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Die Gefahr nicht erkannt

Das Tötungdelikt im Berner Florapark hat für die Universitären Psychiatrischen Dienste Bern keine Folgen. Die Berner Regierung fordert jedoch ein härteres Jugendstrafrecht.

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Flora

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Solothurner Zeitung

Johannes Reichen

Es gibt nichts, was man ihnen vorwerfen kann. Die Universitären Psychiatrischen Dienste Bern (UPD) haben im Fall der jungen Frau, die vergangenen November im Alter von 22 Jahren einen Mann getötet hat, nichts falsch gemacht. Nur überfordert waren die UPD mit ihrer ehemaligen Patientin.

Dies zeigt der Untersuchungsbericht, der gestern vorgestellt wurde. Gegen die UPD werden «keinerlei Massnahmen und kein aufsichtsrechtliches Verfahren» eingeleitet, sagte der bernische Gesundheits- und Fürsorgedirektor Philippe Perrenoud (SP) vor den Medien.

Messerattacken und Überfälle

Prozess vermutlich 2010

Die geständige Täterin befindet sich gemäss Auskunft des Untersuchungsrichteramts Bern-Mittelland im vorzeitigen Strafantritt. «Wir stehen kurz vor der Schlusseinvernahme», sagte gestern der zuständige Untersuchungsrichter Niklaus Bircher auf Anfrage. Noch ist unklar, wie die Anklage lautet - mindestens aber auf vorsätzliche Tötung. «Die Untersuchung und die Anklage werden sicher noch in diesem Jahr abgeschlossen werden.» Zum Prozess vor dem Kreisgericht Bern-Laupen aber reiche es 2009 vermutlich nicht. (joh)

Die Probleme mit der Frau aus dem Kanton Zürich begannen 2002. Sie stiess ihrem Bruder ein Messer in den Rücken. Die zuständige Jugendanwaltschaft suchte einen Platz für sie und schrieb 15 Institutionen in der Schweiz an. 14 lehnten die Aufnahme der damals 15-Jährigen ab wegen des Risikos der Fremdgefährdung. Eine nahm an: die Klinik Neuhaus.

Verhängnisvoller 22. Geburtstag

2003 beging sie in Bern zwei Raubüberfälle. Es folgte ein Aufenthalt in der Anstalt Hindelbank, davon fünf Monate im Sicherheitsvollzug. Bald nach dem Eintritt sprachen sich die Betreuer für eine Vollzugslockerung aus - und so trat sie Anfang 2006 wieder in die Klinik Neuhaus ein. Die Frau selbst, sagte Hofer hatte Bange vor dem Mai 2008. Da wurde sie 22-jährig - damit endeten die jugendstrafrechtlichen Massnahmen.

Sie blieb freiwillig in Ittigen. Dass sie sich zu prostitutieren begann, wurde am Tag vor dem Tötungsdelikt bemerkt. Es wäre ein Alarmsignal gewesen, sagte Hofer. Doch es kam zu spät. Am 18. November hatte sie Sex im Florapark mit einem 52-jährigen Mann aus Sri Lanka, dann stach sie ihn nieder. Sie hat die Tat gestanden.

Komplexe und seltene Störung

Zuhanden von Hofers Bericht erstellte Volker Dittmann, leitender Arzt der forensischen Psychiatrie der Universitäten Psychiatrischen Kliniken Basel, ein Gutachten. «Die diagnostische Einschätzung war aus jugendpsychiatrischer Sicht korrekt», lautet sein Urteil. Er machte ein «komplexes psychiatrisches Störungsbild» aus, das «ausserordentlich selten» sei.

Ein forensisch-psychiatrisches Instrument wäre darum nötig gewesen, um das Risiko richtig einzuschätzen. In der Klinik Neuhaus liege der Schwerpunkt auf der Therapie - Aspekte der öffentlichen Sicherheit dagegen seien zweitrangig. Deshalb sei die Klinik nicht geeinget gewesen.

Eine bessere Institution hätte es aber auch nicht gegeben. «Es gibt keine geschlossene Einrichtung für jugendliche Straftäter mit psychiatrischen Problemen», sagte Hofer. Dass die UPD «teilweise überfordert» waren, könne ihnen darum nicht vorgeworfen werden. Immerhin soll es 2010 in Basel eine solche Einrichtung geben.

Freiheitsentzug abgelehnt

Allerdings drängten die UPD mehrmals auf einen Fürsorgerischen Freizeitsentzug (FFE). Denn die Frau war insgesamt 17 Mal von der Polizei aufgegriffen worden, trug jeweils Messer bei sich und verletzte einmal zwei Polizisten.

Die Wohngemeinde der Frau, Mönchaltdorf, fällte allerdings keinen Entscheid, da sie Zweifel hatte, ob ein FFE rechtens wäre. Und das Regierungstatthalteramt Bern stützte sich auf Aussagen eines UPD-Arztes. Die Frau sei nicht gefährlich, sie brauche Messer, «um sich an etwas festzuhalten», hatte er gesagt.

Hofer sieht keie Gründe für personelle oder organisatorische Konsequenzen. «Es erstaunt, dass die Fachleute das Risiko unterschätzt haben. Aber es zeigt auch, wie schwierig es ist, einen Menschen zu beurteilen.»

Wilhelm Felder, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der UPD, akzeptierte die Folgerungen. «Wir tragen eine Mitverantwortung», sagte er. «Aber wir haben bis zum Schluss geglaubt, dass sie ein selbstbestimmtes Leben schaffen kann.»