Baden
Gefeuert in Gottes Namen

Nach vier Jahren erfolgreichem Wirken erhielt der Leiter der interkonfessionellen Eheberatungsstelle in Baden die Kündigung. Grund: Mangel an Führungskompetenz. Dieses Defizit ortet der Gekündigte indes beim Vorstand.

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Eheberatungsstelle Baden

Eheberatungsstelle Baden

Schweiz am Sonntag

Roman Huber

Rolf Germann hat die Praxis an der Zürcherstrasse geräumt. Er hat zwar inzwischen eine neue Stelle. Doch der Abgang lässt ihn nicht kalt. «Ich sorge mich um einige Klienten», sagt der ehemalige Stellenleiter. Ihre Therapie hätte er hier gerne fortgeführt. Der Vorstand wollte das nicht. «Herr Germann weiss seit der Kündigung am 18. Februar, dass er Ende Mai gehen würde. Er hatte Zeit, Lösungen zu finden», so Daniela Voegele, Vorstandspräsidentin.

Rundherum versteht man die Welt nicht mehr. Der Badener Hausarzt Walter Hess «teilt» mit Germann einige Patienten. Er ist entrüstet: «Wir haben Rolf Germann als äusserst kompetenten und motivierten Menschenbegleiter und Psychoanalytiker kennen gelernt. Die Stelle durfte glücklich sein, einen solchen Leiter mit Herzblut zu haben.»

Unverständlich ist die Kündigung auch für Walter Franzetti, der als Psychotherapeut 22 Jahre lang die Stelle in Wohlen führte. Er kennt Germann sowie dessen Arbeit und hat sich ebenfalls eingeschaltet. Wie Hess hat er die Kirchgemeinden, Germanns Arbeitgeber, angeschrieben und gebeten, einzuschreiten. Passiert ist nichts.

«Das ist Sache des Vorstands», heisst es bei den Kirchen, womit man sich elegant aus der Verantwortung zieht. Stellung nehmen will man nicht. Auch die jetzige juristische Mitarbeiterin wie ihre Vorgängerin schweigen zur Sache. Dies obschon es Betroffene gibt: Germanns Patienten, die in der Therapie stecken.

Germann, ordinierter reformierter Pfarrer, Doktor der Theologie und der Psychologie, gilt als ausgewiesener Fachmann. Vor vier Jahren übernahm er die Stelle. Ihm standen eine therapeutische Mitarbeiterin und eine Juristin als Mediatorin zur Seite. Unter ihm hat sich die Zahl der Fälle und der Mediationssitzungen sowie die jährlich geleisteten Stunden um einiges vermehrt. «Ich habe viel Herzblut in die Stelle gesteckt», sagt Germann.

Doch am Arbeitsplatz herrschte dicke Luft. Mit der therapeutischen Mitarbeiterin gab es ständig Reibereien. Sie habe sich nicht an die vereinbarte Präsenz gehalten. Mehrere unzufriedene Patienten habe er von ihr übernehmen müssen, sagt Germann. Vor rund zwei Jahren gelangte er mit dem Problem an den Vorstand, der damals neu unter Führung von Daniela Voegele stand.

Sie habe zuerst ein paar Teamsitzungen einberufen, diese dann wieder fallengelassen, so Germann. Im vergangenen Dezember appellierte Germann erneut schriftlich an den Vorstand und wies auf seine Führungsprobleme hin. Dabei bemerkte er, dass seitens des Vorstandes einiges schiefgelaufen sei: Lohn für die Putzfrau zu spät überwiesen, den Geldtransfer für die Bank vergessen usw., und die neue juristische Mitarbeiterin musste mehrmals nach ihrem Vertrag verlangen.

Es habe viele derartige Unzulänglichkeiten gegeben, so Germann. So wollte der Vorstand laut Germann eine neue Homepage einrichten, was völlig unnötig gewesen sei. Mit Sitzungen und Formularen seien Mitarbeitergespräche angekündigt, aber nie eingeführt worden.

Er habe den Vorstand ersucht, eine Anpassung der Tarife zu prüfen. Er sei immer noch nicht bei der Post registriert und könne keine eingeschriebenen Briefe abholen. Beim Vorstand sei einfach nichts gegangen, auch nicht beim Problem mit seiner Mitarbeiterin.

es habe schon Mal eine Panne geben können. Doch Herr Germann wolle mit seinen Vorwürfen vielmehr von den eigenen Problemen ablenken, sagt Daniela Voegele. Sie dreht den Spiess um: Germann habe sich nicht an Vereinbarungen gehalten. «Das Fachliche reicht für diese Stelle nicht aus», sagt sie und wirft ihm Führungsmängel vor. Sie stelle höhere Ansprüche als ihr Vorgänger, so Voegele. Leider seien die Mängel erst jetzt hervorgetreten.

Zum Jahreswechsel erhielt Germann nette Kartenwünsche vom Vorstand, obschon die Kündigung offenbar schon beschlossene Sache war. Der Vorstand führte auch noch «zahlreiche Reklamationen vonseiten Klienten» an. Für Germann ist klar: «Es dürfte sich um die Ex-Partner zweier Patienten handeln, die bei mir Hilfe gesucht haben».

Germann und Vorstand verkehren seit der Kündigung nur noch per Anwalt miteinander. Dass die Geschichte öffentlich wird, möchte man lieber nicht, denn ein Ruhmesblatt ist sie zumindest für die Eheberatungsstelle nicht. Die Stelle ist immer noch ausgeschrieben.

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