«Mediterrane Nächte»
Ab Freitag dürfen 28 Gartenbeizen in der Stadt St.Gallen länger öffnen – welche das sind, wollen die Behörden aber nicht sagen

Obwohl die Sperrstunde erst vor wenigen Tagen weggefallen ist, startet die Stadt St.Gallen den Pilotversuch für «Mediterrane Nächte». Ist das forsche Vorgehen ein Risiko?

Sandro Büchler
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An lauen Sommernächten sollen Sanktgallerinnen und Sanktgaller auf den Beizenterrassen verweilen können. Mit einem Pilotversuch 2021 und 2022 werden verlängerte Öffnungszeiten getestet.

An lauen Sommernächten sollen Sanktgallerinnen und Sanktgaller auf den Beizenterrassen verweilen können. Mit einem Pilotversuch 2021 und 2022 werden verlängerte Öffnungszeiten getestet.

Bild: Ralph Ribi (25.07.2020)

«Auf der einen Seite gibt es sicherlich die, die zurückhaltend handeln und zur Vorsicht mahnen», sagt Stadträtin Sonja Lüthi. «Aber auf der anderen Seite sehnen sich viele danach, sich wieder treffen zu können. Und die Gastronominnen und Gastronomen freuen sich ohnehin wieder öffnen und Gäste empfangen zu können.»

Sonja Lüthi, Stadträtin, Direktion Soziales und Sicherheit.

Sonja Lüthi, Stadträtin, Direktion Soziales und Sicherheit.

Bild: Tobias Garcia (18. Mai 2021)

Die Vorsteherin der Direktion Soziales und Sicherheit spricht vom Pilotversuch «Mediterrane Nächte: Verlängerte Öffnungszeiten für bewirtschaftete Aussenflächen». Am Mittwoch gab Lüthi grünes Licht für das vor rund zwei Jahren initiierte Projekt.

Dabei dürfen 28 Gastrobetriebe, die bisher ihren Aussenbereich früher schliessen mussten, bis 1 Uhr geöffnet sein. Der Pilotversuch läuft über zwei Jahre. Er ist beschränkt auf Freitage und Samstage in der warmen Jahreszeit von Anfang Juni bis Ende August.

Sicherheitsdienst und Lärmmessungen

Der Versuch geht auf einen Vorstoss von Nachtgallen zurück. Dieser Verein setzt sich seit Jahren für ein attraktives St.Galler Nachtleben ein. Die Idee fand 2020 im Stadtparlament viel Echo. Unter anderem unterschrieben 50 von 63 Parlamentsmitgliedern eine dringliche Interpellation, die einen Versuchsbetrieb mit längeren Öffnungszeiten für Aussenrestaurationen verlangte. Nachdem das Stadtparlament im November 2020 das Immissionsschutzgesetz geändert hat und Ende Mai die Anti-Coronaregeln gelockert wurden, kann der Versuchsbetrieb morgen Freitag starten.

Am runden Tisch ausgehandelt

68 Gastrobetriebe, die bisher aufgrund baurechtlicher Vorgaben ihre Aussenbereiche früher schliessen mussten, hatten die Möglichkeit, am Pilotversuch teilzunehmen. 28 haben sich schliesslich dafür angemeldet.

Die Regeln für den Pilot wurden gemäss Mitteilung der Stadt vom Mittwoch an einem runden Tisch ausgehandelt, an dem unter anderem Nachtgallen, Gastro Stadt St.Gallen, Wirte, Hauseigentümer, Anwohner sowie die Quartiervereine Gallusplatz und St.Mangen teilnahmen. (pd/vre)

Während des zweijährigen Pilotversuches wird im Bereich der teilnehmenden Restaurants ein Sicherheitsdienst im Einsatz sein. Dieser sucht bei Problemen den Dialog, kann aber bei Bedarf auch die Stadtpolizei beiziehen. Des Weiteren werden durch die städtische Dienststelle Umwelt und Energie in ausgewählten Gassen Lärmmessungen durchgeführt. Die Resultate sollen in die Schlussbeurteilung des Pilotversuches einfliessen.

Ein Risiko nach dem erst kürzlich zu Ende gegangenen Lockdown?

Sind die «mediterranen Nächte» nicht ein epidemiologisches Risiko – wenige Wochen nach dem Ende des Lockdowns und der Öffnung der Gastrobetriebe drinnen? Stadträtin Sonja Lüthi sagt:

«Klar muss man die Coronasituation immer mitdenken.»

Als die bis zuletzt geltende Sperrstunde am Montag vom Bund aufgehoben wurde, sei für sie klar gewesen, dass der Pilotversuch mit den verlängerten Öffnungszeiten für die Terrassen – wie geplant – gestartet werden könne. Natürlich würden die Schutzkonzepte weiterhin gelten, so Lüthi.

Eine Verschiebung um einen Monat oder gar um ein Jahr sei nicht zur Diskussion gestanden. «Das wäre auf grosses Unverständnis seitens der Gastronomie gestossen», ist die Stadträtin überzeugt. Für die Beizer sei das Pilotprojekt eine Chance:

«Sie können zeigen, dass sie ihre Verantwortung punkto Lärmvermeidung wahrnehmen können.»

Denn wer in einer lauen Sommernacht in einer Gartenbeiz sitze, verhalte sich wesentlich ruhiger und geordneter als Personen, die in der Stadt umherziehen, sagt Lüthi. «Das hat gleich zwei Vorteile: Nicht nur bezüglich Lärm – da ein Wirt eingreifen kann –, es erlaubt auch einen regulierten Rahmen im Hinblick auf Corona.»

Stadtpolizei will Namen nicht publizieren

Dionys Widmer, Mediensprecher der Stadtpolizei St.Gallen.

Dionys Widmer, Mediensprecher der Stadtpolizei St.Gallen.

Bild: PD

Die Stadtpolizei ist zuständig für die Bewilligungen der Gastwirtschaften. Auf welchen 28 Terrassen die Gäste nun länger sitzen bleiben dürfen, verrät die Polizei indes nicht.

«Die Betriebe müssten von sich aus bekanntgeben, dass sie Teil des Pilotprojekts sind. Die Stadt publiziert die Namen der 28 Gastrobetriebe nicht, da das sonst als Werbung für diese ausgelegt werden könnte», sagt Dionys Widmer, Mediensprecher der Stadtpolizei St.Gallen.

Zudem gebe es diverse Betriebe mit längeren Öffnungszeiten, welche über eine baurechtliche Bewilligung verfügten und nicht Teil des Projekts seien.