Wochenkommentar

«Bei den Jüngeren ist der Trend vorbei»: Geht der Klima-Bewegung der Schnauf aus?

«Kraft der Jugend»: Das US-Magazin «Time »wählte Greta Thunberg zur Person des Jahres.

«Kraft der Jugend»: Das US-Magazin «Time »wählte Greta Thunberg zur Person des Jahres.

Greta Thunberg hat 2019 die politische Agenda bestimmt wie niemand anders. Sie wurde verehrt wie eine Heilige und verabscheut wie eine Hexe. Nun neigt sich das Greta-Jahr dem Ende zu - und es mehren sich die Anzeichen, dass die Klimabewegung an Schwung verliert. Analyse des «Schweiz am Wochenende»-Chefredaktors

Selbst die britische Königin Elizabeth kam nicht umhin, die Klimabewegung zu würdigen. Sie sei beeindruckt, wie Jugendliche sich für den Schutz der Umwelt engagieren, sagte die 93-Jährige in ihrer Weihnachtsansprache. Zweifellos werden viele Staatschefs in ihren Neujahrs-Reden auf den Klimaschutz eingehen. Und fünf Buchstaben dürfen dabei nie fehlen: G-r-e-t-a.

Die 16-jährige Schwedin, vom US-Magazin «Time» zur Person des Jahres gewählt, hat durch ihren Schulstreik und die daraus folgenden «Fridays for Future»-Proteste eine gewaltige Leistung vollbracht: Sie gab der schwer greifbaren Herausforderung ein Gesicht, politisierte junge Menschen und erreichte, dass der Klimaschutz zum Top-Thema des Jahres 2019 geworden ist.

Das Mädchen mit den Zöpfen setzte neue Massstäbe für Politkampagnen im Zeitalter der sozialen Medien. Ihr junges Alter und ihre provokative Rhetorik («ich will, dass ihr in Panik geratet») bewirkten eine enorme Polarisierung, die maximale Aufmerksamkeit garantiert:

  • Die einen verehren Greta wie eine Heilige. Es sind mitnichten nur Jugendliche. Irritierend ist, wie Greta von den Mächtigen aus der Erwachsenenwelt hofiert wird. Der Papst, Ex-US-Präsident Barack Obama, Kanzlerin Angela Merkel oder auch WEF-Gründer Klaus Schwab empfangen die 16-Jährige wie eine Staatschefin. Die religiösen Parallelen gehen über Greta hinaus: Der Öko-Bannstrahl trifft jeden, der sich nicht keusch verhält bezüglich Fleisch, Flugzeug und Genuss ganz generell.
  • Die anderen verabscheuen Greta wie eine Hexe. Sie wünschen ihr den Tod, wenn sie im Boot über den Atlantik segelt. Sie erfinden Verschwörungstheorien und erhalten viele Likes dafür. Etwa, dass Greta eine Marionette von finsteren Mächten sei, die eine Öko-Diktatur errichten möchten. Einen Verbündeten haben diese Leute im US-Präsidenten, der den Klimawandel weiterhin standhaft leugnet.

Kult und Verwünschung – es scheint fast so, als sei die Welt im Greta-Jahr vor die Aufklärung zurückgefallen. Doch ganz rational betrachtet, was wurde dieses Jahr beim Klimaschutz erreicht?

Gewinne für die Grünen und Klimanotstand - davon hat das Klima vorerst einmal gar nichts

Dass die Öko-Parteien die Wahlen gewannen, die FDP sich einen grünen Anstrich gab, Kantone den Klimanotstand ausriefen und der Städteflug mit schlechtem Gewissen bestraft wird: Davon hat das Klima vorerst einmal gar nichts.

Denn zwischen Worten und Wählen einerseits, Taten und Verhalten andererseits besteht ein Widerspruch. Nichts zeigt das so gut wie die Flugbewegungs-Statistik. Fliegen war im Jahr 2019 beliebt wie nie zuvor. Schwermotorige Autos ebenfalls. Und die Abschaltung des emissionsfreien AKW Mühleberg dürfte die Schweizer Klimabilanz erst mal verschlechtern.

Auch realpolitisch fällt die Bilanz ernüchternd aus. Eben wurde die Klimakonferenz in Madrid ohne Ergebnis beendet. In Frankreich siegten die Gelbwesten über die Klimademonstranten: Die Benzinpreiserhöhung ist vom Tisch.

Entscheidend für 2020 wird sein, ob die Klimabewegung den politischen Druck aufrechterhalten kann. Zweifel sind angebracht. Denn Teile davon radikalisieren sich («Extinction Rebellion») und verlieren dadurch an gesellschaftlicher Unterstützung. Und die Klimajugend, die viele Sympathien geniesst, zeigt Ermüdungserscheinungen. Die linksgrüne «Wochenzeitung» schreibt:

Die Mobilisierung funktioniere weniger gut, das Thema sei «bei den Jüngeren zum Teil nicht mehr cool, der Trend vorbei».

Die Klimabewegung abzuschreiben wäre aber falsch. Ihr Thema wird nicht verschwinden. Heisse Sommer und schmelzende Gletscher werden uns gnadenlos daran erinnern. Wenn man sich von der Greta-Fixierung löst, ist das eine Chance: Klimaschutz muss von den Symbolen wegkommen und konkret werden.

Technische Innovationen werden am meisten bewirken, verbunden mit klugen Anreizen, die klimafreundliches Verhalten belohnen – ohne die Staatsquote zu erhöhen.

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