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Zuger Modedesignerin betreibt einzige 20er-Jahre-Boutique in Berlin

Vor einem Jahr öffnete Virginie Henzen im Szenebezirk Friedrichshain ihre Modeboutique «Le Boudoir». Der Name passt zu diesem kleinen Geschäft, das einen beim Betreten in eine fast 100 Jahre zurückliegende Epoche zurückversetzt.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Die Zugerin Virginie Henzen hat sich der Mode der goldenen 1920er-Jahre verschrieben. ho

Die Zugerin Virginie Henzen hat sich der Mode der goldenen 1920er-Jahre verschrieben. ho

Wir kommen mit einer fünfzehnminütigen Verspätung zum vereinbarten Termin im «Le Boudoir» im Berliner Stadtteil Friedrichshain. Virginie Henzen begrüsst den Fotografen und den Journalisten in ihrer Modeboutique mit einem etwas strengen, prüfenden Blick. Sie verlangt nach einer Erklärung.

Rasch lockert sich die Atmosphäre auf, aber die erste Begegnung an diesem späten Donnerstagnachmittag lässt keine Zweifel: Virginie Henzen ist eine selbstbewusste junge Frau, warten lassen sollte man die 29-Jährige besser nicht. Kein Wunder, hat sich die Zugerin der Mode einer Zeitepoche verschrieben, die für ein neues Selbstbewusstsein der Frau steht wie kaum eine andere: die goldenen 1920er-Jahre. Die Wirtschaft florierte in der kurzen Epoche zwischen 1924 und dem Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 dank fauler Kredite, die Zeit der Hungersnöte, der politischen Instabilität und der Revolten nach dem Ersten Weltkrieg war zumindest für eine kurze Zeit vorüber.

In Berlin, der Hauptstadt der jungen Demokratie der Weimarer Republik, manifestiert sich ein neues Lebensgefühl. Kinos öffnen ihre Pforten, in den Ballhäusern entlang des Kurfürstendamms tanzen sie zu Swing, am Berliner Broadway gibt es Kleinkunst, das Leben pulsiert in den unzähligen Bars und Teestuben. «Die Zeit der goldenen 1920er-Jahre ist mit keiner anderen Zeitepoche zu vergleichen. Es war eine kurze Phase der politischen Entspannung, das Lebensgefühl war geprägt von Hedonismus», sagt die in Oberägeri geborene und in Zug aufgewachsene Modedesignerin. Vor allem die Frauen befreiten sich damals von den früheren gesellschaftlichen Zwängen und entwickelten ein eigenes Selbstbewusstsein. Die junge Generation amüsierte sich in Bars und Teehäusern, Rauchen war nicht mehr nur den Herren vorenthalten, Alkohol floss reichlich.

«Wie sich die Frau selbst gesehen hat»

Auch in der Mode gingen die Frauen neue, eigene Wege. Vorbei waren die Zeiten, als männliche Schneider und Modefachleute bestimmt hatten, wie kurz der Rock zu sein hat. «Die Frau kleidete sich damals, wie sie es für richtig hielt, wie sich die Frauen damals selbst gesehen haben», sagt Henzen, die nach einer Schauspielausbildung in Zürich vor sieben Jahren in die deutsche Hauptstadt gezogen ist.

Vor einem Jahr öffnete Henzen im Szenebezirk Friedrichshain ihre Modeboutique «Le Boudoir». Der Name passt zu diesem kleinen Geschäft, das einen beim Betreten in eine fast 100 Jahre zurückliegende Epoche zurückversetzt. Le Boudoir heisst, frei übersetzt, so viel wie Ankleidezimmer. Die Wände in Henzens Boutique sind geschmückt mit original Schwarz-Weiss-Fotografien der damaligen Zeit, zu sehen sind darauf elegant gekleidete junge Frauen im Capelet oder in orientalisch angehauchten Überwurfkleidern. Neben eleganter Damengarderobe gibt es auch eine kleine Auswahl an feinen Herrenanzügen der 1920er-Jahre. Daneben hat es Accessoires wie Zylinderhüte, Fliegen, Damenhüte und schicke Taschen, Schuhe, Glasperlen- und Federschmuck.

Henzen hat schon wenige Monate nach Eröffnung ihrer Modeboutique erkannt, dass ein grosses Bedürfnis an Kostümen und Kleidern der 20er besteht. «Le Boudoir» ist die einzige Modeboutique in der 3,5-Millionen-Metropole, die sich ganz dieser Zeitepoche verschrieben hat. 2016 gründete Henzen mit «Tilda Knopf» ihr eigenes Modelabel. Im Rahmen der 20er-Jahre-Party-Reihe «Bohème Sauvage» präsentierte Henzen kürzlich ihre Kollektion «Flapper at Heart» vor 700 Partybesuchern. Es war die erste reine 20er-Jahre-Modeschau in Berlin. Henzen arbeitet bereits an einer neuen Kollektion von eleganten Abendkleidern. Wohin sie die Reise führen wird, weiss die 29-Jährige nicht. Vielleicht wird sie ihre Mode dereinst auch in der Schweiz präsentieren, es wäre ihr Traum.

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