«Die Schwerhörigkeit hat mich bereichert»

Diskutieren am Stammtisch, sich genussvoll zurücklehnen und Musik hören – solche Alltäglichkeiten erlangen bei schwerhörigen Menschen eine ganz andere Bedeutung. Heinrich Gallmann ist einer davon und hat gelernt, mit seinem Defizit umzugehen.

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Solothurner Zeitung

Bettina Nägeli

Serie

Stützen der Vereine
Gegen 200 Vereine existieren in Langenthal. Sie sind wichtige Foren zur Pflege von Kontakten und stellen ein wesentliches Element der gemeinsamen Freizeitgestaltung dar. Für das Bestehen dieser grossen Vereinsvielfalt ist das teilweise Jahrzehnte dauernde Engagement einzelner Mitglieder zentral. In einer losen, nicht repräsentativen Folge werden an dieser Stelle Personen porträtiert, die eng mit ihrem Verein verknüpft und aus dessen Leben nicht mehr wegzudenken sind. (oaw)

Es ist ein sonniger Tag, wie man ihn sich schöner kaum vorstellen könnte: Die leichte Brise lässt das Grün der mächtigen Baumkronen mit einem sanften Rascheln hin und her wiegen. Aus dem dichten Blattgrün dringt fröhliches Vogelgezwitscher hervor, das sich mal mehr und mal weniger mit dem Rauschen der Langete vermischt.

«Hören heisst nicht verstehen»

Sind jene von der Natur hervorgebrachten Geräusche für viele ganz selbstverständlich, so liegen dieselben für den hörgeschädigten Heinrich Gallmann ausserhalb der Wahrnehmbarkeit. Er leidet unter der so genannten Hochtonschwerhörigkeit: «Hohe Frequenzen sind für mich gar nicht oder nur verzerrt wahrnehmbar.» In Bezug auf das Sprachverständnis hat jene Hochtonschwerhörigkeit ebenfalls Auswirkungen, da gerade die hochfrequenten Sprachteile wie «s», «f» oder «sch» für selbiges eine grosse Rolle spielen.

Akzeptanz der Schwerhörigkeit fördern

Pro audito Langenthal ist einer von insgesamt 54 regionalen und lokalen Hörbehindertenvereine in der Schweiz, die unter dem Dachverband pro audito Schweiz vereint sind. Die 62 Aktivmitglieder von pro audito Langenthal treffen sich einmal monatlich zu gemeinsamen Aktionen, so etwa zu Vorträgen oder Ausflügen. Zudem führt der Verein insbesondere in den Herbstmonaten Nachmittags- oder Abendkurse durch, wobei Hörtraining und Lippenablesen den Schwerpunkt bilden. «Speziell in Gesprächssituationen mit hohem Lärmpegel sind diese Fähigkeiten für einen Schwerhörigen unabdingbar», sagt Präsidentin
Marianne Tschabold. Durch jene Kurse soll ausserdem die Akzeptanz des eigenen Hörproblems gefördert und damit einhergehend die Voraussetzung geschaffen werden, das Leben mit diesem zu meistern. (BNL)

Gallmann zückt sein Portemonnaie und bringt seinen ständigen Begleiter zum Vorschein: Ein leuchtend gelbes Kärtchen, das dem Sprechpartner sogleich signalisiert, wie dieser sich zu verhalten hat: «Augenkontakt halten» lautet die eine Vorschrift, «Langsam und deutlich sprechen» heisst die andere Regel. Denn wie für viele Betroffene typisch, gilt auch für Heinrich Gallmann die Aussage: «Hören ist nicht gleich verstehen.»

Die Worte des 89-Jährigen führen von der Gegenwart in die Vergangenheit, hin zum Ursprung seiner Schwerhörigkeit. Jahr für Jahr zur Winterzeit habe er mit starken Mittelohrentzündungen zu kämpfen gehabt - den Weihnachtsbaum als Bub nur vom Krankenbett aus zu sehen bekommen. Trotz leichter Hörschwierigkeiten, als Folge der sich dann mindernden Entzündungen, fühlte sich der damals junge Mann kaum beeinträchtigt. Die Jahre vergingen und der in der Milchwirtschaft tätige Gallmann konnte seinem Beruf und seinen hinzukommenden Vaterpflichten nahezu beschwerdefrei nachgehen. «Ausser baden im öffentlichen Schwimmbad; das durfte ich nicht», erzählt der unternehmungslustige Senior.

Neue Entzündungen treten auf

Die 1980er-Jahre prägten sich besonders in Gallmanns Gedächtnis ein, stellten sie doch einen Wendepunkt und damit den Beginn eines neuen Lebensabschnitts dar: Kurz vor der Pensionierung bekam der damals in der Kadi AG Angestellte das erste Hörgerät - und von da an traten aus unerklärlichen Gründen erneute Entzündungen auf. «Die Folge war eine beidseitige Trommelfellschädigung, die das rechte Ohr ertauben und auf dem linken Ohr lediglich einen Hör-Rest zurückliess», verdeutlicht Gallmann die schwerwiegenden Auswirkungen.

Nach einer Operation, die den verbliebenen Hör-Rest zu stabilisieren vermochte, begann der nun Pensionierte damit, sein Leben mit der Schwerhörigkeit neu zu strukturieren. «Organisation statt Isolation» lautete der ihn von dahin an begleitende Grundsatz.

«Leben tun wir heute»

Der Beitritt zu pro audito Langenthal anno 1989 erachtete der Schwerhörige denn auch als seine Pflicht. Heute, rückblickend auf zig Hörtrainings und Lippenablesekurse und damit einhergehend auf prägende Begegnungen mit ähnlich Betroffenen, spricht Gallmann von seiner Schwerhörigkeit anders, als mancher es vielleicht erwartet; er bezeichnet sie als eine «persönliche Bereicherung». In zehnjähriger Vorstandsarbeit bei pro audito Langenthal und in der technischen Kommission von pro audito Bern gab der Engagierte sodann etwas davon zurück, was ihm seinerseits gegeben wurde: «Ich habe in den vergangenen Jahren so viele Mitmenschen getroffen, die mir mit viel Offenheit und Ehrlichkeit begegnet sind.»

Das Leben als Schwerhöriger als Gewinn zu betrachten, zeugt von einer positiven Lebenseinstellung. Ebenso kennzeichnend dafür ist die Aktivität und Unternehmenslust des fast 90-Jährigen: Einmal im Monat steigt der rüstige Mann am Langenthaler Bahnhof in den Zug und lässt die Schönheit der Landschaft an seinen Augen vorbeiziehen - «vorzugsweise jene der Westschweiz». Die Art zu Leben, die Schwerhörigkeit zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen, würde er jedem Betroffenen raten. Dafür steht sodann der Spruch, der an Heinrich Gallmanns Badezimmerspiegel befestigt ist: «Das Gestern kannst du vergessen. Von morgen hast du keine Ahnung. Aber leben tun wir heute!»

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