Bildung
Ist Repetieren bald passé? Immer weniger Lernende müssen ein Jahr nachsitzen – doch es gibt einen Röstigraben

Eine Mehrheit des Walliser Kantonsparlaments will die Regel abschaffen, wonach Schülerinnen und Schüler mit ungenügenden Noten das Schuljahr wiederholen müssen. Andernorts ist man bereits weiter – besonders in der Deutschschweiz.

Julian Spörri
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Die Zahl der Repetentinnen und Repetenten in Schweizer Schulen nimmt ab.

Die Zahl der Repetentinnen und Repetenten in Schweizer Schulen nimmt ab.

Bild: Sandra Ardizzone

Dass es um den Informationsaustausch zwischen der Deutschschweiz und der Romandie nicht immer zum Besten steht, ist bekannt. Bestes Beispiel dafür lieferte letzte Woche eine Motion im Walliser Kantonsparlament.

Sie forderte die Einführung der automatischen Promotion während der obligatorischen Schulzeit. Konkret würde dies bedeuten: Wer im Zeugnis keine Vier erreicht, muss das Schuljahr nicht mehr wiederholen, sondern darf grundsätzlich in der Klasse bleiben. Ausnahmen wären möglich.

Der Mitinitiant der Motion, Gilles Florey, erklärte gegenüber dem «Walliser Boten», dass mit einer Gesetzesänderung die Möglichkeit bestehe, dass das Wallis eine Vorreiterrolle in der Schweiz einnehme. Denn man wäre der erste Kanton mit einer grundsätzlich automatischen Promotion, so der Mitte-Politiker. Auch das Westschweizer Radio RTS berichtete im Vorfeld über die mögliche «Schweizer Premiere» im Wallis.

«Wie aus einer anderen Zeit»

In der Deutschschweiz reagiert man erstaunt auf diese Aussagen. Thomas Minder, Präsident des Verbands Schweizer Schulleiterinnen und Schulleiter, sagt: «Dass man Schülerinnen und Schüler wegen schlechter Leistungen ein Jahr repetieren lässt, ist für mich wie aus einer anderen Zeit. Meine Erfahrung ist, dass die Kinder vielerorts schon heute automatisch in die nächste Stufe promoviert werden.»

So seien ungenügende Noten in den Ostschweizer Kantonen, wie im Thurgau, wo er als Schulleiter arbeite, im Vergleich zu früher kein Grund mehr für eine Repetition, sagt der Verbandspräsident.

«Dass ein Kind ein Jahr wiederholen muss, gibt es nur in Ausnahmefällen, etwa bei einer Entwicklungsverzögerung oder längeren Abwesenheiten.»

Denselben Eindruck hat die oberste Lehrerin Dagmar Rösler: «In der Deutschschweiz reden wir schon länger davon, dass Kinder mit Lernschwierigkeiten nicht mehr eine Klasse wiederholen sollen, sondern dass konkrete Unterstützungsmassnahmen meist zielführender sind.» Nur bei speziellen Situationen im Lebenslauf eines Kindes mache eine Repetition auch heute noch Sinn.

Dieser Paradigmenwechsel spiegelt sich auch in der schweizweit rückläufigen Repetitionsquote wieder. Laut Bundesamt für Statistik wiederholten 2011 1,5 Prozent der Primarschülerinnen und -schüler das Schuljahr, während es 2019 nur noch 1,16 Prozent waren. Bei den Lernenden der Sekundarstufe 1 ging der Wert von 3,68 auf 2,63 Prozent zurück.

Romands wiederholen häufiger

Auffällig ist dabei, dass in der Westschweiz deutlich öfter ein Jahr nachgesessen wird als in der Deutschschweiz – und zwar über alle Alterskategorien hinweg.

So ist die Repetitionsquote beispielsweise im ersten Jahr der Sekundarstufe in der französischen Schweiz mit 3,1 Prozent mehr als dreimal so hoch wie in der Deutsch- und rätoromanischen Schweiz (0,9) und im Tessin (0,7). Dagmar Rösler vermutet hinter den Unterschieden kulturelle Gründe, etwa in Bezug auf den Stellenwert von Noten.

Die erhoffte Vorreiterrolle kommt also nicht dem Wallis, sondern der deutschsprachigen Schweiz zu – auch weil die eingereichte Motion im Wallis letztlich nur in Form eines weniger verbindlichen Postulats angenommen wurde. Das heisst: Der Staatsrat hat nun einen Bericht zum Thema vorzulegen, bevor definitiv entschieden wird.

Repetitionen kosten Millionen

Der Schweizer Bildungsökonom Stefan Wolter ist überzeugt, dass der Einsatz finanzieller Mittel mit der Einführung der automatischen Promotion optimiert werden kann, und zwar zugunsten der Lernenden als auch der Gesellschaft. «Ein Kind, das ein zusätzliches Schuljahr machen muss, verursacht je nach Kanton Kosten zwischen 15’000 und 25’000 Franken», rechnet der Professor der Uni Bern vor. Somit belaufe sich der Gesamtbetrag national gesehen auf über 200 Millionen Franken pro Jahr. «Da die Forschung den Nutzen einer Klassenwiederholung als begrenzt oder gar negativ einstuft, wäre es meiner Meinung nach hilfreicher, einen Teil dieses Geldes in Massnahmen zu investieren, die Repetitionen verhindern». Ein Beispiel dafür wäre laut Wolter mehr individualisierter Unterricht für leistungsschwache Lernende.