Strassburg

22-Jährige stirbt, weil der Notruf sie nicht ernstnahm – Fall Naomi beschäftigt das Elsass

Naomi Musenga wurde nur 22 Jahre alt.

Naomi Musenga wurde nur 22 Jahre alt.

Im Elsass gibt es einen Schweigemarsch und eine Petition zum Tod der 22-jährigen Naomi, die vom Notfalldienst nicht ernst genommen wurde.

Die 22-jährige Strassburgerin Naomi Musenga soll eine lebenslustige junge Frau gewesen sein. In den letzten Wochen hat ihr Schicksal das ganze Elsass, wenn nicht halb Frankreich beschäftigt. Als sie an diesem Sonntagvormittag, den 29. Dezember 2017, um 11 Uhr den Notfalldienst anrief, hatte sie schwere Schmerzen, wurde von der diensthabenden Telefonistin aber nicht für voll genommen.

Es wurde 15 Uhr, bis der Rettungsdienst endlich da war. Anderthalb Stunden später starb sie an inneren Blutungen im Krankenhaus. Bekannt wurde der Fall erst Ende April. Bis er sich zum landesweiten Skandal ausweitete, sollte es noch mal einige Tage dauern. Seitdem waren insbesondere die elsässischen Medien voll von Artikeln zu Naomi. Es gibt frankreichweite Petitionen, die Gerechtigkeit für sie fordern und 1000 Personen nahmen Mitte Mai in Strassburg an einem Schweigemarsch teil. Eine der Petitionen wurde mittlerweile von fast 260'000 Personen unterschrieben.

Flapsiger Ton statt Hilfe

Das Krankenhaus und die Behörden hatten die Familie von Naomi Monate hingehalten, bis sie endlich den Mitschnitt des Telefonats und weitere Unterlagen herausrückten. Es war besonders der flapsige bis unverschämte Ton der Notfall-Angestellten, die die Leute auf die Barrikaden trieb. So antwortete die Frau zu Naomi, als diese mit schwacher Stimme um Hilfe flehend sagte, sie werde sterben: «Eines Tages sterben wir alle.»

Aufgrund der massiven Medienreaktionen schaltete sich auch Gesundheitsministerin Agnès Buzyn ein und kündigte eine grundlegende Reform des Notfallsystems Samu (service d'aide médicale urgente) an. Es häufen sich aber auch die Stimmen, die den Zustand des gesamten Gesundheitssystems kritisieren, der sich durch den Abbau von Betten und der finanziellen Mittel auszeichne. Bereits im September hatten 1200 Ärzte in einem Brief darauf hingewiesen und vor einem möglichen Drama gewarnt.

Rechtliche Folgen

Der Fall Naomi wird auch rechtliche Folgen haben. So hat die Staatsanwaltschaft ein Verfahren eröffnet und die Eltern klagen gegen das Krankenhaus. Unter Druck gekommen sind auch die Mitarbeiterinnen des Samu. Sie erhielten Morddrohungen und wurden beleidigt. Namen und Fotos von drei Frauen wurden auf Facebook und Twitter veröffentlicht.

Der Notruf des Samu 67 war am 29. Dezember 2017 stark überlastet. Statt an normalen Tagen 2000 waren die Mitarbeiter aufgrund der Feiertage mit 3000 Anrufen pro Tag konfrontiert. Weniger unter Druck dürfte der Samu 68 in Mulhouse sein – die Zahl 68 steht für das Departement Haut-Rhin. Laut einem Video der Tageszeitung «Dernières Nouvelles d'Alsace» kommen hier im Jahr 170'000 Anrufe im Jahr rein. Der Samu 68 befindet sich im Krankenhaus von Mulhouse, wurde gerade neu eingerichtet und ist deshalb Pilotprojekt für ganz Frankreich.

Dazu, ob ein Fall wie Naomi auch in Mulhouse geschehen könnte, wollte sich gegenüber der bz niemand äussern. Für Basel sagte Peter Indra, Leiter der kantonalen Gesundheitsversorgung: «In einer Extremsituation ist das nicht auszuschliessen. Aber ganz allgemein würde ich Nein sagen.»

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