«Ich bin gerne bei meiner Familie»

Trotz dem grossen Kulturunterschied, Tsaptrul Rinpoche hat es genossen, für einmal vor allem Neffe und Cousin statt buddhistischer Meister zu sein.

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Von Dieter Minder

Immer wieder ist seine Eminenz Tsaptrul Rinpoche in offizieller Mission rund um die Welt unterwegs. «Ich unterweise die Leute in unseren Zentren in Asien, Amerika und Europa», sagt er in etwas holperigem Englisch. Seine Sprache ist die Sprache seiner Vorfahren, Tibetisch. Ferien kennt seine Eminenz Tsaptrul Rinpoche eigentlich nicht, denn die 4. Inkarnation von Tsaptrul Rinpoche ist immer im Amt. Doch bei seiner aktuellen Europareise war dies etwas anders. Tsaptrul besuchte seinen Onkel und dessen Familie in Baden. Für zwei Tage teilten er und sein Begleiter Kunga Chapel das Leben der vierköpfigen Familie Schellenberg.

Buddhismus

Im 6. Jahrhundert vor Christus wurde Siddharta Gautama zum Buddha, also zum Erleuchteten oder Erwachten.
Im Laufe der Zeit unterteilte sich der Buddhismus in mehrere Richtungen. Theravada (Lehre der Alten) ist der Buddhismus der traditionellen Schule. Er ist vor allem in Sri Lanka, Thailand und Burma verbreitet. In Indien entwickelte sich ungefähr 500 Jahre nach Buddha der Mahayana (Das grosse Fahrzeug). Diese Richtung zeichnet sich durch eine grosse Vielfalt aus. Sie ist vor allem in Zentralasien, China, Korea und Japan verbreitet. Als 3. grosse Richtung entstand ab dem 5. Jahrhundert das Vajrayana (Diamantene Fahrzeug). Daraus entwickelte sich in Tibet ungefähr ab dem 8. Jahrhundert der Lamaismus und der Schamanismus.
Tsaptrul Rinpoche ist Mitglied der Drukpa-Linie im Lamaismus. Druk ist das tibetische Wort für Drache beziehungsweise Donner. Gegründet wurde die Linie von Tsangpa Gyare Yeshe Dorje vor etwa 800 Jahren. Die Drukpa-Schule besteht aus den Unterschulen: Bar-Drukpa, Mar-Drukpa und To-Drukpa. (dm)

Sie besuchten das Schloss Hallwyl, die Stadt Zürich und waren in Baden unterwegs. «Mir gefällt es hier sehr gut», sagt er. Obwohl, es gab schon vieles, das er nicht genau verstand, das sonst nicht zu seinem täglichen Leben gehört: «Die Leute haben wenig Zeit, sie haben viele Termine.» Auch beim Essen stellte er grosse Unterschiede fest. Die Auswahl, die Vielfalt und die Zubereitung war den beiden Reisenden unbekannt und stiess nicht in jedem Fall auf Begeisterung. «Ich schaue hier, wie mein Onkel mit seiner Familie lebt, aber ich verstehe vieles nicht.» Auch das Verhältnis der Menschen unter sich hat ihn erstaunt: «In Indien sind die Leute viel herzlicher.» Von dieser Herzlichkeit und seinem Verantwortungsbewusstsein als Lama war die Segnung seiner Angehörigen geprägt.

Wie ihr Cousin Tsaptrul freuen sich Anja und Pascal Schellenberg vor allem über eines: «Wir haben jetzt eine doppelt so grosse Familie.» Nur, mit seinen 40 Jahren ist er nach ihrem Verständnis schon etwas alt, um ein richtiger Cousin zu sein. «Er ist ein lustiger, fröhlicher Mann.» Selbstverständlich wollen sie ihn in Indien besuchen. «Tsaptrul hat uns ein Haus versprochen», sagt Anja. «Mir ist wichtig, dass ich jetzt jemanden aus Tibet kenne, denn das ist die Heimat meines Vaters», sagt Pascal.

Auf den Besuch hatte Tsaptrul sich intensiv vorbereitet: «Ich habe alle Briefe gelesen, die meine Mutter von der Familie ihres Bruders erhalten hat.» Kontakte bedeuten ihm viel. Kaum in Baden eingetroffen, hat er nach Indien telefoniert: «Natürlich wollten alle mit meinem Onkel reden.» Für Tsaptrul wird der Besuch lange nachwirken: «Ich werde viel von meinem Besuch und meiner Familie in der Schweiz erzählen.» Schliesslich ist er der erste Tsaptrul Rinpoche mit einem Onkel in der Schweiz. Und immer wieder betont er: «Ich bin gerne bei meiner Familie.»

Nach zwei Tagen waren die Ferien vorbei. Um 5 Uhr bestieg er mit seinem Begleiter in Aarau den Zug. Da war er schon nicht mehr in erster Linie der Cousin und Neffe aus Indien, sondern wieder seine Eminenz Tsaptrul Rinpoche, die 4. Inkarnation des Tsaptrul Rinpoche. Von Genf aus flog er drei Stunden später nach Monaco. Im dortigen Zentrum standen die nächsten Unterweisungen an.

Tsaptrul kam 1969 in der Nähe des Tso- Pema-Sees als erstes Kind der Familie von Claudes Schwester Tserig zur Welt. Es war der Ort, wo Kyabje-Khamtrul Rinpoche das neue Khampagar Kloster bei Tashi Jong gegründet hatte. Das angestammte Kloster Khampagar mussten die Lamas und die Dorfbevölkerung nach der Besetzung Tibtes durch die Chinesen verlassen. Der 3. Tsaptrul Rinpoche war im tibetischen Kloster geblieben. Im Alter von 8 Jahren kam er ins Kloster. Nachdem Kyabje Khamtrul Rinpoche in ihm die 4. Inkarnation des Tsaptrual Rinpoche erkannt hatte, wurde der Knabe im Alter von 9 Jahren inthronisiert. Heute residiert er im Khampagar-Kloster und wurde im Jahre 2000 zu dessen Vizepräsidenten gewählt. Im Kloster leben rund 200 Lamas, im daneben liegenden Bergdorf Tashi Jong etwa 400 Personen.

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