Child's Dream
«Man nimmt Tag für Tag und hofft, dass man am Abend genug zu essen hat»

Der Oberengstringer Daniel Siegfried hat sein Leben als Schweizer Banker aufgegeben, gründete das Hilfswerk für Kinder Child’s Dream und lebt seither im Norden Thailands

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Daniel Siegfried

Daniel Siegfried

Schweiz am Sonntag

Von Sandro Zimmerli

Daniel Siegfried, Sie hatten einen gut bezahlten Job bei einer Schweizer Grossbank und lebten zeitweise in Hongkong. Wie kommt man dazu, das alles hinter sich zu lassen, ein Hilfswerk namens Child's Dream zu gründen und seit 2003 in der thailändischen Provinz zu leben?

Daniel Siegfried: Es ist spannend. Viele Leute erwarten, dass mich ein einschneidendes Erlebnis dazu gebracht hat. Das war es aber nicht. Es ist viel mehr eine Lebensphilosophie, die ich schon immer in mir trug. Wahrscheinlich war ich nie der geborene Banker. Damals, als ich 15 Jahre alt war und mich nach einer Lehre umschaute, bin ich in die Fussstapfen meiner Schwester getreten, die ebenfalls auf einer Bank arbeitete. Man sagt ja gerne, eine Banklehre sei eine solide Ausbildung. Mir hat der Job auch Spass bereitet. Ich fand ihn spannend. Tief in meinem Inneren wusste ich aber, dass es nicht das ist, was ich mein Leben lang arbeiten will.

Worin sahen Sie dann Ihre Aufgabe?

Ich wollte etwas im sozialen Bereich machen. Als ich von der Bank aus nach Asien geschickt wurde, hat sich dieses Bedürfnis verstärkt. Dort habe ich mich dann vermehrt sozial engagiert. Als Schweizer Banker in Asien lebt man wie in einem goldenen Käfig. Man verdient gut und kann sich ein schönes Leben leisten. Allerdings lernt man fast nur andere Auslandschweizer kennen. Aus diesem Käfig wollte ich ausbrechen. Deshalb habe ich mich immer stärker in sozialen Einrichtungen engagiert. Je mehr ich das tat, desto geringer wurde meine Motivation, am Montagmorgen ins Büro zu gehen.

Und dann kam der Bruch?

Ja. Ich war damals, im Jahr 2003, 25 Jahre alt und hatte ein finanzielles Polster. Eine Familie hatte ich auch keine. Es war die Zeit gekommen, etwas zu riskieren. Also sagte ich mir, verwirkliche deinen Kindheitstraum und arbeite als Volontär in einer Hilfsorganisation. So kam ich nach Chiang Mai, in den Norden von Thailand. Dort habe ich als Volontär in einem Kinderhilfswerk begonnen.

In Chiang Mai sind Sie geblieben. Dort leben Sie noch heute und leiten das Büro Ihres eigenen Hilfswerkes.

Genau. Schon in den ersten Tagen als Volontär habe ich gemerkt, dass ich mich für diese Arbeit begeistern kann. Ich hatte unglaublich viel Energie und Motivation. Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie ich dieses Netzwerk, das ich durch die Bank hatte, für diesen guten Zweck nutzen konnte. Ich war in der privilegierten Lage, diese beiden Welten, jene der materialistischen Banken und jene der hilfsbedürftigen Menschen, zusammenzuführen. So hat alles begonnen. Ich machte mich daran, das Konzept für Child's Dream auszuarbeiten. An diesem Punkt kam dann Marc Jenni, auch Banker, dazu und wir legten los.

Ein Konzept zu schreiben ist das eine, es umzusetzen das andere. Wie muss man sich diesen Prozess vorstellen?

Ich habe als Volontär viel gelernt. Als Erstes geht es darum, herauszufinden, welche Bedürfnisse bei den Kindern vorhanden sind.

Es war also von Anfang an klar, dass Sie ein eigenes Kinderhilfswerk gründen wollten?

Für mich war klar, dass mein Hilfswerk zukunftsorientiert, also mit der neuen Generation, arbeiten will. Es geht mir darum, den Kindern die Möglichkeit zu bieten, ihr Leben später eigenständig bestreiten zu können.

Sie haben die Bedürfnisse der Kinder angesprochen. Welches sind die wichtigsten in dieser Region?

Einerseits das Bedürfnis nach Gesundheit, andererseits eines nach einer Ausbildung. Das sind die zwei wichtigsten Elemente. Es gibt in diesen Regionen viele Kinder, die weder einen Zugang zum Gesundheits- noch zum Bildungswesen haben. Das macht sie anfällig dafür, ausgebeutet zu werden. Sei das, dass sie zu Kinderarbeit oder zu Prostitution gezwungen werden. Wir haben schnell festgestellt, dass man diesen Kindern helfen muss. Unsere Idee war aber auch, dass wir das Übel an der Wurzel packen wollten. Deshalb haben wir die ersten Gesundheits- und Ausbildungsprogramme gestartet. Das heisst, wir haben rund 50 Schulen gebaut und spezifische Gesundheitsprojekte lanciert.

Daniel Siegfried

Der heute 31-jährige Daniel Siegfried ist in Oberengstringen aufgewachsen. Nach der obligatorischen Schulzeit absolvierte er eine Banklehre bei der UBS.

Für sie war er danach in Hongkong, Bangkok und Seoul tätig. Im Jahr 2003 kehrte er der Bank den Rücken und gründete das Kinderhilfswerk Child's Dream.

Er ist ledig und lebt heute in Chiang Mai, im Norden Thailands. (zim)

Sie bauen Schulen und starten Gesundheitsprojekte für Kinder. Wie aber kommen Sie mit diesen Kindern in Kontakt, holen Sie sie direkt von der Strasse oder werden sie Ihnen vermittelt?

Als wir begonnen haben, informierten wir uns als Erstes über existierende Hilfswerke in der Region. Dazu gehören viele Waisenhäuser oder Projekte für Strassenkinder. Wir haben dann begonnen, Geld zu sammeln, um diese bereits existierenden Projekte zu unterstützen. In den meisten Fällen halfen wir, indem wir neue Unterkünfte bauten oder die sanitären Anlagen ersetzten. Danach gingen wir aber relativ schnell einen Schritt weiter.

In welche Richtung?

Irgendwann stellte sich die Frage, woher all diese Kinder überhaupt kommen und warum sie in einem solchen Projekt enden. Das heisst, uns interessierte der Background des Kindes. Wo lebt seine Familie?

Was war Ihre Antwort?

Ich habe begonnen, die Geschichte der Kinder zurückzuverfolgen. Es scheint mir wichtig, dass ein Kind in seiner Familie aufwachsen kann. Deshalb sind wir dann spezifisch in diese Dörfer hinausgefahren, um uns ein Bild der Situation zu machen und um die Probleme dort zu lösen.

Und dann haben Sie damit begonnen, in diesen Dörfern Schulen aufzubauen?

Genau. Wir haben begonnen, mit der Bevölkerung eine Beziehung aufzubauen, und haben unsere Ideen vorgestellt. Auf diese Weise ist man eine Kooperation eingegangen. Wir haben an verschiedenen Orten Schulen gebaut, weil die Kinder in diesen abgelegenen Dörfern nicht die Chance haben, eine Schule zu besuchen. Gleichzeitig sind wir mit den thailändischen Behörden in Kontakt getreten und haben sie gebeten, uns Lehrer für diese Schulen zu vermitteln.

Wie muss man sich eine solche Kontaktaufnahme mit einer Dorfbevölkerung vorstellen, ist das schwierig oder geht das reibungslos über die Bühne?

Generell ist es so, dass eine Dorfbevölkerung am Anfang immer skeptisch reagiert. Es braucht folglich viel Zeit, um eine Vertrauensbasis aufzubauen. Deshalb verbringt man mehrere Tage in diesen Dörfern und lebt mit den Einwohnern zusammen. Mittlerweile spreche ich auch ihre Sprache. Das schafft zusätzlich Vertrauen.

Wie nimmt man auf der anderen Seite Kontakt zur Regierung auf?

Oftmals läuft der Kontakt über lokale Behörden, die einen bei den zuständigen Ministerien vorstellen. Das muss man sich gar nicht so schwierig vorstellen. Schwierig ist der Erstkontakt. Sobald man eine Beziehung aufgebaut hat, spricht sich herum, was wir machen. Ähnlich einem Schneeballsystem.

Sobald Sie in einem Dorf Fuss gefasst haben, stellt sich die Frage nach dem Geld. Wie organisieren Sie Ihre finanziellen Mittel?

Am Anfang war es die Familie oder der Freundeskreis, der uns unterstützte. Danach setzte eine Mundpropaganda ein. Zudem habe ich Freunde an meinen alten Arbeitsorten in Singapur, Hongkong und Südkorea kontaktiert. So kam das Ganze ins Rollen. Da wir unsere Spender in unsere Projekte involvieren, indem wir sie auf dem Laufenden halten oder indem sie uns besuchen und als Volontär arbeiten, verbreitet sich unser Name immer mehr.

Sie sprechen freiwillige Mitarbeiter an. Auch sie sind wichtig, damit Ihr Hilfswerk funktioniert. Wo rekrutieren Sie diese Volontäre?

Grundsätzlich rekrutieren wir Freiwillige auf der ganzen Welt. Wir stellen aber den Anspruch, dass sich die Leute für mindestens ein halbes Jahr engagieren. Denn es dauert eine gewisse Zeit, bis man sich in diesen Dörfern eingelebt hat. Dann werden diese Freiwilligen entsprechend ihren Fähigkeiten auf die einzelnen Projekte verteilt. Spricht jemand besonders gut Englisch, kann es sein, dass er als Englischlehrer an einer unserer Schulen eingesetzt wird.

Sie haben von einer gewissen Anpassungszeit gesprochen. Was erwartet einen, wenn man in einem abgelegenen Dorf arbeitet?

Grundsätzlich arbeiten wir in Dörfern, wo die Ärmsten zu Hause sind. Als Volontär wird man ein Teil dieser Dorfgemeinschaft. Strom hat es in den wenigsten Fällen. Fliessendes Wasser auch nicht. Auf den Tisch kommt oft Reis, da es das Grundnahrungsmittel ist. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite muss man sich darauf einstellen, dass das Leben dort viel langsamer und chaotischer ist als in Europa. Das ist oft auch das erste Feedback der Volontäre. Sie merken schnell, dass nicht alles so funktioniert, wie sich das vorstellen. Man plant dort nicht Jahre im Voraus, sondern nimmt Tag für Tag und hofft, dass man am Abend genug zu essen hat.

Nicht jeder ist zum Volontär prädestiniert. Gibt es viele Leute, die Sie frühzeitig nach Hause schicken müssen?

Eigentlich nur wenige, weil wir die Volontäre sehr genau prüfen, bevor sie in ein Projekt geschickt werden. Im Grunde läuft es wie bei einem Vorstellungsgespräch.

Hat man die Selektionskriterien erfüllt, beginnt die Arbeit mit den Kindern. Worauf gilt es dabei zu achten?

In einem Dorf ist das nicht so schwierig. Dort ist die Familie für das Kind verantwortlich. Der Volontär gibt aber Unterricht oder spielt mit den Kindern.

Diese Kinder sind teilweise auch traumatisiert. Wie geht man mit solchen Problemen um?

Das bekommt man am Anfang gar nicht recht mit. Erst wenn man beginnt, sich mit den Kindern auszutauschen, erfährt man etwas über ihre Geschichte. Das kann sehr starke Emotionen hervorrufen. Man muss lernen, damit umzugehen, ansonsten wird es schwierig, weiterzuarbeiten.

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