Hochwasserschutz
Rhesi-Planung fast abgeschlossen: Hochwasserschutzprojekt im Rheintal wird um 400 Millionen Franken teurer

Das Jahrhundertprojekt Rhesi zum Hochwasserschutz am Alpenrhein ist nach zehnjähriger Planung bald genehmigungsreif. Die Kosten werden aufgrund zusätzlicher Massnahmen etwa zur Erdbebensicherheit neu auf 1,4 Milliarden Franken geschätzt.

Marcel Elsener
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Rhesi-Visualisierung zur Frutzmündung: So soll der Rhein bei Koblach-Oberriet künftig fliessen – aufgeweitet auf eine Breite von fast 400 Meter.

Rhesi-Visualisierung zur Frutzmündung: So soll der Rhein bei Koblach-Oberriet künftig fliessen – aufgeweitet auf eine Breite von fast 400 Meter.

Bild: PD

Das Hochwasserschutzprojekt Rhesi (Rhein–Erholung–Sicherheit), 2009 von den Bundesregierungen in Bern und Wien in Auftrag gegeben, ist das weitaus grösste und teuerste Bauprojekt der Ostschweiz und des Vorarlbergs. Nun hat das Vorhaben im untersten Alpenrheinabschnitt zwischen Illmündung und Bodensee endlich konkret Gestalt angenommen: «Wir sind zwei Schritte vor der Ziellinie und freuen uns darauf, die Arbeit des letzten Jahrzehnts bald zur Genehmigung vorzulegen», sagte Walter Sandholzer, Mitglied der Gemeinsamen Rheinkommission von Österreich und der Schweiz, am Dienstag an einem Werkstattbericht in Widnau.

«Bald» ist angesichts des Planungsmarathons relativ: Man hoffe, dass der Baustart vor Ende des laufenden Jahrzehnts sei, sagte der Rhesi-Projektleiter Markus Mähr vor den gut 200 Anwesenden aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und weiteren Interessengruppen. Die Bauzeit für die Dammsanierungen und die drei Flussaufweitungen bei Lustenau-Widnau, Kriessern-Mäder und Koblach-Oberriet dauert 20 Jahre. «Manche rechnen jetzt, wie alt sie dann sind», kommentierte Mähr das Raunen im Ü50-Publikum, darunter der 70-jährige Ständerat Paul Rechsteiner, der vor seinem Rücktritt Ende Jahr nochmals das Rheintal beehrte.

Nach Staatsvertrag folgen UVP-Verfahren

In Bern wie in Wien ist das Projekt nun dringlicher auf der Agenda, man steht mitten in den Verhandlungen für den vierten Staatsvertrag, der bis Ende 2023 abgeschlossen und im Frühjahr 2024 von den Bundesparlamenten ratifiziert werden soll. Dabei geht es unter anderem um die Massnahmen an den Rheinbrücken, um die Trinkwasserversorgungen und die Erdgas- und Hochspannungsleitungen; auch muss der Kostenteiler zwischen den beiden Ländern sowie zwischen Bund und Kanton respektive Bundesland geklärt werden.

Wenn der Staatsvertrag unter Dach und Fach ist, wird das Projekt zur Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) aufgelegt. Bis zum Bewilligungsverfahren müssen überdies Fragen zur Wasserversorgung und -entsorgung, zum Umgang mit dem Boden oder zur Freizeitnutzung der Rheinvorländer geklärt werden. Im Kanton St.Gallen braucht es für ein konzentriertes Bewilligungsverfahren auf kantonaler und kommunaler Ebene ein neues Gesetz.

Kosten verteuern sich weit über eine Milliarde Franken

Das noch 2017 auf 1 Milliarde Franken budgetierte Projekt dürfte sich um bis zu 400 Millionen Franken verteuern, wie Gesamtprojektleiter Markus Mähr erklärte – die künftige Inflation nicht einberechnet. Der Grund sind weitere bauliche Massnahmen zur Erdbebensicherheit der Dämme und zur Strömungslenkung, wie die Detailuntersuchungen zeigten, sowie die Teuerung der letzten vier Jahre. Der Kostenanteil des Kantons St.Gallen wird damit um einiges höher ausfallen als die rund 100 Millionen Franken, die 2018 bei der Vorlage des generellen Projekts geschätzt wurden.

Betroffen von Rhesi ist besonders die Trinkwasserversorgung im St.Galler Rheintal: Die vier Wasserwerke müssen ihre Brunnen im Rheinvorland neu anordnen und zusätzliche Verbindungsleitungen bauen. Eine «Herkulesaufgabe», die allein über 70 Millionen Franken kostet, wie die Widnauer Gemeindepräsidentin und Präsidentin des Wasserwerks Mittelrheintal Christa Köppel sagte. Die Lösung für die teils heftig umstrittenen, aus Sicht der Wasserversorgungen «existenziellen und alternativlosen» Grundwasserfassungen, bezeichnete Köppel als Gewinn auch in ökologischer Hinsicht. So wird das Brunnenfeld Viscose zu Gunsten der Flussaufweitung hangwärts linear an den künftigen Damm verlegt; der getestete Prototyp eines Horizontalfilterbrunnes funktioniere «sogar in Auenwäldern».

In der Landwirtschaft kommt es zu Härtefällen

In der Fragerunde wiesen regionale Politiker auf weiterhin strittige Punkte im komplexen Projekt hin. So bleibt der Gewässerraum, der in Österreich erst mit der Projektvollendung, in der Schweiz jedoch bei der Genehmigung ausgeschieden wird, ein «grosses Politikum», wie der Schweizer Projektleiter Markus Schatzmann sagte. «Die Landwirtschaft ist einer der Verlierer dieses Projekts», antwortete er auf die Frage nach Ersatz für verlorene Weideflächen im Rheinvorland. Der Kanton unterstütze Pachtbetriebe bei der Suche nach Alternativen, aber es werde «Härtefälle geben». Hingegen könne man mit ausgehobenem Erdmaterial viele Böden im Hinterland verbessern. Nur mässig zufrieden mit dem ausgereiften Projekt dürften auch die Naturschutzverbände sein.

Noch bis Ende 2022 laufen die Modellversuche in Dornbirn: Das «Hi-tech-Sändele» am Rheinmodell hat trotz coronabedingter Schliessungen über 15’000 Besucherinnen und Besucher angelockt. Zum Abschluss der Versuche kann das Publikum an vier Abenden im Dezember nochmals Hochwassersimulationen erleben. Mit Rhesi wird die Abflusskapazität des Rheins von heute 3100 auf 4300 Kubikmeter pro Sekunde erhöht. Für den äusserst seltenen Fall eines Extremhochwassers mit bis zu 6000 Kubikmeter pro Sekunde wurden Entlastungsszenarien geprüft – sprich es wurden Abschnitte festgelegt, wo ausgeleitetes Wasser am wenigsten Schäden anrichten würde.

Weitere Informationen unter www.rhesi.org.