Ende des «Sonnenblicks»: «Wir empfinden Schmerz und Trauer»

Mit Thomas Hofer schreibt ein Arzt über das überraschende Ableben der mit ihm eng verbundenen Klinik Sonnenblick. Über die Jahre hindurch hat er viel in das Spital investiert.

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Angestellte der Klinik Sonnenblick

Angestellte der Klinik Sonnenblick

Aargauer Zeitung

Thomas Hofer

In den vergangenen zehn Jahren suchte die frühere Trägerschaft der Klinik Sonnenblick einen neuen Besitzer. Diverse Interessenten (Spitalketten) konnten sich nach eingehender Prüfung der Situation aber nicht zu einem Kauf entscheiden.

Schon damals teilten verschiedene an der Klinik tätigen Ärzte dem Verein Klinik Sonnenblick ihr Interesse mit, sich mit ihrem Wissen, aber auch finanziell mehr einbringen zu wollen. Vor zwei Jahren war es so weit, zwischenzeitlich stand die Klinik vor dem Konkurs.

Finanzielle Einbindung in die Klinik Sonnenblick AG

Toni Locher, Walter Siegrist und Nathalie Senn (Frauenärzte und Geburtshelfer) sowie Bruno Wüthrich (Chirurg) und mir, die in den verflossenen, teilweise mehr als 20 Jahren Tausende von Patienten und Patientinnen in der Klinik operiert hatten, Abertausenden von kleinen Erdenbürgern auf die Welt halfen und deren Mütter betreuten, lag der Fortbestand der Klinik Sonnenblick sehr am Herzen.

Deswegen liessen wir uns nach Aufstellung eines Businessplanes, der zusammen mit der Hausbank erstellt worden war, in die neu gegründete Klinik Sonnenblick AG finanziell und operationell einbinden (weitere Ärzte waren für das Projekt nicht zu gewinnen).

Die von uns fünf als Perle geliebte kleine Klinik Sonnenblick am Lägernhang sollte weiterbestehen: Die teilweise seit Jahrzehnten in der Klinik Beschäftigten sollten ihren Arbeitsplatz behalten können; das kostbare Gut der sehr menschlichen und persönlichen Zusammenarbeit zwischen uns Ärztinnen und Ärzten und Pflegenden sowie Mitarbeitenden in der Küche, Administration, Wäscherei etc. sollte weiter zum Wohlbefinden der Kundschaft bereitstehen.

Eine privat geführte Klinik, die offen ist für Patienten aller Versicherungsklassen, die keine Rosinenpickerei betreibt, die auf bescheidener Ebene Grundbedürfnisse der Region abdeckt, sollte weiter bestehen. Und wir wollten auch weiterhin einen Teil unseres Brotes an dieser Arbeitsstelle verdienen.

Das von uns fünf gezeichnete Aktienkapital sollte und musste die Hausbank davon überzeugen, dass wir ihr Engagement unterstützten. Und so war es. Dann passierte etwas Aussergewöhnliches: Mit unserem Geld geschah eine Metamorphose.

Es wurde Teil der Klinik, Teil unserer kleinen Perle am Lägernhang, Teil der Beziehung zu allen Mitarbeitenden. Und in der Wahrnehmung dieser Metamorphose erhielten wir reichlich Zins. Zins in Form von Gesprächen, im Ziehen am gleichen Strick, im gemeinsamen Glauben an eine Zukunft der Klinik, im Aufbau von Neuem.

Überraschender Zusammenbruch

Das Geld verlor seinen materiellen Wert, es wurde emotionaler Wert. Und so gibt es nur Fühlbares, was wir empfinden nach der Schliessung unserer kleinen Perle am Lägernhang: Schmerz und Trauer. Und dies zusammen mit all unseren Mitarbeitenden.

Für mich als Verwaltungsrat der Klinik Sonnenblick AG kam der Zusammenbruch unseres Projektes in seiner Abruptheit gleich überraschend wie für alle weiteren Mitarbeitenden der Klinik oder aber auch für Sie, Leserinnen und Leser! Ich erfuhr von ihm im Internet, da ich gerade in Sizilien in den Ferien weilte.

Wir wussten zwar von der prekären finanziellen Situation, die uns in den kommenden Sommermonaten bevorstand. Behörden und mögliche Kooperationspartner waren aber darüber ebenfalls informiert. Wir erhofften uns von der Offenlegung unserer Not verbindliche Hilfe (Kunststück, sind wir doch Ärzte!).

Wir glaubten an das Projekt mit der kurzfristigen Neuausrichtung Orthoklinik und Handchirurgie, das so erfolgreich gestartet war, dank den entsprechend gebundenen, bereitgestellten Investitionskrediten der Hausbank. Mittel- und langfristig zeigten sich gar die Umrisse weiterer Projekte, die unseres Erachtens ein Überleben der Klinik ermöglicht hätten.

Glauben versus Machbarkeit

Denn als Ärzte ist es unser Anliegen, das, was notwendig ist, am Lebenden zu vollbringen. Glauben versus Machbarkeit. Als Ökonom nimmt man schon mal einen «Zwischentod» in Kauf. Das eine kann man gegen das andere nicht ausspielen, nicht einmal auf die Waage legen. Die durstige Birke überlebt den trockenen Sommer oder sie stirbt. Dies ist das Gesetz der Natur.

Alle, die sich im Verlauf der verflossenen zwei Jahre Klinik Sonnenblick AG am Lägernhang in Wettingen engagiert haben, taten dies nur in der Absicht zum Wohle der Klinik. In Sizilien habe ich gesehen, was über die Zeit hinweg aus Trümmern immer wieder Neues entstehen kann, teils am gleichen Ort, teils ortsfern.

Das erfüllt mich mit Zuversicht für alle von der Schliessung der Klinik Betroffenen. Unvorhergesehenes birgt immer wieder Potenzial für Neues, und so darf ich Ihnen versichern, dass wir Ärzte Ihnen auch in Zukunft, wenn auch in anderer Umgebung, unsere Dienste anbieten werden. Der Geist der Klinik Sonnenblick wird uns für den Rest unserer beruflichen Tätigkeit auch andernorts «bewohnen». Und dafür sind wir ihm immer zu Dank verpflichtet.

Thomas Hofer, Haut- und Venenarzt, Wettingen

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