Das Mädchen war ein Mann

Er nannte sich Tamara und gab sich als Teenager aus, um an einschlägige Bilder zu kommen. Gestern wurde der 57-Jährige Beschuldigte wegen Kinderpornographie verurteilt.

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Solothurner Zeitung

Raffaela Kunz

Nicht die 12-jährige Tamara drückte gestern vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern die Anklagebank, sondern ein Kantonsangestellter mittleren Alters. In die Rolle des Teenagers Tamara schlüpfte der Familienvater, um sich im MSN-Chat auf seinem Privatcomputer kinderpornographisches Material zu beschaffen. Seinem Gesprächspartner - einem Fotografen, gegen den im Kanton Bern ein separates Verfahren läuft - machte er vor, für ihn Modell stehen zu wollen. Die verlangten Bilder sollten gemäss dem Angeklagten als Referenz dienen.

Doch nicht nur das: Der 57-Jährige wurde auch selber aktiv und schickte seinem Gegenüber eine Reihe Bilder mit bezeichnenden Titeln wie «da bini» und «mi obe». Dass aber nicht der Angeklagte abgebildet war, versteht sich wohl von selbst.

Nur ein Lausbubenstreich?

Beschaffen von Pornographie über elektronische Mittel sowie Versenden entsprechenden Materials, so lauteten die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft. Verlangt wurde eine bedingte Geldstrafe von 50 Tagessätzen à 110 Franken (5500 Franken) sowie eine Busse in einer Höhe von 2200 Franken. Doch davon wollte der Beschuldigte nichts wissen. Er wolle die Verhandlung nutzen, um seine Sicht der Dinge darzulegen, so der 57-Jährige. Die Figur der 12-jährigen Tamara habe er nur kreiert, weil er einen gleichaltrigen Sohn habe. «Ich bin nicht in der PC-Generation aufgewachsen», erläuterte der Angeklagte. Aus diesem Grund habe er schauen wollen, «was in diesem Alter so abläuft.» Auch habe er sehen wollen, wie weit sein Gegenüber gehen würde. «Ich musste selber stutzen, wie weit der sich zum Fenster hinauslehnte», beteuerte der Beschuldigte.

Sein Verteidiger stimmte ähnliche Töne an: Innerlich habe sein Mandant sich entsetzt, gegen Aussen habe er jedoch «den Lausbuben markiert.» Zudem führte er ins Feld, dass es sich bei einem Teil der Bilder gar nicht um kinderpornographisches Material gehandelt habe: Die vermeintlichen Portraits von Tamara waren Bilder von erwachsenen Frauen, die der Angeklagte sich via Online-Suchmaschinen besorgt und danach bearbeitete hatte. Der Verteidiger forderte deshalb einen Freispruch vom Vorwurf des Versendens. Ebenfalls freigesprochen werden sollte der Beschuligte wegen des Empfangens der Dateien: Die Bilder seien nicht gespeichert, sondern lediglich geöffnet worden. Deshalb sei der vorgeworfene Tatbestand der Pornographie gar nicht erfüllt, argumentierte die Verteidigung.

Strafe stark gemildert

Das Gericht war aber nur teilweise derselben Meinung. «Ein Grossteil der Bilder ist nicht kinderpornographischen Charakters», befand zwar Amtsgerichtspräsident Daniel Wormser. Zu einem Schuldspruch kam es aber laut Wormser wegen «ein paar wenigen Bildern, die objektiv pornographisch sind». Das Versenden der bearbeiteten Bilder durch den Beschuldigten ordnete das Gericht als Versuch ein: Der Empfänger habe die Dateien als kinderpornographisch verstanden.

Das gefällte Urteil lag mit lediglich fünf Tagessätzen zu je 120 Franken (600 Franken) bedingt aufgeschoben deutlich unter der von der Staatsanwaltschaft geforderten Strafe. Die Verfahrensgebühren von insgesamt 570 Franken muss der Verurteilte zur Hälfte übernehmen.

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