Interview

Anonyme Kritik: Das sagt Politologe Michael Hermann zu seinen Online-Umfragen und seiner GLP-Nähe

Politologe Michael Hermann: «Das Pendel schlägt zurück. Der Brexit hat Europa stabilisiert.»

Politologe Michael Hermann: «Das Pendel schlägt zurück. Der Brexit hat Europa stabilisiert.»

Erstmals erklärt Politologe Hermann im Detail, wie seine Online-Umfragen funktionieren. Sein Forschungsinstitut Sotomo hat dafür ein eigenes Panel mit 44'000 Email-Adressen. Und er sagt auch, dass er mit mehreren GLP-Politikern befreundet ist.

Das Interview mit Politologe Michael Hermann findet telefonisch statt. Er antwortet darin auch auf Kritik aus den Parteien an seinen Online-Umfragen und an seiner GLP-Nähe. Kritik, die so kurz vor den Wahlen praktisch nur hinter vorgehaltener Hand zu hören ist.

Wer wird am Sonntag jubeln? Die Grünen?

Michael Hermann: Der Zuwachs der Grünen ist sehr deutlich. Wie gross der Jubel ausfällt, hängt auch davon ab, ob sie die Umfragen über- oder untertreffen. Die Erwartungen sind sehr hoch. Das ist auch eine Herausforderung für die Grünen.

Und bei wem erwarten Sie lange Gesichter?

Am ehesten bei SVP, CVP, BDP und FDP. Da die Erwartungen bei CVP und BDP tief sind, wären sie wohl zufrieden, wenn sie weniger verlieren als prognostiziert. Die SVP würde einen Verlust von «nur» 2,1 Prozent bereits als Erfolg werten. In Zürich hatte sie bei den Kantonswahlen im Frühling noch über 5 Prozent verloren.

Was ist das entscheidende Merkmal dieser Wahl?

Die völlig unterschiedlichen Voraussetzungen in zwei aufeinanderfolgenden Wahlen. 2015 dominierte das Zuwanderungsthema sehr stark. Generell war eine Stimmung gegen den «Mitte-Links-Bundesrat» spürbar. SVP und FDP gewannen, es gab einen historisch gesehen ungewöhnlichen Ruck nach rechts. Wir befanden uns am Vorabend von Durchsetzungsinitiative, Brexit und Wahl Donald Trumps. Es waren rechte Themen, die mobilisierten, bis weit ins Mitte-Lager.

2019 passiert das Gegenteil?

Das Pendel schlägt zurück. Der Brexit hat Europa stabilisiert. Dazu kommt natürlich das Klimathema. Bei den letzten Wahlen spielte es keine Rolle, nun mobilisiert es das linke Lager bis in die Mitte sehr stark. Wir haben sozusagen gespiegelte Voraussetzungen.

Entscheiden die Jungen die Wahlen? Sie sind überproportional am Thema Klima interessiert.

Neben den Jungen sind auch die Frauen deutlich stärker am Thema Klima interessiert als die Männer. Grüne und Grünliberale gewinnen viele neue junge Wähler. Dort findet eine veritable Verjüngungskur statt.

Im Gegensatz zur SVP: Sie hat ein Problem mit der Überalterung?

Sie hat sehr hohe Wähleranteile bei der älteren Bevölkerung und kommt zurzeit deutlich weniger gut an bei den Jungen.

Mit Sotomo und Tamedia gibt es 2019 erstmals bei Wahlen in der Schweiz nur noch Online-Umfragen. Was bedeutet das?

Es wäre grundsätzlich sowieso besser, wenn wir mehr als nur zwei Umfrageserien hätten. In Österreich gab es Umfragen von sieben Instituten zu den Wahlen. Einschränkend muss man allerdings sagen: Sie hatten am Schluss fast identische Ergebnisse und lagen alle ähnlich daneben: Sie unterschätzten den Zuwachs der ÖVP und die Verluste der FPÖ um je fast vier Prozentpunkte.

Befindet sich die Umfragebranche in einem Umbruch wie die Medienbranche?

Es gibt tatsächlich einen vergleichbaren Umbruch. Die Preise sind stark unter Druck. Die Marktforschung setzte zunehmend auf Online-Umfragen. Der Wandel bietet Sotomo allerdings gute Chancen. Wir sind klein, haben schlanke Strukturen, können dennoch grosse Umfragen machen.

In der Umfragebranche gebe es einen ähnlichen Umbruch wie in der Medienbranche, sagt Michael Hermann.

In der Umfragebranche gebe es einen ähnlichen Umbruch wie in der Medienbranche, sagt Michael Hermann.

SP-Generalsekretär Michael Sorg kritisierte auf Twitter Ihr Monopol: Sie machten Umfragen für SRG, Tamedia und CH Media, zu der auch dieses Onlineportal gehört, – und kommentierten sie auch noch selber.

Jahrelang gab es im Bereich der politischen Umfagen nur einen wirklich relevanten Player: das Forschungsinstitut GfS Bern. Es ist heute mit neuen Köpfen sehr gut aufgestellt und es gibt daneben die Firma LeeWas, welche die allermeisten Tamedia-Umfragen macht und dann noch uns. Das sind immer noch wenige, aber im Vergleich zu früher ist das richtig vielfältig.

Auch in den USA gab es 2014 nur noch Online-Umfragen. Das änderte sich wieder. Ist das auch in der Schweiz denkbar?

Ich fände es gut, wenn es noch Telefon-Umfragen gäbe. Das würde die Verantwortung auf verschiedene Köpfe, Firmen und Methoden verteilen. Das würde uns entlasten. Es ist nicht nur angenehm, wenn die Wahrnehmung so stark auf uns und auf mich als Kopf gerichtet ist. In der Schweiz ist ein Prozent Verschiebung schon eine grosse Sache, deshalb sind die Anforderungen an die Genauigkeit von Wahlumfragen fast unmenschlich gross. Ob eine Umfrage telefonisch oder online gemacht wird, ist heute allerdings nicht mehr so entscheidend. Wichtig ist, dass eine Umfrage politisch und soziodemographisch gewichtet wird.

Die Parteien kritisieren hinter vorgehaltener Hand Ihre Umfragen, weil sie nicht wissen, wie sie funktionieren. Können Sie es erklären?

Wir haben zwei Kanäle. Einerseits rekrutieren wir die Befragten für das SRG-Wahlbarometer auf den SRG-Homepages. Diese Umfrage ist offen für alle, die sich interessieren. Andererseits haben wir unser eigenes Befragungspanel, das aus 44'000 Personen besteht, die wir über E-Mail kontaktieren können.

Wie kamen diese Adressen zusammen?

Wir laden die Leute bei all unseren Umfragen ein. Bei der SRG aber auch auf Portalen wie Facebook, «20Minuten», «Blick», «Tages-Anzeiger», «Le Matin». Im Laufe der Jahre sammelten wir immer mehr Adressen. Wichtig ist nun, dass wer schon lange im Panel ist, als verlässlicher gilt als ein neu Eingetragener. Entsprechend stärker gewichten wir ihn in den Umfragen.

In der Oktober-Welle des Wahlbarometers hatten Sie 12'000 Befragte. Wie viele kommen von der SRG-Homepage, wie viele vom Panel?

Ein grösserer Teil kommt vom Panel.

Und wie viele Befragte müssen Sie aussortieren? 30 Prozent?

Es sind längst nicht so viele echte Fake-Teilnehmer. Bei einer nationalen Umfrage scheidet man aber eher rigide aus, weil es genug Befragte gibt.

Kann man sagen: Bei 12'000 Befragten wurden 4000 ausgeschieden?

Es gibt Umfragen, in denen wir bis zu einem Drittel ausscheiden.

Was tun Sie gegen fliegende IP-Nummern und Leute mit Decknamen?

Wir können sie gut eruieren. Eine Herausforderung ist bei offenen Umfragen vor allem die Mobilisierung.

Die Parteien mobilisieren tatsächlich, um bei Umfragen besser wegzukommen. Der CVP erklärten Sie nach der Welle vom Februar, als sie auf 11,3 Prozent kam, Sie müssten sie nach unten korrigieren.

Die CVP wollte von mir wissen, wie die Resultate aussehen. Und ich antwortete, ich hätte sehr wohl realisiert, dass die CVP stark mobilisierte. Aber das ist nichts Besonderes, wir korrigieren immer.

Bei allen Parteien?

Es gibt Muster. Einzelne Parteien mobilisieren stärker als andere für die Teilnahme an der Umfrage.

Wer mobilisiert stärker?

Das sage ich nicht. Es gibt aber keine Parteien, die nicht mobilisieren.

Wer mobilisiert am stärksten?

Die CVP ist schon sehr aktiv.

Medienportale haben alle eine politische Färbung. Wie gewichten Sie diese?

Wichtig ist immer die Gewichtung nach Referenzabstimmungen. Da kennen wir das wahre Resultat. Um eine grössere Breite von Befragten zu haben, ist es von Vorteil, Personen aus den unterschiedlichsten Portalen für das Panel zu gewinnen.

Das SRG-Portal gilt als rot-grün gefärbt.

Es gibt nur einen grossen Gap: Auf Portalen wie Facebook, «20Minuten» und «Blick» sind auch SVP-Wähler gut erreichbar, die auf den meisten anderen Newsportalen unterrepräsentiert sind. Der grosse Vorteil des Panels besteht aber darin, dass man immer dieselbe Gruppe befragen kann und so relative Veränderungen sofort erkennt.

Die Parteien möchten, dass Sie die Rohdaten offenlegen. Wie sehen die aus?

Ich nehme an, es geht um die integralen Befragungsdaten. Ich verstehe, dass die Parteien diese Daten gerne hätten. Dann könnten sie eigene Auswertungen machen. Nur: Kein Befragungsinstitut gibt seine Daten einfach heraus. Sie sind sein Mehrwert.

Im Vertrag mit der SRG gibt es offenbar die Klausel, dass Sotomo die Rohdaten herausgeben muss, wenn Experten anfragen. Stimmt das?

Die SRG entscheidet letztlich, was sie mit diesen Daten macht.

Gehören die Daten der SRG?

Die Daten gehören uns. Die SRG kann aber mitreden.

In Ihrer letzten Umfrage fiel auf, dass die FDP plötzlich 1,2 Prozent Wähler verlor. Haben Sie da neu gewichtet?

Die Gewichtung wird im Verlaufe der Zeit generell optimiert. Bei der FDP stellten wir aber zwischen September- und Oktober-Umfrage einen Stimmungsumschwung fest. Es wechselten kaum mehr SVP-Wähler zur FDP, dafür flossen deutlich mehr FDP-Wähler zur SVP ab als zuvor.

Auch bei der SP gab es einen auffälligen Einbruch: Im Februar 2019 sank sie plötzlich von 19,3 auf 17,4 Prozentpunkte.

Das lag an der Europa-Debatte, die plötzlich über die SP hereingebrochen war. Im Februar sprang das Thema Europa an die Spitze, seine Bedeutung sank seither wieder.

Noch im August betrug die Fehlerquote der Umfrage 1,2 Prozent, im Oktober stieg sie auf 1,4 Prozent. Obwohl sie eigentlich sinken müsste, je näher die Wahlen rücken. Weshalb stieg sie?

Im August machten 18'000 Personen an der Umfrage mit. Deshalb war der Stichprobenfehler tiefer als im Oktober mit 12'000 Teilnehmern.

Was in den Parteien immer wieder zu reden gibt, ist Ihre Nähe zur GLP. Sind Sie Mitglied der GLP?

Nein. Ich bin Mitglied keiner Partei. Aber ich war politisch immer schon zwischen SP und FDP positioniert und heute macht mich das tatsächlich GLP-nah.

Haben Sie Mandate der GLP?

Nein. Aber ich bin befreundet mit Nicola Forster und Corina Gredig, den Co-Präsidenten der GLP Zürich. Und mit GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy. Ich finde es gut, wenn das transparent ist.

Michael Hermann ist mit Corina Gredig und Nicola Forster befreundet, den Co-Präsidenten der GLP Kanton Zürich.

Michael Hermann ist mit Corina Gredig und Nicola Forster befreundet, den Co-Präsidenten der GLP Kanton Zürich.

Haben Sie andere Mandate?

Substanzielle Mandate für Datenanalysen hatte ich bisher eigentlich nur von der FDP. Inputreferate mache ich aber im ganzen Spektrum von der SP-Fraktion bis zum Kuratorium Blau/Weiss, der Gönnervereinigung der SVP des Kantons Zürich, wo Christoph Blocher dann jeweils die Gegenrede hält. Und letzthin habe ich– unabsichtlich – Roger Köppel geholfen.

Wie kam es, dass Sie den «Weltwoche»-Verleger und SVP-Nationalrat unterstützten?

Es wäre viel logischer, wenn die SVP verstärkt die Kosten der Klima-Massnahmen thematisieren würde, statt in Richtung Leugnung des Klimawandels zu gehen, sagte ich in einem «Weltwoche»-Interview.

Mit welchen Folgen?

Roger Köppel änderte auf einmal seine Position entsprechend. Letztlich bin ich vor allem neugierig und erkenntnisorientiert. Und so hilft man manchmal auch jenen, die politisch ganz woanders stehen.

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Autor

Othmar von Matt

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