Speerspitz/Seitenblick
Die kritische Krimileserin lässt den Autoren wenig künstlerische Freiheit

Immer wieder stapeln sich Krimis auf dem Nachttischchen von Redaktorin Sabine Camedda. Meistens hält der Inhalt aber nicht, was der Klappentext verspricht. Und das nervt sie.

Sabine Camedda
Sabine Camedda
Drucken
Gerade bei Krimis hat die Leserin hohe Ansprüche.

Gerade bei Krimis hat die Leserin hohe Ansprüche.

Bild: Urs Bucher

Sommerzeit, das ist die Jahreszeit, in der mein Lesekonsum rapide ansteigt. Die Arbeit wird weniger, die Tage länger, das Fernsehprogramm langweiliger. Als Alternative nehme ich gerne ein Buch zur Hand. Doch je älter ich werde, desto anspruchsvoller werde ich, was die Lektüre angeht.

Gerade bei Krimis, wie es sie mittlerweile aus wohl jeder Region gibt, bin ich kritisch und habe mir einen Katalog aufgestellt mit Dingen, die es hat, die mir aber missfallen:

1. Wer ist die Hauptperson, die eine psychische Störung aufweist? Ja, ich weiss, jeder Mensch hat irgendeine Macke. Aber auf jedem der beschriebenen Posten hat es eine Figur mit einer Depression, einer Auffälligkeitsstörung oder einem anderen psychischen Problem. Dass viele von ihnen unablässig rauchen, verkommt fast zu einem Nebeneffekt.

2. Worum geht es überhaupt? Nicht selten sind die besagten Bücher ein paar hundert Seiten dick. Doch wie viel handelt vom eigentlichen Geschehen? Meistens nur ein Bruchteil. Jemand findet eine Leiche, der Kommissar oder die Kommissarin ermittelt und überführt letztlich die Person, die sich als erste verdächtig gemacht hat. Die ganzen Beschreibungen der Landschaft, der Spezialitäten, der Kleidung und der Charaktere könnte man gewiss straffen. Der Qualität mancher Bücher täte das sogar gut.

3. Wie realistisch ist das Handeln? Meistens gar nicht. Gerne würde ich mal einen «richtigen» Polizisten, der mit einem Mord konfrontiert ist, fragen, ob er auch Zeit fürs süsse Nichtstun hat, bis die Spurensicherung (endlich) ihre Arbeit erledigt hat. Ob sie auch jedem Dorfbewohner die ermittelten Details unter die Nase reiben. Ob sie gerne Journalisten beiziehen für ihre Recherchen und Nachforschungen. Und ob ihre Arbeit so schlecht bezahlt wird, dass die Polizisten finanziell kaum über die Runden kommen.

Vielleicht sind Sie, liebe Leserin, lieber Leser, begeisterte Krimi-Verschlinger und können meine Strenge nicht verstehen. Gewiss, diese Bücher sollen in erste Linie der Unterhaltung dienen. Aber dann bitte mit Niveau. Denn wenn ich etwas über eine Region lesen möchte, greife ich lieber zu einem Reiseführer.