Polizeieinsatz
Nach Tötungsdelikt in Hamburg: Mutmasslicher Täter soll die Frau gestalkt haben – Hamburger Polizei stellt Ermittlungen ein

Die Hamburger Polizei hat am Dienstagmorgen zwei Tote in einem Treppenhaus im Stadtteil Ottensen gefunden. Ein 22-jähriger Thurgauer soll gemäss aktuellem Ermittlungsstand zuerst eine gleichaltrige Frau und dann sich selbst erschossen haben. Die Mutter des Opfers sagt, der junge Mann habe ihre Tochter während Monaten gestalkt.

Miguel Lo Bartolo
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Einsatzkräfte der Polizei in der Nähe des Tatortes in Hamburg-Ottensen.

Einsatzkräfte der Polizei in der Nähe des Tatortes in Hamburg-Ottensen.

Bild: Keystone (Hamburg, 5. April 2022)

Das Tötungsdelikt in Hamburg-Ottensen, bei dem ein 22-jähriger Thurgauer eine gleichaltrige Studentin aus dem Raum St.Gallen erschossen haben soll, lässt einige Fragen offen. Die polizeilichen Ermittlungen in der norddeutschen Hafenstadt sind soweit eingestellt. Derweil wird hierzulande über das Tatmotiv gemutmasst.

Das Newsportal «20 Minuten» hat noch am Mittwoch, einen Tag nach der Bluttat, die Mutter der 22-Jährigen kontaktiert. Sie hat sich wie folgt zum Fall geäussert:

«Beim Täter hat es sich ganz klar um einen Stalker gehandelt.»

Auf die Avancen des mutmasslichen Täters sei die 22-Jährige nie eingegangen. Sie soll ihm nach seinem Liebesgeständnis klargemacht haben, dass sie keine Beziehung eingehen wolle. Auf die Zurückweisung habe der junge Thurgauer mit Stalking reagiert. Über mehrere Monate soll sich diese Besessenheit hingezogen haben.

Ausserdem betont die Mutter gegenüber «20 Minuten», dass er ihre Tochter nicht zum ersten Mal in Hamburg aufgesucht habe: «Als sie ihm vergangenen November klipp und klar sagte, dass sie nichts von ihm will, stand er drei Tage später vor ihrer Wohnungstür in Hamburg und belästigte und bedrohte sie.»

Keine Aussage über mutmassliches Tatmotiv

Die Hamburger Polizei kann auf Anfrage keine Stellung nehmen zu den Aussagen der Mutter. Von zuständiger Stelle heisst es: «Es gibt bei der Polizei Hamburg keine Erkenntnisse über eine mögliche Vorgeschichte.» Insofern könne man über das mutmassliche Tatmotiv keine Aussage treffen. Und weiter:

«Im Übrigen ist es so, dass es hinsichtlich des Tötungsdeliktes keine weiteren Ermittlungen geben wird, da Ermittlungen gegen Verstorbene nicht fortgeführt werden dürfen.»

Gemäss Informationen des «Hamburger Abendblattes» soll die Polizei bereits ein sogenanntes Rechtshilfeersuchen eingereicht haben. Demnach müssten sich die hiesigen Kantonspolizeien St.Gallen und Thurgau der weiteren Aufklärung des Falles annehmen. Die Thurgauer Kantonspolizei äussert sich nicht dazu. Sie verweist darauf, dass in dieser Angelegenheit die Medienhoheit bei der Hamburger Polizei liegt. Auch die St.Galler Kantonspolizei hält sich bedeckt.

Eine Anfrage bei der Staatsanwaltschaft des Kantons St.Gallen ergab, dass zumindest bis Donnerstag noch kein Rechtshilfe-Begehren eingegangen ist. Es könne aber sein, dass noch eines eintreffe. Es ist davon auszugehen, dass die Hamburger Polizei, oder eben die Hamburger Staatsanwaltschaft, zuallererst eine Hausdurchsuchung beim verstorbenen Täter einleiten wird. In jenem Fall müsste zumindest die Thurgauer Staatsanwaltschaft involviert sein. Diese verneint ebenfalls: «Im genanntem Strafverfahren ist noch kein Rechtshilfeersuchen der deutschen Strafverfolgungsbehörden eingegangen.»

Zur Vorgeschichte

Was sich in einem Treppenhaus in Hamburg-Ottensen zugetragen hat, betiteln deutsche Medien als «Bluttat», als «unfassbaren Vorfall». Bei der Einsatzzentrale der Polizei ging am Dienstagmorgen ein Notruf ein. Eine Anruferin meldete Schüsse in einem Treppenhaus nahe dem Bahnhof Altona. Als die Polizei um 8.45 Uhr am Tatort eintraf, fand sie zwei Leichen und eine Schusswaffe vor.

Die Identität des Mannes war der Hamburger Polizei am Dienstagabend noch nicht bekannt. Am Mittwoch bestätigte sie auf Anfrage: Es handelt sich um einen 22-Jährigen mit Schweizer Staatsbürgerschaft. Gemäss Informationen, die CH Media vorliegen, war er aus Güttingen nach Deutschland gereist. Die 22-jährige Frau hatte die deutsche Staatsbürgerschaft, war aber auch in der Schweiz, im Raum St.Gallen, wohnhaft. Die Polizei geht zum gegenwärtigen Zeitpunkt davon aus, dass der Mann zuerst die Frau und dann sich selbst erschoss.

Der Mann wurde von den Rettungskräften, die ebenfalls ausgerückt waren, schnell für tot erklärt. Die Reanimationsversuche bei der Frau scheiterten.

Zwei Schüsse auf die Frau

Eine Recherche von CH Media ergab Weiteres zum Tathergang. Die Auseinandersetzung, die in drei Revolverschüssen gipfelte, fand im vierten Stockwerk eines Mehrfamilienhauses statt. Dort hat die 22-Jährige gewohnt. Der mutmassliche Täter soll die Frau zweimal angeschossen haben – einmal in den Arm, einmal in die Brust. Danach soll er die Waffe gegen sich selbst gerichtet und abgefeuert haben, wieder auf Brusthöhe.

Eine Nachbarin, dieselbe Frau, die nach der Schussabgabe die Polizei verständigte, soll die beiden durch den Türspion beobachtet haben, als sie schon am Boden lagen. Das teilt ein Redaktionsmitglied des «Hamburger Abendblatt» mit.

Blumen vor dem Mehrfamilienhaus, in welchem die beiden Leichen gefunden wurden.

Blumen vor dem Mehrfamilienhaus, in welchem die beiden Leichen gefunden wurden.

Bild: Keystone (Hamburg, 5. April 2022)

Helikopter im Einsatz

Gemäss Medienberichten vom Dienstagabend soll die Polizei zunächst nicht ausgeschlossen haben, dass die Toten Opfer eines Verbrechens wurden und sich der Schütze noch in Tatortnähe aufhält. Auf Nachfrage aber dementiert die Hamburger Polizei. Es sei schnell klar gewesen, wie das vonstatten gegangen sein musste. «Zum jetzigen Zeitpunkt kann die Beteiligung einer dritten Person definitiv ausgeschlossen werden.»

Die Spezialeinheit der Polizei wurde dennoch eingeschaltet. Überdies wurde der Tatort weiträumig abgesperrt und von Beamten mit Maschinenpistolen bewacht. Ein Polizeihelikopter war ebenfalls im Einsatz. Beamte der Mordkommission und der Spurensicherung waren an der Tatortarbeit beteiligt, die bis zum späten Nachmittag andauerte. Die Dimensionen des Aufgebots waren augenscheinlich.

Der Vater des mutmasslichen Täters soll sich gemäss «Blick» am Dienstagabend beim Güttinger Gemeindepräsidenten Urs Rutishauser gemeldet haben. Er sei unter Schock gestanden und zutiefst erschüttert gewesen, so Rutishauer. Was in Hamburg passiert ist, sei für die ganze Familie des 22-Jährigen unbegreiflich.

Einsatzwagen der Polizei und der Feuerwehr stehen an einer von mehreren gesperrten Strassen beim Bahnhof Altona.

Einsatzwagen der Polizei und der Feuerwehr stehen an einer von mehreren gesperrten Strassen beim Bahnhof Altona.

Bild: Keystone
(Hamburg, 5. April 2022)