John Gath
«Idealer Zeitpunkt für Veränderung»

Michael Plüss, 39, ehemaliger Unternehmensberater bei PricewaterhouseCoopers, hat sich aus der Not heraus selbstständig gemacht. Im Interview mit der AZ sagt er, wie die Menschen von der Krise profitieren können.

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Michael Plüss

Michael Plüss

Aargauer Zeitung

Andreas Krebs

Herr Plüss, was läuft falsch in der Wirtschaft?

Michael Plüss: Die Kontrollmechanismen der Elite versagen. Was wir in den Medien lesen, ist übrigens nur die Spitze des Eisberges.

Wer soll denn diese Elite sein?

Plüss: Die 367 reichsten Familien der Welt. Sie besitzen 85 Prozent aller Aktien und Immobilien. Diese krasse Ungerechtigkeit kann in einer funktionierenden Wirtschaft durch gezielte Manipulation ohne Probleme vertuscht werden. Dann wird die Arbeitsleistung vieler dazu genutzt, die Vermögen der wenigen anzuhäufen. In der modernen Gesellschaft werden die Profite immer personifiziert auf einige wenige, Verluste hingegen auf die Allgemeinheit abgewälzt.

Und das dumme Volk merkt nichts davon?

Plüss: Jetzt in der Krise schon. Die Elite operiert äusserst geschickt und weiss um die Wichtigkeit des stillen Handelns. Und wir, die Masse, werden bewusst durch Reizüberflutung und Informationsexzesse am kritischen Denken gehindert - dies ist die Grundvoraussetzung, Menschen zu manipulieren und für die eigenen Ziele einzuspannen. Sich der Massenmanipulation zu entziehen, ist sehr schwierig, denn solange wir uns nach Lob, Anerkennung, Liebe, Zärtlichkeit, Freiheit, Ruhe, Macht und Abenteuer sehnen, werden Werbung, Staat, Kirche, Medien und die Menschen um uns herum diese Schwäche ausnutzen. Wir können uns dieser Tatsache nur bewusst werden und versuchen, durch bewussten Umgang mit uns selbst und durch eine klare Lebensmission weniger manipulierbar zu werden.

Das klingt nach einer Verschwörungstheorie.

Plüss: Wer die Kapitalströme analysiert, erkennt schnell, dass das Geld vom Volk hin zu den Banken und den Grosskapitalisten fliesst. Da der Sollzins grösser ist als der Habenzins, wandert das Geld automatisch zur Bank. Der Gewinn einer Firma wiederum ist die Differenz zwischen dem Geld, das wir für die Produkte des Konzerns bezahlen, abzüglich der ausbezahlten Gehälter. Der Gewinn wird an die Besitzer des Konzerns, die Grosskapitalisten und die Banken ausgeschüttet und ist somit für den Normalbürger verloren. Wenn Banken Geld in Firmen investieren, hat man zwar einen Geldstrom in die Gegenrichtung, doch sind damit ein grösserer Besitzanteil an den Firmen und ein höheres Anrecht auf die Gewinne verbunden - der Kapitalstrom bewegt sich wieder Richtung Bank.

Das bedeutet?

Plüss: Dass das Volk dauerhaft Geld verliert. Klar, wir können wieder Geld zurückerhalten: Wenn wir unseren Besitz verkaufen. Das bedeutet aber eine schleichende Enteignung der Bürger. Ich frage Sie: Warum wird die Bankenkrise nicht aufgearbeitet? Warum ist niemand da, der eine Antwort auf die perversen Spiele der Finanzwelt fordert?

Das ist eine rhetorische Frage. Ihre Antwort?

Plüss: Es liegt an unserer Erziehung, wenig Fragen zu stellen. Es muss ein Ruck durch die Gesellschaft gehen. Warum soll der Normalbürger nicht mit denselben Regeln spielen, die von skrupellosen Grosskapitalisten angewandt werden? Wir müssen uns emanzipieren und uns einen Teil des Kuchens sichern. Warum soll es unsittlich sein, mit Überzeugung und einer Geschäftsidee, die Spass macht, eine Menge Geld zu verdienen? Erst wenn alle mit denselben Voraussetzungen am Markt agieren, kann es eine faire Verteilung der Güter geben. Das ist die einzige Möglichkeit, ein stabiles volkswirtschaftliches System zu schaffen.

Den meisten Menschen aber fehlt die Kraft, denn die Wirtschaftskrise macht Angst.

Plüss: Das ist verständlich. Vielen Arbeitnehmern wird offenbar die Lebensgrundlage entzogen. Vielen Menschen ist unternehmerisches Denken fremd und daher der Schritt zu einem unabhängigeren Leben fast unmöglich. In meinem Buch beschreibe ich, wie man sich aus der Umklammerung löst, Abhängigkeiten reduziert und sich mit den eigenen Fähigkeiten, den eigenen Stärken eine möglichst gute Perspektive schafft.

Sie sagen, wir sollen der Krise danken, sie sei eine Chance. Wieso das?

Plüss: Der Glaube an das System ist erschüttert und die Verantwortlichen sind demaskiert. Vieles, wofür Generationen vor uns gekämpft haben und worauf wir zu Recht stolz sind, ist am Boden zerstört. Jetzt kann eine neue Generation kommen und es besser machen. Das ist unsere Chance. Dieses Denken ist zu wenig verbreitet.

Sie reden wieder vom Kader. Welche Chance aber bietet sich der Allgemeinheit?

Plüss: Solange sich die Arbeitnehmer an das Gesetz der Ausbeutung halten, werden sich immer Einzelne an der Arbeitsleitung vieler bereichern. Die Krise öffnet uns dafür die Augen. So bietet sie auch der breiten Bevölkerung die Chance, sich neu zu orientieren und die eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen. Lassen wir uns nicht mehr von fremden Mächten steuern. Lasst uns unsere Eigenverantwortung wahr- und unser Leben in die eigenen Hände nehmen.

Bedarf es für diese Erkenntnis einer Krise?

Plüss: Natürlich nicht. Aber in der Krise sind die Menschen gezwungen, über das eigene Leben nachzudenken und die eigene Situation zu reflektieren. Die Krise ist der beste Moment, eine persönliche Veränderung vorzunehmen, zum Beispiel einen lange gehegten Traum zu realisieren.

Und wie geht man dabei vor?

Plüss: Man muss sich sehr intensiv mit sich selber befassen. Die Frage «Was möchte ich eigentlich gerne tun?» ist von zentraler Bedeutung. Erstaunlich viele Menschen wissen nicht, was sie wollen! Wenn dieser Denkprozess gestartet ist, geht es oft sehr schnell. Wer von sich selbst überzeugt ist, bedarf nur noch einiger Techniken.

Ich zitiere aus Ihrem Buch: «Nach der Lektüre dieses Buches werden Sie ein mächtiger Zerstörer sein!» Die Welt braucht doch keine Zerstörer. Sie braucht Erneuerer.

Plüss: Oft ist Erneuerung nur dann möglich, wenn die Bereitschaft und der Mut bestehen, Etabliertes zu hinterfragen und wenn nötig zu verändern. Erneuerung hat in dem Fall mit Zerstörung zu tun, der Zerstörung des Bewährten. Denn das Bewährte, sei dies auch noch so falsch, gibt den Menschen Sicherheit. Wird ihnen diese gewohnte Sicherheit genommen, entsteht Widerstand - und dieser muss oft sanft durchbrochen werden.

Was ist die Quintessenz Ihres Buches?

Plüss: Jeder Mensch kann etwas gut. Darin liegt meist sein grösstes Glückspotenzial. Ist diese Quelle freigelegt, stellt sich die Motivation von selbst ein und der Realisation seiner Träume steht nichts mehr im Wege. Das zeige ich in meinem Buch auf. Ausserdem gebe ich Tipps, wie man sehr schnell ein sozial höheres Level erreicht. Das Buch habe ich für Menschen geschrieben, die eine Karriere als «Unternehmer ohne Grenzen» anstreben.

Wie sollte Ihrer Meinung nach die ideale Gesellschaft sein?

Plüss: Die ideale Gesellschaft besteht aus autark lebenden Menschen. Diese können nicht arbeitslos werden, denn sie schaffen selbst alle Güter, die sie benötigen. Sie brauchen keine Währung, denn sie müssen nichts extern kaufen. Sie brauchen wenig Infrastruktur, denn sie müssen nicht zur Arbeit fahren. Sie müssten auch keine Steuern zahlen, denn sie beziehen vom Staat keine Leistungen. Sie brauchen keinen Staat und keine Rentenversicherungen, denn sie werden direkt von ihrer Sippe versorgt. In Europa sind autarke Strukturen jedoch weitgehend vernichtet.

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