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Neue Software zeichnet ein Bild des Lebens

Im Auftrag von: FHNWFHNW
Was hat der Klient in seiner Familie und Pflegefamilie erfahren und gelernt, und wie wirkt sich das auf andere Lebensbereiche aus? Dies lässt sich mit Visual Analytics einfacher erkennen.

Was hat der Klient in seiner Familie und Pflegefamilie erfahren und gelernt, und wie wirkt sich das auf andere Lebensbereiche aus? Dies lässt sich mit Visual Analytics einfacher erkennen.

Fachleute der Sozialen Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW haben eine Web-Plattform mitentwickelt, die schwierige Lebenswege grafisch darstellen kann – und so die Arbeit von Sozialarbeiterinnen und Therapeuten erleichtern und verbessern soll.

Dieser Artikel wurde von der Fachhochschule Nordwestschweiz aufbereitet und alleinig verantwortet. Hier geht es zu den Richtlinien für Paid Content.

Tom ist 14 Jahre alt und seine Eltern sind drogenabhängig. Er lebte in Pflegefamilien – und nun im Schulheim. Heute sitzt er neben seinem Sozialpädagogen. Gemeinsam schauen sie auf ein Tablet, während sie über einschneidende Ereignisse und schöne Erfahrungen in Toms Leben sprechen. Der Sozialpädagoge tippt und zeichnet, langsam entsteht auf dem Bildschirm ein Bild mit Pfeilen, beschrifteten Kreisen und eingefärbten Flächen. Tom arbeitet mit, verschiebt auch mal einen Kreis oder setzt eine neue Verbindung. Wer jetzt auf den Bildschirm schaut, erkennt schnell, was im Leben des Jungen zentral war: Vernachlässigung als Kleinkind, Platzierung in der Pflegefamilie und früh erworbene Selbstständigkeit, die ihn aber auch mal einen teuren Pulli stehlen lässt.

Tom ist ein Alias, und diese Sitzung hat so nie stattgefunden. Allerdings könnte es bald ähnlich aussehen, wenn Sozialarbeiterinnen und Sozialpädagogen in Wohngruppen, der Bewährungshilfe oder der Schule sich mit ihren Klientinnen und Klienten treffen, um ihnen den Einstieg in ein selbstständiges Leben zu ermöglichen. Denn seit zwei Jahren arbeitet ein interdisziplinäres Team unter Federführung der Hochschule für Technik FHNW in Kooperation mit der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW gemeinsam mit der Softwarefirma Diartis AG an Visual Analytics. Das Projekt wird vom Forschungsfonds Aargau gefördert.

Ein Tool für alle Fälle

«Es ist eine App, die erfassen kann, wie komplex ein Menschenleben eigentlich ist», erklärt Raphael Calzaferri von der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW. Weil Visual Analytics ein Bild von der Lebenssituation zeichnet, können Sozialarbeitende und Betreute besser erkennen, welche Probleme und Verhaltensweisen in einem Lebens­bereich bestehen – und wie sich diese Muster auf andere Lebensbereiche auswirken.

So können Sozialarbeitende in Zukunft noch besser ermitteln, wie geholfen werden soll. Das war auch der Ausgangspunkt für Visual Analytics: Vor bald 15 Jahren hatte ein Forschungsprojekt gezeigt, dass die Begleitung von Menschen nach dem Austritt aus Frauenhaus, Psychiatrie oder Strafvollzug in ein selbstständiges Leben nicht immer zufriedenstellend war. Die Forschenden ermittelten, dass dafür auch das Fallverständnis in der Sozialen Arbeit mitverantwortlich ist. «Da waren wir ziemlich unzufrieden mit unserer Profession. Wir haben gesehen, dass es einen Mangel gibt an Instrumenten, die komplexe Fälle erfassen können», erinnert sich Calzaferri.

Mit Visual Analytics habe man nun eine Software, die Sozialarbeitende der verschiedensten Felder gerade darin unterstütze. Hat ausserdem eine betreute Person einmal eine virtuelle Mappe, kann Neues einfach ergänzt und die Mappe weiteren Personen zugänglich gemacht werden. «So fallen zum Beispiel auch doppelte Fallerfassungen weg», erklärt Calzaferri. «Das bedeutet weniger administrativen Aufwand.»

2022 parat für die Praxis

Sechs Fachpersonen aus Sozialer Arbeit, Pädagogik und Therapie haben das System zwei Monate lang im Beruf getestet. Und man war zufrieden. Geschätzt haben die Teilnehmenden, dass sie die Applikation gleichermassen für den 14-jährigen Schüler wie für die Sozialhilfe beziehende ältere Frau nutzen können. Deshalb war die Testphase auch für die Klientinnen und Klienten ansprechend: «Für viele war es bereichernd, ihr eigenes Leben aus diesem ungewohnten Blickwinkel zu betrachten», sagt Raphael Calzaferri. Dass die Rückmeldungen bisher ausschliesslich positiv waren, erklärt er sich aber auch damit, dass die Sozialarbeitenden sensibel mit dem neuen Tool umgegangen sind: «Eine solche Darstellung des eigenen Lebens kann auch verunsichern. Daher müssen sich die Betreuenden genau überlegen, wie sie sie verwenden. Wichtig ist, dass Klientinnen und Betreuende gemeinsam an diesem Lebensbild arbeiten.»

Das Team hofft, dass eine markttaugliche Version noch dieses Jahr programmiert wird. Realistisch ist, dass Sozialarbeitende die Web-Applikation 2022 verwenden können. Dann wird sie als Bestandteil der schweizweit verwendeten Fallbearbeitungssoftware Casenet auf den Markt kommen – und so in vielerlei Hinsicht eine neue Arbeitsweise in der Sozialen Arbeit ermöglichen.

FHNW

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