Kreisgericht St.Gallen
Freund drängte Minderjährige zur Strafanzeige: Kreisgericht spricht Asylsuchenden frei vom Vorwurf der sexuellen Handlungen mit einem Kind

Einem Asylsuchenden wurden sexuelle Kontakte mit einer Minderjährigen vorgeworfen. Er beteuerte vor dem Kreisgericht St.Gallen seine Unschuld. Mit Erfolg.

Claudia Schmid
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Die Minderjährige hat sich mit dem Beschuldigten getroffen. Laut ihren Aussagen tranken sie Alkohol und es kam dann zum Geschlechtsverkehr.

Die Minderjährige hat sich mit dem Beschuldigten getroffen. Laut ihren Aussagen tranken sie Alkohol und es kam dann zum Geschlechtsverkehr.

Bild: Getty

Der heute 28-jährige Mann war 22 Jahre alt, als er seine Heimat Afghanistan verliess. Die kriegsähnlichen Zustände in der Region, wo er gelebt habe, seien der Grund für seine Flucht gewesen, erklärte er an der Verhandlung am Kreisgericht St.Gallen. Er habe sich nicht mehr sicher gefühlt. In der Schweiz stellte er ein Asylgesuch und fand eine Stelle in einem Restaurant.

An der Verhandlung am Kreisgericht St.Gallen beteuerte er seine Unschuld. Ein knapp unter 16 Jahre altes Mädchen hatte den Untersuchungsbehörden erzählt, es habe den ihr bekannten Beschuldigten per Mobiltelefon kontaktiert und sich mit ihm in einer Nacht im März 2020 am Bahnhof St.Gallen getroffen. Laut den Schilderungen der Minderjährigen kauften sie eine Flasche Wodka und tranken mehrere Becher eines Red-Bull-Wodka-Gemisches. In der Wohnung eines Kollegen des Beschuldigten sei es schliesslich zum Geschlechtsverkehr gekommen. Laut Anklageschrift war das Mädchen stark alkoholisiert.

Beschuldigter ist vorbestraft

Die in ihrer Wahrnehmung eingeschränkte Minderjährige habe ausgesagt, der Beschuldigte sei dabei lieb zu ihr gewesen, erklärte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer. Weiter habe sie erzählt, er habe keine Gewalt angewendet. Sie habe sich weder verbal noch körperlich gewehrt. Zur Strafanzeige sei es gekommen, weil ihr Freund sie dazu gedrängt habe. Er habe ihr gesagt, tue sie es nicht, mache er Schluss mit ihr.

Der Staatsanwalt beantragte eine Verurteilung wegen sexueller Handlungen mit Kindern, eine unbedingte Freiheitsstrafe von 15 Monaten und eine Landesverweisung von zehn Jahren. Straferschwerend wirke sich aus, dass der Beschuldigte einschlägig vorbestraft sei. Im Dezember 2019 sei er deswegen im Kanton Appenzell Ausserrhoden zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt worden.

Probleme mit Ex-Freund

Bei vielen Fragen des vorsitzenden Richters verwies der Beschuldigte auf seine früher gemachten Aussagen. Er gab an, sich nur deshalb mit dem Mädchen getroffen zu haben, weil es Probleme mit dem Ex-Freund gehabt habe. Alle anderen Geschehnisse, welche es erzählt habe, seien unwahr. Es habe keinen Geschlechtsverkehr zwischen ihnen gegeben. Werde er zu Unrecht verurteilt und müsse deswegen Europa verlassen, sei sein Leben verwirkt, betonte er.

Sein Verteidiger verlangte einen Freispruch von Schuld und Strafe. Die Aussagen des Mädchens seien sehr widersprüchlich und vage. Ausser diesen gebe es keinerlei Nachweise dafür, dass es wirklich zu einem sexuellen Kontakt gekommen sei. Das Mädchen selber habe zudem gesagt, es wisse nicht, ob der Beschuldigten gewusst habe, dass sie noch nicht 16 Jahre alt sei.

Im Zweifel für den Angeklagten

Das Kreisgericht St.Gallen fällte einen Freispruch von Schuld und Strafe. Ein fundamentaler Grundsatz in der Gerichtspraxis laute «Im Zweifel für den Angeklagten», erklärte der Vorsitzende Richter zum Urteil. Im vorliegenden Fall sei dieser Grundsatz zur Anwendung gekommen. Dieser Entscheid bedeute aber nicht, dass das Gericht davon ausgehe, das Mädchen habe grundsätzlich gelogen. Jedoch könne das Richtergremium nicht mit Bestimmtheit erkennen, ob es nicht Geschehnisse vermische.

Es selber habe ausgesagt, dass es mehrmals zu Streit mit dem Freund gekommen sei, weil es unter übermässigem Alkoholkonsum mit anderen Männern geschlafen habe. Tatsache sei auch, dass es wegen Einschränkungen im emotionalen und sozialen Bereich in psychiatrischer Behandlung sei. Nicht erwiesen sei zudem, ob der Beschuldigte das wahre Alter des Mädchens, das einen Monat später 16 Jahre alt wurde, gewusst habe. Die Verfahrenskosten von rund 14'000 Franken trägt der Staat.

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