Er tut so, als wäre nichts geschehen. Kurt Häfliger bedient in seiner Apotheke seelenruhig Kunden und geht zwischen den Regalen umher. Der 73-Jährige wirkt voll im Schuss. Nichts deutet darauf hin, dass sich eine Apotheke am Zürichberg mitten in einem Spendenskandal befindet, der in Deutschland hohe Wellen schlägt. Es geht um die Rechtspartei Alternative für Deutschland AfD und illegale Parteispenden aus der Schweiz.

Am Montag machte unter anderen die «Süddeutsche Zeitung» publik, dass die AfD eine nicht zulässige Spende aus der Schweiz bekam. 130'000 Euro sind laut Kontoauszügen, aus denen die deutschen Medien zitieren, auf das Konto des AfD-Kreisverbandes Bodensee geflossen. Das entspricht etwa 150'000 Franken. Absender des Geldes ist die Firma PWS Pharma Whole Sale International AG, die ihren Firmensitz im noblen Kreis 7 in Zürich hat. Geschäftsführer ist Kurt Häfliger, der an der gleichen Adresse eine Apotheke betreibt.

Ungemach vom Lieferanten

Die AfD-Spende wird nun zum Problem für Häfliger. Zum einen musste die Apotheke am Montag Umsatzeinbussen hinnehmen. Laut dem geschäftsführenden Apotheker, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, mieden Stammkunden das Geschäft wegen des Andrangs von Journalisten. Zum anderen droht Häfliger als Geschäftsführer von PWS Pharma Whole Sale International Ungemach. Ein langjähriger Lieferant sagte auf Anfrage dieser Zeitung, er werde die Geschäftsbeziehung mit Häfliger überdenken. Er wolle nicht, dass sein Name mit der AfD in Verbindung gebracht werde.

Schleierhaft ist, woher die AfD-Spende wirklich kommt. Denn die ins Kreuzfeuer der Kritik geratene Pharma-Firma soll laut dessen Verwaltungsrat Balz Jegge nicht Urheberin der Zahlung sein. Geschäftsführer Häfliger habe das Geld «treuhänderisch» im Auftrag eines «Geschäftsfreundes» überwiesen, sagte er verschiedenen Zeitungen. Häfliger habe diesem einen Gefallen tun wollen und soll nicht gewusst haben, dass das Geld für die AfD bestimmt gewesen sei.

Die Frage, von wem die Spende stamme, liessen die beiden gestern aber weiterhin offen. Auch, ob es sich um einen Schweizer oder einen deutschen Spender handle, wollten sie nicht verraten.

Die Spende sorgt für Wirbel, weil Parteispenden in Deutschland im Unterschied zur Schweiz klaren Regeln unterstehen. So dürfen Parteien keine Spenden aus dem nicht europäischen Ausland annehmen. Zudem müssen Beträge von mehr als 50 000 Euro dem Bundestagspräsidenten sofort gemeldet werden. Später müssen der Absender und die Höhe des Betrages publiziert werden. Die 130'000 Euro flossen in Tranchen von je 9000 Euro über Zürich nach Deutschland.

Offenbar realisierte auch die AfD, dass die regelmässig eintreffenden Spenden nicht rechtens sind. So hat sich die Schatzmeisterin des Kreisverbandes Bodensee bei der nationalen Partei danach erkundigt, wie mit den Spenden zu verfahren sei. Dies geht aus E-Mails hervor, die ebenfalls den Weg in die deutsche Presse gefunden haben. Eine Antwort habe sie aber lange nicht erhalten.

Bestimmt waren die Spenden, die während des Bundestagswahlkampfes im Jahr 2017 flossen, für die Spitzenkandidatin und Co-Vorsitzende Alice Weidel. Den zu Journalisten durchgesickerten Kontoauszügen zufolge wurden mit dem Geld aus der Schweiz mehrere Anwaltsrechnungen in insgesamt fünfstelliger Höhe bezahlt. Im April 2018, also lange nach den Bundestagswahlen, wurde die Spende tranchenweise wieder in die Schweiz zurücktransferiert.

Alice Weidel kommt wegen der Spenden nun parteiintern unter Druck. Der baden-württembergische AfD-Landeschef Ralf Özkara erwartet von ihr einen Rücktritt von allen Ämtern, sollte die Spende illegal sein. Weidel wies die Forderung zurück. Die Spende sei nicht auf ihrem Konto gelandet, sondern auf dem des Kreisverbandes. Rückendeckung erhielt sie gestern von ihrem Kollegen im Fraktionsvorstand der AfD im Bundestag. Alexander Gauland nahm sie in der «Bild» in Schutz.

Namen hinter Balken

Für die Apotheke und deren Inhaber wäre die Geschichte beinahe glimpflich ausgegangen. Der Name der Zürcher Pharma-Firma war in den ersten Berichten der deutschen Medien mit schwarzen Balken zensiert gewesen. Findige Rechercheure machten den mit Filzstift überdeckten Namen aber mittels einem Bildbearbeitungsprogramm und ein paar Kniffen sichtbar und verbreiteten den Firmennamen über die sozialen Medien. Daraufhin berichteten zahlreiche Zeitungen.

Ans Licht kam auch die Vergangenheit Häfligers, der zwar eine Apotheke betreibt, selbst aber nicht Apotheker ist. Laut «Blick» wurde Häfliger wegen Misswirtschaft im Zusammenhang mit einer Versandapotheke verurteilt. Die «NZZ» fand heraus, dass er zudem zur Zahlung von 10 Millionen Schadenersatz verurteilt worden sei, die er nun zusammen mit zwei Mittätern abstottern soll. Gerne hätte man gewusst, was Häfliger selbst zu all dem sagt, doch für Journalisten war er gestern nicht zu sprechen.