Eigentlich sollte er ja für die Anatomieprüfung lernen. Doch sein Vis-à-vis lenkt ihn ab. Es ist eine junge Frau mit Kopftuch. «Muss sie das? Will sie das?», hört man die Gedanken des jungen Mannes. Und dann: «Was liest sie da überhaupt? Den Koran wahrscheinlich, was sonst?»

Als der Mann plötzlich laut denkt, kommt es zur unerwarteten Wendung: «Wo liegt nur dieser Nucleus preopticus?», sagt er, über seinen Laptop gebeugt. Und siehe da: Die Frau mit Kopftuch weiss die Antwort – sie liesst nämlich selbst in einem Anatomiebuch.

Die unerwartete Wendung

Mit diesen 52 Sekunden Video aus dem ICE will die Deutsche Bahn vor allem für Toleranz werben. Sie zeige mit diesem Video, «dass sie nicht nur zum Transport von A nach B beiträgt, sondern auch Menschen verbindet.»

Das Video, das vergangene Woche veröffentlicht worden ist, hat bisher vor allem gespalten. Vor allem auf der Facebook-Seite der Deutschen Bahn gingen die Wogen hoch.

«Realitätsnah» versus «Bilderbuch»

Während eine Userin den Spot «tolle und realitätsnahe Werbung, die auch noch echten moralischen Mehrwert hat!» findet, schreibt ein anderer Nutzer von einer «Bilderbuchgeschichte».

Neben «grossem Lob» und «Respekt!» ist in den zornigen Kommentaren zu lesen, die Bahn «unterstütze die Verschleierung von Frauen». Oder: «Alleine die Darstellung, dass die Kopftuchträgerin ihm antwortet, ist eine verdammte Lüge (...).»

Ein Kunde droht: «Ich kündige meine Bahncard für diese Kopftuchwerbung.» Da steige er lieber aufs Auto um. Ein anderer: «Ihr werdet schon sehen was ihr davon habt, sobald sich die ersten im Zug in die Luft sprengen.» Zahlreiche Kommentare haben die Facebook-Verantwortlichen der Deutschen Bahn kommentiert, viele gelöscht.

«Eine Debatte in unserem Sinne»

«Wenn man die Kommentare (wenige ausgenommen) hier liest, frage ich mich, wo ich hier lebe», schreibt dazu ein Nutzer. «Danke DB», schreibt eine Userin, gemäss Profilbild selbst Studentin mit Kopftuch. «Leider verstehen viele die Botschaft nicht.»

Die Deutsche Bahn selbst schreibt in einem ihrer zahlreichen Kommentare: «Dass es kontroverse Reaktionen hervorrufen könnte, war uns bewusst. Eine Debatte in den sozialen Netzwerken ist, sofern sie sachlich geführt wird, dabei durchaus in unserem Sinne.»(smo)