Transsibirische Meiereien - Vergorene Stutenmilch

Die tägliche Portion Meiereien aus der Aargauer Zeitung.

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KUMYS HEISST das mongolische Nationalgetränk. Es handelt sich dabei um vergorene Stutenmilch. Den Journalisten im Waggon 4 des Sonderzuges war klar: Wir sind schon von Berufes wegen offen für alles, was ein Land uns anbietet. Aber vergorene Stutenmilch - nein, darauf verzichten wir gerne. Das dachte sich auch der Kolumnist der Aargauer Zeitung.

AN DIESEM NACHMITTAG verliessen sie den Zug für einen Abstecher ins Jurtencamp im Gebirge. Inmitten von bizarren Felsformationen und umgeben von Lärchenwäldern luden die Nomaden zum Essen am Feuer; das in der Milchkanne zubereitete Lamm mundete köstlich; es gab dazu Bier oder Wasser; aber weit und breit keine Spur von Kumys. Es folgten eine kurze Reiterschau und spektakuläre Ringkämpfe, eigens arrangiert für die Gäste aus dem Zug.

DANN KOMMT die deutschsprechende mongolische Rieseführerin, zupft den Kolumnisten leicht am Arm und führt ihn in eine Jurte. Dort sitzen bereits zwei Ehepaare aus Holland aus Wagen sechs; er setzt sich auf den einzigen noch freien Stuhl. Das Fass am Eingang sieht er erst später. Die Führerin dolmetscht das Gespräch mit der dreiköpfigen mongolischen Familie; ja, sie sind Nomaden, sie haben Kamele und einen alten Pickup und ein Motorrad zum Transport; nein, sie frieren nicht, auch nicht bei minus 20 Grad; ja, das Kind geht meistens zur Schule, lebt dann aber im Internat.

DIE FRAU geht zum Fass, schöpft mit einer grossen Kelle eine weisse Flüssigkeit in ein grosses, mit Ornamenten verziertes Chacheli und reicht es ihm, dem Kolumnisten. «Kumys», sagt die Frau und lächelt. Er schaut sich verzweifelt um. Doch die Holländer sind bereits geflohen. Er ist alleiniger Gast unter Mongolen. Es gibt kein Entrinnen. Er lächelt zurück, nimmt allen Mut zusammen und trinkt. Es schüttelt ihn und die Kindheitstraumata von Griessbrei und Kutteln kommen wieder hoch.

joerg.meier@azag.ch

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