Nachspiel
Nach Gewaltvorwürfen in Altstätter Asylzentrum: Securitas stellt sich hinter Mitarbeiter

Securitas-Mitarbeiter sollen im Asylzentrum in Altstätten einen Jugendlichen spitalreif geschlagen haben. Die private Sicherheitsfirma nimmt ihre Angestellten in Schutz.

Noemi Heule
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Für die Sicherheit im Bundesasylzentrum Altstätten sind private Sicherheitsleute der Firma Securitas zuständig.

Für die Sicherheit im Bundesasylzentrum Altstätten sind private Sicherheitsleute der Firma Securitas zuständig.

Bild: Ralph Ribi

Die Vorwürfe sind happig: Securitas-Mitarbeiter sollen im Altstätter Asylzentrum einen Jugendlichen übel zugerichtet haben. Das Kinderspital St.Gallen diagnostizierte beim 16-Jährigen eine Gehirnerschütterung, drei gelockerte Zähne sowie mehrere Prellungen und Hämatome an Kopf und Körper. Ursache für die Verletzungen war eine sogenannte «Deeskalation», wie es im Jargon heisst ‒ ein Zwischenfall bei dem die Sicherheitskräfte physisch einschreiten.

Die betroffenen Sicherheitskräfte, die im Auftrag des Staatssekretariat für Migration (SEM) walteten, sind mittlerweile suspendiert. Ihr direkter Arbeitgeber, die private Sicherheitsfirma Securitas, stellt sich derweil hinter ihre Mitarbeiter. «Die Anschuldigungen decken sich nicht mit den Ergebnissen unserer Abklärungen», heisst es auf Anfrage. Details zum Vorfall will die Medienstelle der Firma allerdings nicht verraten, sie seien Gegenstand einer laufenden Untersuchung. Und: «Die Securitas arbeitet mit Untersuchungsbehörden und auch dem Beauftragten für die externe Untersuchung uneingeschränkt zusammen.»

Physisches Eingreifen nur bei Notwehr

Diese Untersuchung, geführt vom St.Galler alt Bundesrichter Niklaus Oberholzer, wurde vom SEM kurz vor Veröffentlichung einer gemeinsamen Recherche der «Rundschau» und der Wochenzeitung WOZ in Auftrag gegeben. Die Bundesbehörde reagierte damit auf mehrere mutmassliche Verstösse in den landesweit 14 Bundesasylzentren durch private Sicherheitsleute, darunter jener in Altstätten.

Securitas-Mitarbeitende würden für den Auftrag im Asylwesen durch Fachleute der Schweizerischen Flüchtlingshilfe in interkultureller Kommunikation geschult, heisst es in der Stellungnahme von Securitas. Und zu den Arbeitsverhältnissen vor Ort: «Die Raumverhältnisse sind meist beschränkt und die Verfassung der Asylsuchenden ist unterschiedlich. Die Menschen sind in einer Ausnahmesituation, teilweise psychisch belastet, teilweise unter Drogen- oder Alkoholeinfluss und somit aggressiv». Physisches Einschreiten komme aber erst als letztes Mittel in Frage, etwa bei Notwehr oder Notwehrhilfe.

Wer war aggressiv?

Ob es sich beim Zwischenfall vom vergangenen Dezember tatsächlich um Notwehr handelte, ist zumindest zweifelhaft. Bei sogenannt besonderen Vorkommnissen müssen die Sicherheitsleute einen Rapport verfassen. «Da sich (Name im Bericht geschwärzt) sehr aggressiv verhält und nicht kontrollieren kann, wird er für kurze Zeit am Boden fixiert», zitiert die WOZ den Bericht, in den sie Einsicht verlangte. Diese Schilderung widerspricht jener des 16-Jährigen, der die Schweiz mittlerweile verlassen hat. Er spricht von einem unmittelbaren Angriff: «Sie schlugen mich auf den Oberkörper und ins Gesicht. Einer drehte meinen Arm auf den Rücken. Ich weinte vor Schmerzen», lässt er sich zitieren.

Die Spuren der Gewalt, die ein Sozialarbeiter am nächsten Morgen dazu veranlasste, den Teenager ins Kinderspital zu bringen, sind aus dem Securitas-Rapport nicht erklärbar. WOZ und «Rundschau» konstatieren denn auch, dass die Berichte aus Selbstschutz oder Schutz von Kollegen oft beschönigt daherkommen. Insgesamt 1539 Deeskalationen zählte das SEM im vergangenen Jahr ‒ knapp ein Drittel mehr als im Vorjahr.

Vorabklärung für Strafverfahren in Gang

Die betroffenen Mitarbeiter sind zwar seit Ende April vom Dienst im Asylzentrum frei gestellt, ihnen können aber ‒ «wenn ansonsten fähige Mitarbeitende einzelnen Anforderungen eines Einsatzgebiets nicht restlos gewachsen sind» ‒ andere Tätigkeiten übertragen werden, schreibt Securitas. «Es steht jedem Kunden frei, Mitarbeiter auch ohne Angabe von Gründen auswechseln zu lassen.» Und: «Aus dem Verfahren von alt Bundesrichter Oberholzer müssen die Mitarbeitenden keine strafrechtlichen Nachteile befürchten, da dies einzig den demokratisch legitimierten Gerichten vorbehalten ist.»

Der Vorfall veranlasste das Kinderspital allerdings auch zu einer Gefährdungsmeldung bei der Polizei und löste eine Strafanzeige aus. Momentan sind Vorabklärungen für ein mögliches Strafverfahren in Gang.