Haiti
Haiti: «Dieses Inferno in Worte zu fassen fällt mir schwer»

Der gebürtige Wettinger Arzt Rolf Maibach wirkt seit langem in Haiti. Nach dem Erdbeben vom 12. Januar stehen er und andere Helfer vor immensen Problemen. «Die Realität sprengt jede Vorstellung», so der Arzt.

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Rolf und Raphaela Maibach

Rolf und Raphaela Maibach

Rolf Maibach, Sie sind seit Februar 2008 als medizinischer Leiter des Hôpital Albert Schweitzer (HAS) in Deschapelles tätig. Die Stadt liegt 80 km nördlich der Hauptstadt Port-au-Prince. Wie haben Sie den 12. Januar erlebt?

Rolf Maibach: Ich verbrachte Weihnachten und Neujahr in der Schweiz mit meiner Familie. Ich erfuhr vom Erdbeben in den Frühmorgennachrichten. Seit Freitag bin ich wieder in Haiti; seit Sonntag im Spitall.

Hier sieht man viele Bilder, doch das Ausmass der Katastrophe kann man kaum ermessen. Welches Bild bietet sich Ihnen?

Maibach: In Port-au-Prince ist die Zerstörung massiv. Ich bin über die Grenze eingereist und je näher wir der Hauptstadt gekommen sind, desto schlimmer wurde die Verwüstung. Im Zentrum von Port-au-Prince steht oft nur noch ein Haus von drei Häusern.

Wie sieht die aktuelle medizinische Versorgung aus?

Maibach: Seit Sonntag bin ich zurück in unserem Spital. Welch ein Unterschied zum Albtraum in Port-au-Prince. Zwar lagen in den Gängen, Zimmern, Büros, draussen in der Kinderklinik und beim Empfang Hunderte von Verletzten - wie noch nie, ausser in den letzten Tagen, wo laut meinem Mitarbeiterteam fast nochmals so viele da waren.

Konnte operiert werden?

Maibach: Viele wurden offenbar bereits operiert und wieder nach Hause entlassen. Fast alle, die noch auf Operationen warteten, hatten Infusionen und Schmerzmittel bekommen. Die drei amerikanischen und haitianischen Orthopäden, Chirurgen und der Assistent konnten am Sonntagnachmittag sofort mit Operieren beginnen, während in Port-au-Prince noch heute die meisten Verletzten unversorgt irgendwo draussen, gelegentlich notdürftig durch eine Plane geschützt, in Pärken und Gärten sowie auf der Strasse liegen.

Was ist angesichts einer Katastrophe von unvorstellbarem Ausmass für jene, die überlebt haben, überhaupt noch möglich?

Maibach: Schwer zu sagen. Es gibt zwei Welten. Die eine ist Port-au-Prince mit der enormen Zerstörung, wo die Realität alle Vorstellungen sprengt. Die andere ist unser Spital, das unversehrt geblieben ist, nun aber gefordert ist wie noch nie, den Erdbeben-Patienten rasch zu helfen. Die Haitianer haben eine ungeheure Überlebenskraft und Erfindungsgabe in schwierigsten Situationen. Das beeindruckt mich sehr. Am letzten Freitag habe ich in Port-au-Prince erstmals in vielen Gesichtern Hoffnungslosigkeit erblickt, was mich sehr traurig gemacht hat. Kurz darauf habe ich dann einige kleine Kinder mitten in den Trümmern spielen gesehen. Da ging es mir wieder etwas besser.

Befällt Sie nicht Verzweiflung, weil Sie vielleicht denken: Alles, was man leistet, ist ein Tropfen auf den heissen Stein?

Maibach: Absolut nicht. Im Gegenteil. Steter Tropfen höhlt den Stein. Albert Schweitzer sagte einmal: «Du kannst nicht die ganze Welt retten, aber Du kannst einem einzigen Menschen Hoffnung geben.» Wenn alle das tun würden, gäbe es kaum mehr Not auf dieser Erde. Mit enorm kleinen Mitteln lässt sich sehr viel erreichen.

Welche Hilfestellungen leisten Sie derzeit?

Maibach: Katastrophenhilfe. 80 Prozent der Verletzungen bei Erdbeben sind erfahrungsgemäss Knochenbrüche von Armen nd Beinen. Werden offene Brüche nicht früh behandelt, droht eine Infektion mit möglicher Blutvergiftung und Tod - oder es kann zum Absterben eines Gliedes kommen mit Amputation. Derzeit operieren unsere Chirurgen fast rund um die Uhr, um die grosse Zahl von Knochenbrüchen und anderen Verletzungen meistern zu können. Die Zahl der Betten in den Gängen und Höfen hat deutlich abgenommen, obgleich täglich mehr Patienten dazukommen: Unser Spital ist glücklicherweise von Erdbebenschäden verschont geblieben. Es funktioniert ausserdem als rückwärtiges Spital des von der Schweizer Humanitären Hilfe (Deza) errichteten Notspitals im Zentrum von Port-au-Prince für schwierige und langwierige Fälle.

Werden nach diesem Erdbeben viele Menschen invalid sein?

Maibach: Leider ja. Und das ist in einem Land mit ohnehin schon über 70 Prozent Arbeitslosen besonders schwer, da diese Menschen kaum eine Arbeit finden werden. Dennoch geht das Leben weiter: Es werden Kinder geboren; chronische Krankheiten wie Tuberkulose und Aids werden uns auch weiterhin beschäftigen.

Was würden Sie sich weltweit noch mehr wünschen?

Maibach: Die Haitianer haben ein Sprichwort: «Gott gibt, aber er verteilt nicht.» Ich würde mir wünschen, dass wir die Verteilung gerechter organisieren könnten, gerade in dieser Zeit. Ich habe von den Haitianern viel gelernt: Wie man mit einfachen Mitteln leben und überleben kann, wie man erfindungsreich, solidarisch und bescheiden das Leben meistern kann. Da können wir alle viel lernen.

Gibt es Begegnungen, die Sie in den letzten, schlimmen Tagen persönlich ganz besonders berührt haben?

Maibach: Ich war sehr beeindruckt von der Effizienz und dem vorbildlichen Teamwork der Schweizer humanitären Hilfe, bei der ich teilnehmen durfte anlässlich des Rekognoszierens des Schweizer Notspitals im Zentrum von Port-au-Prince. Aber natürlich gehen einem die Bilder und Eindrücke in Port-au-Prince nicht aus dem Sinn ...

Ein Inferno?

Maibach: Ja. Und dieses Inferno in Worte zu fassen, fällt mir schwer. Die ungeheure Geduld der verletzten Menschen, die während vieler Tage oft draussen auf dem Boden mit Schmerzen und ohne Klagen auf Hilfe gewartet haben - das hat mich tief berührt. Am Hôpital Albert Schweitzer hat mich der riesengrosse und erfolgreiche Einsatz der Mitarbeiter, Ärzte, Schwestern und Techniker beeindruckt. Viele arbeiten rund um die Uhr. Das Gemeinschaftsgefühl ist riesengross. Aber auch hier sind die eigentlichen Helden die verletzten Menschen.

Wie müsste eine Hilfe beschaffen sein, um der Karibikinsel Haiti langfristig zu helfen?

Maibach: Es klingt banal, aber die Hilfe muss nachhaltig sein und nicht für, sondern zusammen mit den Haitianern. Ich hoffe auch, dass der Bund respektive die Deza sich längerfristig ngagieren werden. Das neue Schweizer Spital im Zentrum von Port-au-Prince muss über lange Zeit weitergeführt werden, da viele Spitäler in dieser Zeit nicht oder unzureichend funktionsfähig sind.

Was tun Sie, um sich nicht «runterziehen» zu lassen?

Maibach: Ich habe sehr intensive Gespräche mit meiner Frau und meiner Familie, mit Freunden und mit Arbeitskollegen. Für alle ist dieser Austausch enorm wichtig, denn was wir hier momentan erfahren, ist für uns eine tiefgreifende, neue Erfahrung. Auch die Unterstützung, die ich vom Vorstand und von den Freunden der «Bündner Partnerschaft» in Haiti erfahren darf, stellt mich jeden Tag auf.

Wie sehen die nächsten Wochen für Sie aus?

Maibach: Wir werden Schritt für Schritt annehmen, was auf uns zukommt - wie das der Haitianer auch tut. Eine Planung ist schwierig und im Moment praktisch nicht voraussehbar; sie
hat Tag für Tag neu zu erfolgen. Und das mehr denn je. Aber natürlich ist es für meine Frau Raphaela und mich so wichtig wie noch nie zuvor, hier vor Ort zu helfen. (Interview: Elisabeth Feller)

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