Es war keine Meldung, die die Welt erschütterte. Nur mich: Letztes Wochenende sollte in Berlin ein sogenanntes «Barbie Dreamhouse» eröffnet werden. Eine lebensgrosse Puppenstube ganz in Pink. Doch dann kamen die Demonstranten.

Sie marschierten mit Plakaten vor, auf denen «Ronja Räubertochter!» und «Pippi Langstrumpf!» stand. Das seien doch viel bessere Rollenmodelle als die Plastikblondine! Sie protestierten gegen das veraltete Frauenbild, das durch die 29 Zentimeter lange Puppe zementiert werde, gegen das unrealistische Körperbild, das ihre verzerrten Proportionen vermittle. Eine echte Frau mit diesen Massen könnte sich nicht aufrecht halten, und ihre inneren Organe hätten unter der Wespentaille keinen Platz.

«Das Barbie-Dreamhouse ist Ausdruck eines Rollenbildes, das nicht okay ist», sagt Michael Koschitzki von der Jugendorganisation der Linken: «Dort wird ein Bild präsentiert von Kochen, Schminken und Singen, als wäre das die Erfüllung im Leben.»

Kurz, die jungen Protestanten führen exakt dieselben Argumente ins Feld, mit denen meine Mutter mir vor mehr als vierzig Jahren meinen Herzenswunsch verweigerte. Schon damals dachte ich: Aber ich bin doch nicht blöd! Ich will doch mein Erwachsenenleben nicht auf Zehenspitzen verbringen! Doch das half mir nichts.

Meine Chance kam erst, als ich mit acht Jahren mit gebrochenem Hinterkopf im Kinderspital lag. Mit meinen Nieren war auch etwas nicht in Ordnung. Es sah nicht gut aus. Meine Eltern sassen an meinem Bett. Meine Mutter, glaube ich, weinte. Jetzt oder nie. Ich schloss die Augen und flüsterte: «Ich will eine Barbie!»

Zwei Stunden später hatte ich sie. Sie hatte ebenfalls ein Loch im Hinterkopf – bis heute frage ich mich, ob sich mein Vater, der mit dem Taxi zum nächsten Spielzeugladen gerast war, etwas dabei gedacht hat, oder ob er, was wahrscheinlicher ist, einfach die erstbeste rosa Schachtel aus dem Regal gegriffen hatte.

Durch ihr Loch im Kopf wuchs, im Gegensatz zu meinem, ein Pferdeschwanz, den man nach Belieben länger und kürzer machen konnte. Indem man das Haar in den ansonsten leeren Schädel zurückstopfte. Die Fragen, die ich mir dabei stellte, waren existenzieller Natur.

Jahrelang spielte ich mit meiner Barbie und mit meiner besten Freundin. Wir bauten Häuser und Theaterbühnen, wir strickten mit Zahnstochern und Lurexgarn die verruchten Roben, die das Spielwarengeschäft nicht anbot.

Mit Barbiepuppen spielt man nicht einfach das ganz normale Leben nach, so wie man es vor der Nase hat. Mit Barbie spielt man sich ganz von allein in andere Dimensionen. Gerade, weil sie so surreal aussieht.

Die Puppe meiner Freundin war eine berühmte Schauspielerin, meine ihre Sekretärin, die ihre Fanpost beantwortete und zu seitenlangen Dramen entwickelte. Die Puppen waren die Ersten, die es wussten:

Sie wollte Schauspielerin werden, ich wollte schreiben. Und nachdem wir es lange genug gespielt hatten, setzten wir es um. Die Befürchtung, das Spielen mit Barbiepuppen reduziere die weibliche Vorstellungskraft auf «Singen, Schminken, Kochen» beleidigt und entmündigt die kleinen Mädchen in ihrer pinken Phase.

Meine Freundin L. zum Beispiel hatte früher 52 Barbiepuppen. In Worten: zweiundfünfzig. L. ist dreissig Jahre jünger als ich. Sie hat die eidgenössische Matura gemacht, weil ihr das Gymi zu langsam war, Medizin studiert und das Schweizer und das Amerikanische Staatsexamen gleichzeitig abgelegt.

Und was hat sie mit ihren 52 Barbiepuppen gespielt? Genau: Spital. Operation, Amputation, ketchupverschmierte Verbände. «Diese seltsamen Kugelgelenke konnte man super ein- und ausrenken!»

Die Eröffnung des BarbieDreamhouse in Berlin wurde erst einmal verschoben. Ehrlich gesagt, ich hoffe heimlich auf eine Gegendemonstration von kleinen Mädchen, die Plakate hochhalten, auf denen steht:

«Wir suchen uns unsere Vorbilder selber aus!» und «Wenn wir wirklich blöd wären, wär das wohl euer Problem!» Ich wünsche mir ein bisschen mehr Vertrauen. In unsere Töchter und in ihre Rollenmodelle – in uns.