestellt, den Zuger Ständerat Peter Hegglin breit zu unterstützen. «Wir wissen nun gar nicht so recht weiter», gesteht Giezendanner ein. «Heidi Z’graggen kennen wir noch kaum. Sie hat aber Potenzial und ist eindeutig bürgerlicher als Viola Amherd.» Z’graggen ist für strenge Einwanderungsregeln und relativ öffnungskritisch. Allerdings ist sie in Finanz- und Wirtschaftsfragen auch gemässigt.

Mit ihrem Frauen-Ticket mischt die CVP die Bundesratswahlen neu auf. Mit einem Ticket Amherd/Hegglin wären die Fronten sehr klar zwischen Mitte-Links und Mitte-Rechts verlaufen. Mit Überraschungs-Kandidatin Heidi Z’graggen muss sich das nun neu einpendeln. SP-Mitglieder hatten sich bei Urner SP-Kollegen erkundigt, ob Z’graggen für sie wählbar sei. Sie erhielten ein Ja zur Antwort. Offenheit für die unerwartete Kandidatin signalisiert auch die FDP. «Wir lassen uns gerne überraschen von einer guten und frischen Kandidatin», sagt FDP-Nationalrat Thierry Burkart.

Mit diesem Ticket hat die CVP gleichzeitig Viola Amherd in die Favoritenrolle geschoben. Amherd wird von Mitte-Links breit gestützt. Die Linke sieht in ihr die «logische Doris Leuthard II», wie es ein Parlamentarier formuliert. Amherd habe eine ähnliche Persönlichkeit und sei politisch vergleichbar positioniert in Energie-, Sozial- und Europapolitik wie Leuthard. Amherd kann auf die geschlossene Unterstützung von SP (55 Stimmen) und Grünen (13) zählen. Ob sich das mit Z’graggen ändert, ist zu bezweifeln. Auch BDP und GLP hatten signalisiert, dass sie bei einem Ticket Amherd/Hegglin die Frau bevorzugen.

Als Vizefraktionschefin der CVP hat Amherd ein grosses Netzwerk im Parlament, ein Vorteil gegenüber der Urnerin. «Ich werde nun die zweieinhalb Wochen nutzen, um mich noch besser vorzubereiten», sagte Z’graggen. «Und ich werde meine Netzwerke nutzen, damit ich meinen Bekanntheitsgrad möglichst schnell steigern kann.»

Doch auch Amherd hat, möglicherweise, ein Handicap. Sollten noch weitere eher zweifelhafte Geschichten über ihre Notariatstätigkeiten bekannt werden, könnte das für sie plötzlich doch zum Problem werden. Ob sie in der CVP-Fraktion zu diesen Geschichten befragt worden sei, wollte man an der Medienkonferenz von Amherd wissen: «Ich musste keine Fragen beantworten», sagte sie. Sie habe stets «transparent und offen» informiert.