Pro und Kontra

Natürlich oder künstlich: Ein Christbaum für die Romantik oder für die Natur?

Haben Sie einen natürlichen oder einen künstlichen Christbaum in der Stube? (Symbolbild)

Haben Sie einen natürlichen oder einen künstlichen Christbaum in der Stube? (Symbolbild)

Ein künstlicher Christbaum belastet die Umwelt nicht – dafür aber vielleicht die besinnliche Adventszeit, findet Stagiaire Andreas Fahrländer. AZ-Autor Max Dohner findet, auch ein künstlicher Baum könne Romantik versprühen.

Plastik oder Natur beim Christbaum? Die stets häufiger gestellte Frage hat einen ökologischen Aspekt, klar. Aber im Kern ist es eine Frage über «echt» oder «unecht». Keine ganz unwesentliche Frage – im Advent.

PRO von az-Autor Max Dohner: «Manchmal ist wirklicher Zauber von Watte umhüllt»

Was an Weihnachten ausstrahlt, hängt nicht davon ab, ob ein künstlicher Christbaum im Wohnzimmer steht.

Unterscheidungsvermögen ist von steigender Dringlichkeit heute – und es wird dringlicher noch in Zukunft. Nämlich unterscheiden zu können zwischen Natur und Künstlichkeit. Die Blähung des Wortes «authentisch» weist feinere Ohren längst darauf hin: Das Unterscheidungsvermögen von echt und künstlich schrumpft – ähnlich rasch wie Gletscher oder der Bestand von Giraffen.

Unterm Christbaum denkt man drüber nach – nutzen wir den stillen Schein! Ich höre, weit empfehlenswerter als echte Kerzen sei elektrisches Gelichter, wegen der Brandgefahr. Es gebe jetzt E-Kerzen, deren lieblich pseudo-flackernder Glanz von Kerzen kaum mehr zu unterscheiden sei. Ich drücke oft die Fingerbeere auf Kerzen; gibts einen Abdruck, ist’s noch treu-alter Wachs, und mein Lebensabdruck schmilzt mit.

Wichtiger ist der Baum. Nun, da ich wohl genügend eingeführt habe, dass ich nicht Bling-Bling, sondern natürlichen Zauber vorziehe, dürfte es überraschen, wenn ich solchen Zauber auch einem künstlichen Baum abgewinne. Das heisst noch lange nicht Plastik! Aber es bedeutet, dass Zauber auf geheimnisvolle Weise Wirkung entfaltet, vielschichtig, immer aber aus unserem Inneren, sozusagen mit dem Kerzenschein unseres Denkens und Fühlens.

Den zauberhaftesten künstlichen Baum habe ich in einer Wellblech-Hütte in Zentralamerika gesehen. Und darum einmal sogar in der Schweiz kopiert: ein dürres Geäst, ein baumartiges Skelett, schwarzbraun, keine Blätter, geschweige denn Nadeln. Und dann wickelten Frauenhände um jeden einzelnen Ast, ebenso geduldig wie sanft, Baumwollwatte.

Eine Arbeit von Stunden: den Strunk, über die Gabelungen bis hinaus zur feinsten Verästelung. Bis dem schwarzen Skelett ein filigraner Schneebaum entwachsen war. Weil Fotos von Weihnachten zeigten, wie es sein sollte oder war: immer mit Schnee. Und seit Menschengedenken kein Schnee fiel in Zentralamerika.

Das war ein zauberhaft trauriger Baum. Der nichts kostete und schöner war als jede Schmucktanne in der Shopping-Mall. Mit nichts behängt, nur von Watte umhüllt, reich an Demut, volkstümlicher Frömmigkeit, Erlösungstraum. Kein Glimmbesen, aus dem Forst geschlagen und überladen mit der überall gleichen, geistlosen Dekoriersucht.

KONTRA von Andreas Fahrländer, Stagiaire: «Gibt es Schöneres als den Duft von frischem Tannenharz?»

Ein künstlicher Christbaum ist in etwa so romantisch, wie das Weihnachtsmenü beim Pizzakurier zu bestellen.

Den Weihnachts-Geschäftemachern scheint dieses Jahr nichts mehr heilig. Allenthalben schmücken leuchtblaue Lichterketten Balkone und Fenster. Früher freute man sich über warmes Kerzenlicht in der dunklen Jahreszeit. Heute kann die Weihnachtsbeleuchtung nicht grell genug sein.

Da passt es, auch den künstlichen Weihnachtsbaum aus Plastik gleich zusammen mit den geschmacklosen Lichterketten und den Neon-Rentieren im Baumarkt zu kaufen. Plastiktannen mögen verlockend sein. Sie nadeln nicht, sie brennen nicht so leicht und können nach dem Fest einfach im Keller verstaut werden. Dort verstauben sie dann vor sich hin, bis man sie wieder heraufholt. Alle Jahre wieder derselbe Weihnachtsbaum.

Naturschutz in allen Ehren, aber künstliche Christbäume in die Stuben zu stellen, ist etwa so romantisch, wie das Weihnachtsmenü beim Pizzakurier zu bestellen. Was gibt es Schöneres, als in der Weihnachtszeit aus der Kälte in die warme Wohnung zu kommen und den Duft von frischem Tannenharz zu riechen? Die Nadeln der künstlichen Bäume werden im Spritzgussverfahren aus Polyvinylchlorid oder Polyethylen gespritzt und um einen Draht gewickelt.

Es versteht sich von selbst, dass auf künstliche Tannen nur künstliche Kerzen gehören. In Amerika ist der «artificial Christmas tree» längst gang und gäbe. Das passt in das Land, wo Schein mehr zählt als Sein. In unseren Gefilden ist seit einiger Zeit die Nordmanntanne am beliebtesten – weil sie so wenig nadelt und nicht sticht. Die Ökobilanz von importierten Bäumen aus Skandinavien ist in der Tat alles andere als vorbildlich. Aber was spricht gegen einen Baum aus dem heimischen Wald?

Schweizer Christbäume werden ökologisch nachhaltig angepflanzt, haben kurze Transportwege und kommen in aller Frische ins Wohnzimmer. Als Kind habe ich mich den ganzen Advent gefreut, vor Heiligabend einen Baum auszusuchen. Jedes Jahr einen anderen. Manchmal war er klein, manchmal gross, manchmal etwas krumm und schief.

Aber jeder Baum war ein Einzelstück und roch himmlisch nach Wald und Natur. Eigentlich geht es doch an Weihnachten nicht um Glanz und Glitzerkram, sondern um Nächstenliebe und Besinnung auf das wirklich Wichtige im Leben. Ein echter Christbaum in der Stube hilft vielleicht dem einen oder anderen, daran zu denken.

Meistgesehen

Artboard 1