Jörg Baumann

Mit dem Medikament Ritalin werden gewöhnlich Kinder behandelt, die unter einem Aufmerksamkeitsdefizit leiden. Der Ritalkonsum ist in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen. Das Medikament wird inzwischen auch von Studierenden missbraucht, die damit ihre Konzentrationsfähigkeit erhöhen wollen. Entsprechend kontrovers wird der Einsatz von Ritalin diskutiert.

Hausarzt betrat Neuland

Neuland betrat ein Hausarzt aus dem Bezirk Bremgarten. Er behandelte einen drogenabhängigen Patienten mit Ritalin. Die Suchtbehandlungsmethode sei zwar nicht wissenschaftlich anerkannt, sagte der Arzt. Aber sie habe beim Patienten angesprochen. Der Patient habe mit Unterbrüchen wieder arbeiten können.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Arzt vor, er habe dem Patienten weit übersetzte Dosen an Ritalin verabreicht und gegen das Betäubungsmittelgesetz verstossen. Der Arzt hatte keine Ausnahmebewilligung zur Abgabe von Medikamenten. Im Kanton Aargau ist es den Ärzten nur dann erlaubt, Medikamente abzugeben, wenn sich in der Nähe keine öffentliche Apotheke befindet. Ohne die entsprechende Bewilligung habe der Arzt sich strafbar gemacht, wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor.

Der Arzt berief sich auf ein Missverständnis. Er habe geglaubt, dass er berechtigt sei, Medikamente abzugeben.

Über 13 800 Ritalintabletten bezogen

Der Patient hat laut Anklageschrift beim Arzt in sechseinhalb Monaten 13 800 Ritalintabletten bezogen. Die Tagesdosen sind laut Staatsanwaltschaft massiv überschritten worden und medizinisch nicht erklärbar. Er habe dem Patienten nur 4600 Tabletten abgegeben, erklärte der Arzt. Was mit den restlichen 9200 geschehen sei, könne er sich nur damit erklären, dass sich die damalige Freundin des Patienten, die ebenfalls drogenabhängig ist, widerrechtlich aus dem Ritalinvorrat bedient habe.

Der Arzt erklärte, dass seine Behandlungsstrategie darauf hinausgelaufen sei, den Ritalinkonsum des Patienten zu senken. Als der Konsum hingegen angestiegen sei, habe er «zu lange zugeschaut und die Reissleine nicht gezogen», gab der Arzt zu.

Gerichtspräsidentin befangen?

Die Staatsanwaltschaft beantragt für den Arzt eine bedingte Geldstrafe von 120 Tagessätzen von je 600 Franken und eine Busse von 6000 Franken. Der Einzug des widerrechtlich erzielten Gewinnes, den der Arzt erzielte, soll laut der Anklageschrift geprüft werden.

Auf ein Urteil wird man noch längere Zeit warten müssen. Denn der Verteidiger stellte gegen die Gerichtspräsidentin und Einzelrichterin Isabelle Wipf ein Ausstandsbegehren, weil diese nach seiner Auffassung eine vorgefasste Meinung zum Fall habe. Isabelle Wipf erklärte an der Verhandlung, dass sie sich bei einer fachkundigen Person aus dem Freundeskreis danach erkundigt habe, wie viele Ritalintabletten man einem Patienten zur Suchtbehandlung abgeben dürfe. Sie beschäftige sich seit Jahren mit der Problematik von drogenabhängigen Menschen und sei in diesem Fall nicht befangen.

Der Verteidiger beantragte auch, ein weiteres medizinisches Fachgutachten einzuholen. Damit solle abgeklärt werden, ob der Einsatz von Ritalin in der Suchtbehandlung ein sinnvoller Therapieansatz sein könne. Die Gerichtsverhandlung wurde abgebrochen. Ob der Prozess in Bremgarten weitergeführt oder einem anderen Gericht zugeteilt wird, muss nun die Inspektionskommission des Obergerichts entscheiden. Sie ist für die Behandlung des Ausstandsbegehrens zuständig.