Nachgefragt
«Noch mehr Vorschriften wäre der falsche Weg für die Zukunft»: Flexible Arbeitsmodelle werden immer beliebter bei Ostschweizer Unternehmen

Die St.Galler Werbeagentur Vitamin 2 führt ab nächstem Jahr acht Wochen Ferien für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein. Damit reagieren sie nicht nur auf die gestiegene Belastung im Arbeitsalltag, sondern auch auf den aktuell herrschenden Fachkräftemangel. HSG-Wirtschaftsprofessor Reto Föllmi spricht über die Vor- und Nachteile flexibler Arbeitsmodelle.

Valentina Thurnherr
Drucken

Die Werbeagentur Vitamin 2 führt auf das kommende Jahr acht Wochen Ferien bei gleichem Lohn ein. Ist das ein Arbeitsmodell das funktionieren kann?

Reto Föllmi, Wirtschaftsprofessor an der HSG.

Reto Föllmi, Wirtschaftsprofessor an der HSG.

Bild: Hannes Thalmann / zvg

Reto Föllmi: Wir steuern jetzt auf die Zeit zu, in der viele Babyboomer pensioniert werden. Viele Firmen werden bald mit einem Fachkräftemangel konfrontiert werden. Ein flexibleres Arbeitsmodell kann also durchaus hilfreich sein auf dem Arbeitsmarkt aufzufallen. Der Schlüssel zum Erfolg sind heutzutage vor allem auch die Bedürfnisse der Arbeitnehmer zu berücksichtigen. Noch in den 1950er Jahren hatten wir eine 6-Tage Arbeitswoche, mittlerweile sind es ja nur noch fünf. In Zukunft wird es sich wohl so weiterentwickeln, dass Firmen immer offener dafür sind neue Arbeitsmodelle für ihren Betrieb auszuprobieren.

Sehen Sie eine Zukunft, in der acht Wochen Ferien in der Schweiz zur Norm werden?

Im Falle der Werbeagentur Vitamin 2 scheinen die acht Wochen Ferien gut mit dem Konzept des Betriebs übereinzustimmen. Dieses Modell auf die ganze Schweiz auszuweiten, würde aber sicher nicht funktionieren. Bei den meisten wird sich wohl eher das Modell der Teilzeitstellen durchsetzen. Vor allem bei Produktionsbetrieben stehen die Geschäftsleitungen vor der Frage, wie mit weniger Arbeitskräften oder Arbeitsstunden dieselbe Arbeit geleistet werden kann. Hier müssten die Prozesse ständig verbessert werden.

Könnten mehr Ferien negative Auswirkungen auf unsere Wirtschaft haben?

Nein. Das ist zu kurz gedacht, dass Arbeitsmodelle wie acht Wochen Ferien oder die 4-Tage Woche einen negativen Einfluss auf die Schweizer Wirtschaft haben könnten. Dass versucht wird, die Bedürfnisse der Arbeitgeber wie Arbeitnehmer zu erfüllen, ist nie schlecht für die Wirtschaft. Negativ würde es sich erst dann auswirken, würden acht Wochen Ferien in unserem Arbeitsgesetz diktiert. So würde in der gesamten Schweiz weniger gearbeitet werden, womöglich zu gleichem Lohn. Das würde irgendwann zwangsläufig nicht mehr aufgehen.

Markus Bänziger hat im April gegenüber dem Tagblatt im Zusammenhang mit flexiblen Arbeitsmodellen angetönt, dass es in der Schweiz eine Flexibilisierung des Arbeitsgesetzes bräuchte. Wie sehen Sie das?

Dem stimme ich zu. Das Schweizer Arbeitsgesetzt stammt grösstenteils noch aus 1964 und ist sehr standardisiert. Noch mehr Vorschriften und Einengungen festzulegen, selbst wenn es acht Wochen Ferien sind, wäre sicher der falsche Weg für die Zukunft. Eine flexiblere Ausrichtung würde sicher dazu beitragen, dass Unternehmen eher bereit sind verschiedene Arbeitsmodelle auszuprobieren. Grosse Themen sind heutzutage auch Freelancer oder die Regelungen beim Arbeiten im Homeoffice. Das sind alles Arbeitsmodelle, die künftig immer häufiger werden.