Zum Nationalfeiertag
Liechtenstein für Anfänger: Skilegende Marco Büchel erklärt uns das «Ländle»

Das Fürstentum feiert am Sonntag, 15. August, Nationalfeiertag. Grund genug, den Nachbarn im Osten etwas besser kennen zu lernen. Ex-Skistar «Büxi» hält eine Lektion Staatskunde und verrät die schönsten Ausflüge im Liechtenstein.

Text: Martin Oswald, Video: Raphael Rohner
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Was macht Marco Büchel heute?

In seiner 20-jährigen Karriere erreichte der Liechtensteiner Skirennläufer vier Weltcup-Siege, 18 Weltcup-Podest-Platzierungen und gewann die WM-Silbermedaille im Riesenslalom in Vail 1999. Er bestritt rund 300 Weltcup-Rennen, nahm an zehn Weltmeisterschaften und sechs Olympischen Spielen teil. Seit seinem Rücktritt vom Spitzensport im März 2010 hat Büchel in der Kommunikations- und Medienwelt Fuss gefasst und hält Referate. Im Winter arbeitet er als Skiexperte für das deutsche Fernsehen ZDF. Er ist Mitglied der Arbeitsgruppe für Material und Sicherheit beim Skiverband FIS und trägt als Botschafter die Marke Liechtenstein nach aussen. Als Mitinhaber von «Rotor Training» betreut er Athleten auf ihrem Weg an die Weltspitze. Seit neuestem bietet er Skifans Wanderungen auf den bekanntesten Rennstrecken in Wengen oder Kitzbühel an. Er ist verheiratet und wohnt mit seiner Frau Doris in Triesenberg (FL).

Liechtenstein im Steckbrief

  • Grösse: Liechtenstein hat eine Fläche von 160 Quadratkilometern und ist damit der viertkleinste Staat Europas und sechstkleinste der Erde. Appenzell Innerrhoden ist mit 172 Quadratkilometern gar etwas grösser. Rund die Hälfte des liechtensteinischen Staatsgebietes ist Gebirge.
  • Einwohnerzahl: Das Fürstentum hat 39'000 Einwohner. 34 Prozent sind Ausländer – hauptsächlich Schweizer, Österreicher, Deutsche und Italiener.
  • Sprache: Liechtenstein ist der einzige Staat mit Deutsch als alleiniger anerkannter Amts- und Landessprache; in den übrigen Staaten des deutschen Sprachraums sind auch andere Sprachen als Amts- oder Minderheitensprachen anerkannt.
  • Religion: 73,4 Prozent der Liechtensteiner sind laut der letzten Volkszählung römisch-katholisch, 8,2 Prozent protestantisch, rund 5,9 Prozent gehörten einer islamischen Religionsgemeinschaft an. 7 Prozent bezeichnen sich als konfessionslos.
  • Bruttonationaleinkommen pro Einwohner: 134'210 Schweizer Franken – das ist kaufkraftbereinigt das höchste aller EU-/EFTA-Staaten.
Das Schloss Vaduz thront 120 Meter über der Stadt Vaduz.

Das Schloss Vaduz thront 120 Meter über der Stadt Vaduz.

Bild: Alessandro Della Bella/Keystone

Der Fürst hat das letzte Wort

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Liechtenstein ist eine konstitutionelle Erbmonarchie auf demokratisch parlamentarischer Grundlage. Die demokratisch-parlamentarische Grundlage ergibt sich aus der vom Volk gewählten und abwählbaren Legislative und den demokratischen Möglichkeiten des Volkes, sich im Politalltag einzubringen. Doch das letzte Wort hat Fürst Hans Adam II. Und genau so will es das Volk. 2003 konnten die Liechtensteiner bei einem Referendum das Vetorecht ihres Fürsten bei Volksentscheiden abschaffen – doch sie sprachen sich mit deutlicher Mehrheit dagegen aus. Der Fürst sagt: «Die Interessen von Familie und Land sind im Normalfall kongruent.»

Fürst Hans-Adam II. von Liechtenstein lässt sich mit Bürgern fotografieren.

Fürst Hans-Adam II. von Liechtenstein lässt sich mit Bürgern fotografieren.

Bild: Gian Ehrenzeller, Keystone (Vaduz, 15. August 2019)

Kein Ruhmesblatt: Eine weibliche Thronfolge schliesst das Hausgesetz aus. Immerhin dürfen die Frauen seit dem 1. Juli 1984 mitreden. Liechtenstein führte das Frauenstimmrecht als letztes Land in Europa ein.

Eines der reichsten Länder der Welt

Liechtenstein ist steinreich. Die LGT-Bank von Vaduz verwaltet 180 Milliarden Euro Kundengeld. Dem Fürstenhaus gehören riesige Ländereien (hauptsächlich in Niederösterreich), Industriebeteiligungen, ein grosser Immobilienbesitz und eine der wertvollsten privaten Kunstsammlungen.

Das war nicht immer so. Liechtenstein war einst ein armer Bergbauernstaat, die Fürsten haben Geld investiert, damit dieser überleben konnte. Im 19. Jahrhundert gab es sogar zwei schlimme Hungersnöte.

Die Steueraffäre änderte die Spielregeln

Dem Chef der Deutschen Post, Klaus Zumwinkel, wurde vorgeworfen, über eine Stiftung in Liechtenstein eine Million Steuern hinterzogen zu haben.

Dem Chef der Deutschen Post, Klaus Zumwinkel, wurde vorgeworfen, über eine Stiftung in Liechtenstein eine Million Steuern hinterzogen zu haben.

Bild: Archiv

Für lange Zeit lief das Geschäft mit dem Geld wie geschmiert. Treuhandbüros und Banken verwalteten Hunderte Milliarden. Im Jahr 2008 flogen dann zahlreiche deutsche Steuerhinterzieher auf, die ihr Geld im Ländle vor dem Fiskus versteckten. Der LGT-Bank waren von einem ehemaligen Bankmitarbeiter bankinterne Daten entwendet und dem Bundesnachrichtendienst zum Kauf angeboten worden. Der Kauf dieser Daten durch Deutschland belastete die diplomatischen Beziehungen zu Liechtenstein.

In der Folge bekannte sich Liechtenstein zu einer konsequenten Weissgeldstrategie. Liechtenstein verstärkte seine regulatorischen Massnahmen. Gar schneller als die Schweiz verpflichtete man sich, automatisch die Kontostände ausländischer Anleger deren Heimatländern zu melden.

Geboren wird im Ausland

In der Geburtsurkunde liechtensteinischer Kinder steht seit ein paar Jahren meistens eine Ortschaft in der Schweiz. Wenn eine Frau in Liechtenstein nicht gerade eine der seltenen Hausgeburten bevorzugt, muss sie für die Entbindung ein Spital im Ausland aufsuchen. Meist fällt die Wahl dabei auf das benachbarte Spital in Grabs. Dieses sprang in die Bresche, als 2014 im Landesspital Vaduz die Geburtenabteilung aufgelöst worden war.

Das Militär wurde abgeschafft

Liechtenstein beschloss bereits im Jahr 1868 aus Kostengründen, die Armee aufzulösen. Seither hat das Ländle keine eigene Armee mehr; jedoch ist in der Verfassung die allgemeine Wehrpflicht nach wie vor verankert. Für die innere Sicherheit und Kriminalitätsbekämpfung ist die Landespolizei zuständig. Ein Abkommen mit der Schweiz sieht vor, dass auf Ersuchen Liechtensteins sowohl zivile als auch militärische Einheiten aus der Schweiz in Liechtenstein Hilfe leisten könnten.

Stolz auf die Heimat: Ein Autoaufkleber mit der Aufschrift «Gott, Fürst, Vaterland».

Stolz auf die Heimat: Ein Autoaufkleber mit der Aufschrift «Gott, Fürst, Vaterland».

Bild: Benjamin Manser

Zollvertrag mit der Schweiz

1923 wurde der «Vertrag zwischen der Schweiz und Liechtenstein über den Anschluss des Fürstentums Liechtenstein an das schweizerische Zollgebiet» unterzeichnet. Seit damals gehört das Fürstentum somit zum Schweizer Zollgebiet und die Landeswährung ist der Schweizer Franken. Zudem wird die Grenze zwischen Österreich und Liechtenstein durch das Schweizer Grenzwachtkorps überwacht.

Sportliche Erfolge im Skifahren und beim Fussball

Liechtenstein ist in der inoffiziellen Statistik «Olympische Medaillen pro Einwohner» die erfolgreichste Nation überhaupt. So gewannen sie bei Olympischen Winterspielen insgesamt zehn Medaillen. Die bekanntesten Namen aus der jüngsten Vergangenheit sind Marco Büchel und Tina Weirather. Sie beide sorgten immer wieder für liechtensteinische Erfolge im alpinen Skisport.

Erfolgreiche Ski-Familie: Tina Weirather (m.) mit ihren Eltern Harti Weirather und Hanni Wenzel, der einzigen Olympiasiegerin des Landes.

Erfolgreiche Ski-Familie: Tina Weirather (m.) mit ihren Eltern Harti Weirather und Hanni Wenzel, der einzigen Olympiasiegerin des Landes.

Bild: Sven Thomann (St.Moritz, 2012)

Die Liechtensteiner Fussballvereine nehmen am Spielbetrieb des Schweizerischen Fussballverbandes teil. So spielte der FC Vaduz von 2014 bis 2017 und in der Saison 2020/2021 in der höchsten Schweizer Liga. Der bisher grösste Erfolg im liechtensteinischen Vereinsfussball war 1996, als die Amateure des FC Vaduz, damals noch in der 1. Liga, den lettischen Gegner FC Universitate Riga im Europapokal der Pokalsieger bezwangen.

Immer mehr Casinos

Mit 830 Geldspielautomaten ist die Dichte der Glücksspielbetriebe europaweit rekordverdächtig, bezogen auf die Zahl der Einwohner gar weltweit. Nur wenige Jahre nach der kontrollierten Öffnung des Geldspielmarkts sind die Spielbanken in Liechtenstein heute bereits volkswirtschaftlich relevant: Fünf amtlich bewilligte Casinos spielen nahezu 30 Millionen Franken in die Staatskasse, fünf weitere sind geplant.

Bereits im April dieses Jahres wollten die Betreiber die Türen zum neuen Casino Maximus in Schaan öffnen, doch noch immer warten sie auf eine Bewilligung. Jetzt steht auch noch ein Mitarbeiter vor Gericht.

Kulinarisches: Wer kennt Ribel?

Zu den typisch liechtensteinischen Speisen zählen Käsknöpfle mit Apfelmus sowie Ribel mit Milch. Der Ribel wird aus Rheintaler Ribelmais, einer traditionellen einheimischen Maissorte, hergestellt. «Kratzete» oder «Tatsch» entsteht aus einem in einer Bratpfanne erwärmten Teig und wird mit Kompott oder Apfelmus gegessen.

Im Ländle wird zudem guter Wein angebaut, dem Föhnklima des Rheintals sei Dank. Mehr als 100 Nebenerwerbswinzer erzeugen auf 25 Hektaren Rebland jährlich rund 1000 Hektoliter Wein. Besitzer des grössten Teils des Reblands ist die Fürstenfamilie.

Viel Guggenmusik pro Einwohner

Das Ländle weiss, wie man Party macht. Es gibt nicht weniger als acht Guggenmusiken – quasi eine pro 5000 Einwohner.

Narrentreffen in Schaan.

Narrentreffen in Schaan.

Bild: Walter Schwager

Eine Rolltreppe im Land genügt

Gerüchte besagen, dass es in Liechtenstein nur eine einzige Rolltreppe gibt, nämlich im Mühleholzmarkt in Vaduz.

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