Reportage
Eintauchen in den Bauch des Giganten

Es ist fast unmöglich, sich in Zürich zu bewegen, ohne auf den Hauptbahnhof zu treffen. Hunderttausende nutzen ihn täglich, doch nur wenige wissen, was abseits von Perron, Bahnhofhalle und Shopville vor sich geht. Ein Blick hinter die Kulissen.

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HB-Repo
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Abfertigung Auf verschlungenen Wegen gelangt das Gepäck zu den Perrons.
Zubereitung Aus 200 Tonnen Mehl pro Jahr werden Zöpfe, Gipfeli, Brot für den HB.
Knallig Im ersten Stock hat das SBB-Personal Umkleidekabinen, Duschen, Ruheräume.
Hausherr Centerleiter Roger Tossut.
Entsorgung 920 Tonnen müssen weg.

HB-Repo

Limmattaler Zeitung

Martin Reichlin

Riesig, voluminös, labyrinthisch liegt er mitten in Zürich, der «HB». Wie ein Organismus ständig wuchernd, seit er 1871 erbaut wurde. Erst, zur Jahrhundertwende, in Richtung Norden, als die grosse Halle des prunkvollen Neorenaissance-Baus den Verkehr nicht mehr schlucken konnte. Kaum 30 Jahre später nach Westen, durch Quer- und 16-gleisige Perronhalle aufs Gleisfeld hinaus. Ende der 1960er-Jahre dann in die Tiefe, das Shopville ausstülpend, und, anschliessend, die unterirdischen Bahnhöfe SZU und Museumsstrasse. Zuletzt, ab 1991, wuchsen Haupt- und Perronhalle moderne Anbauten, ein Dienstleistungszentrum der einen, Regen abweisende Flügeldächer der andern.

Heute fahren fast 3000 Züge täglich im HB ein und aus, sagt die Statistik. Für 340 000 Reisende pro Tag ist er Anfang oder Ende einer Reise, derweil sich das unermüdlich pumpende Herz der Stadt weiter ausdehnt und die Station Löwenstrasse entstehen lässt. Ein Kraftakt, der Zuschauer in Scharen anlockt.

Hausherr für 135 Geschäfte

Die wenigsten von ihnen ahnen wohl, was sich im Bauch des gigantischen Baus abspielt. Unzählige nutzen ihn als Einkaufszentrum, trinken hier Kaffee, gehen zum Apotheker, besorgen sich Kartoffeln oder Krawatten, treffen sich zum Lunch oder auf ein Bier. Wie aber gelangen all die Waren und Dienstleistungen an den Hauptbahnhof?

Die Antwort weiss Roger Tossut (41). Der Hausherr am HB, von den SBB «Centerleiter» genannt, ist oberster Bewirtschafter von 135 Lokalen, Restaurants und Take-aways samt zugehöriger Infrastruktur. Wir treffen ihn in der Haupthalle, wo gerade die Tribünen des zu Ende gegangenen Beach-Soccer-Turniers abgebaut werden. «Pro Jahr finden hier rund 20 Events von externen Veranstaltern statt», erklärt der Mann aus Küssnacht am Rigi, während wir über die Rolltreppe in den Untergrund gleiten. «Dazu kommen die Wochenmärkte und der Weihnachtsmarkt.» Insgesamt dürfe die Halle an 200 Tagen pro Jahr kommerziell genutzt werden. Ein Limit, das der Denkmalschutz setzte.

Unten farbige Höfe

Dann, zwischen Landesmuseums- und Bahnhofpassage, gegenüber der Migros, öffnet sich ein Tor und gibt den Zutritt frei hinter die Kulissen des mit 415 Millionen Franken Umsatz viertgrössten Shoppingcenters des Landes. Ein langer Gang voller Früchte- und Gemüsekisten führt zu einer von zwei unterirdischen Laderampen. Hier werden die zahllosen Lastwagen entleert, die täglich via Bahnhofquai anrollen, und von hier wird der Nachschub für Migros, Interdiscount, Sprüngli und Co. über ein verborgenes Wegnetz zu den Läden geschafft.

«Das Ziel ist, sämtliche Geschäfte im Shopville von hinten zu beliefern, ohne das Publikum zu stören», erklärt Roger Tossut. Leider sei das aus Platzgründen nicht in allen Fällen möglich, bedauert der Hausherr, der sich wünscht, ihm stünden noch 1000 Quadratmeter Lagerraum und Verbindungswege mehr zur Verfügung.

Ebenfalls im «Hof Grün» - er bildet zusammen mit «Rot», «Blau» und «Gelb» den für Autos und Lieferwagen befahrbaren Teil - steht die Abfallentsorgungsanlage. 920 Tonnen Müll werden am HB jährlich gesammelt, sortiert, gepresst und von der Stadt oder privaten Unternehmen abgeholt. «Wir haben sogar eine Kühlkammer für die organischen Abfälle, damit sie bis zur Entsorgung nicht verrotten und stinken», so Tossut.

Im Norden Gepäck und Kantine

Weiter gehts auf verschlungenen Wegen zur Gepäckabfertigung. Ein riesiger, mit Gittern gesicherter Raum voller Koffer, Taschen und Velos, die darauf warten, auf kleine Karren geladen und über grosse Lifte direkt auf die Perrons und zu den Zügen gerollt zu werden. «Die Möglichkeit, das Gepäck aufzugeben, wird immer noch rege genutzt», sagt SBB-Sprecher Daniele Pallecchi. «Vor allem im Winter, wenn die Leute in die Skiferien fahren, gehts hier hoch zu und her.» Allerdings würden heute auch die SBB einen bedeutenden Teil der Gepäckstücke auf der Strasse transportieren - eine Konzession an den extrem dichten Fahrplan.

Wir steigen zurück ans Tageslicht, in den ersten Stock des Nordtrakts, wo das SBB-Personal seine Umkleidekabinen, Duschen und Ruheräume hat. Die Wände der langen Korridore tragen knallige Farben, an Anschlagbrettern hängen Blätter mit der Aufschrift «Tourenmarkt». Zugsbegleiter tauschen offenbar gerne ihre Dienste aus. Auf derselben Ebene, mit Sicht aufs Landesmuseum, finden die knapp 3000 Menschen, die im HB arbeiten, ob Bähnler oder Verkäufer, auch die grosszügige Kantine. Zubereitet werden ihre Mahlzeiten allerdings auf der anderen Seite der Haupthalle, bei der Candrian Catering AG.

Im Süden die Speisen

Dort, beim mit 13 Gault-Millau-Punkten dotierten Restaurant Au Premier, wartet Claudio Bieri, Geschäftsleitungsmitglied von Candrian. Es ist später Vormittag, das Personal bereitet sich auf den Mittagsservice vor, während die Gäste in der Bar noch beim Kaffee sitzen. Auch Benedikt Weibel, ehemals SBB-Chef, heute Professor an der Uni Bern, hat sich für eine Besprechung mit Aussicht auf die Bahnhofstrasse hierher zurückgezogen.

Candrian kann am Hauptbahnhof so gut wie jedes Gelüste stillen. Ob Fischbrötchen, Züri-Geschnetzeltes, Muffins , Vegetarisches, Panini, mit Creme gefüllte Cornetti, Bratwürste, Chili-Würste, Gourmet-Menüs oder Hamburger - die Bandbreite der Produkte, die das Gastrounternehmen anbietet, ist verblüffend. Vielfältig auch die Namen, unter denen Candrian auftritt. Brasserie Fédéral, Il Baretto, Nordsee, Panini, Blueberry, Bona Dea, Au Premier und selbst Burger King werden vom Familienunternehmen betrieben.

Man wolle, erklärt Claudio Bieri während er uns über eine schwindelerregend enge Wendeltreppe zurück in den Untergrund leitet, eben in jedem kulinarischen Bereich präsent sein und alle Kundenbedürfnisse abdecken, ohne als «Gigant» wahrgenommen zu werden.

Wahrlich gigantisch ist allerdings die Küche, in der wir nun stehen. Entlang einem Korridor aufgereiht, findet man eine Bäckerei, eine Patisserie, eine Metzgerei, kalte und warme Küchen, ja selbst einen Räucherofen für Lachs. 18 000 Brötchen pro Tag und bis zu 100 000 Würste pro Monat werden hier von der 120-köpfigen Küchenbrigade produziert, jährlich 200 000 Kilo Mehl verarbeitet und 25 Tonnen Lachs geräuchert. «Praktisch alles, was wir im HB verkaufen, wird auch vor Ort hergestellt», erklärt Claudio Bieri. «So können wir uns von anderen Anbietern abheben und Frische garantieren.» Na dann, zu Tisch, bevor das Essen kalt wird.

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