Fahrplanwechsel
Die SOB fährt bis nach Bern: Neue Fernverkehrslinie und mehr Komfort

Die wichtigste Verbindung des neuen Fahrplans wurde in der Ostschweiz initiiert: Die SOB setzt in den neuen regelmässigen Direktverbindungen Bern-Zürich-Chur auf Komfort.

Peter Hummel
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Die beliebten kupferfarbenen Traverso-Kompositionen fahren neu auch auf der Strecke Bern-Zürich-Chur.

Die beliebten kupferfarbenen Traverso-Kompositionen fahren neu auch auf der Strecke Bern-Zürich-Chur.

Bild: Thomas Kessler Visuals / Thomask

Die wichtigste neue Inlandverbindung im am Sonntag in Kraft tretenden neuen Fahrplan wurde in der Ostschweiz initiiert: Die SOB wertet mit ihrem «Aare Linth»-Zug die Interregiolinie 35 Bern-Zürich-Chur markant auf: Erstens bietet sie erstmals seit Jahrzehnten wieder regelmässige direkte Verbindungen auf dieser Relation (sogar im Stundentakt), und zweitens setzt sie die beliebten kupferfarbenen Traverso-Kompositionen ein, die mehr Komfort und Service bieten als die auf dieser Strecke bisher eingesetzten Doppelstockzüge, die teilweise nur S-Bahn-Standard haben. Neben bequemeren Sitzen gehört dazu eine Bistro-Ecke mit Imbiss- und Getränkeautomaten.

Ein Wermuts­tropfen für die SOB ist allerdings, dass während des Bahnhofumbaus Bern bis 2027 wegen zu kurzer Perronlängen kein Einsatz von Dreifach-Garnituren möglich ist. Deshalb werden von Montag bis Freitag zwei Umläufe zu Hauptverkehrszeiten von den SBB mit RV Dosto (Kiss-Doppelstöcker) abgedeckt. Von Anfang an geplant war bei diesem dritten SOB-Interregio (nach Voralpen-Express und Treno Gottardo) eine Koproduktion beim Lokführer-Einsatz: Die SOB führt die Züge von Zürich nach Chur, die SBB nach Bern. Auf all ihren Zügen setzt die SOB aber durchgehende eigene Kunden­begleiter ein (und die SBB die ihrigen).

Thomas Küchler, Vorsitzender der SOB-Geschäftsleitung, bedauert zwar mit Blick auf die Produktprofilierung diesen ungeplanten Mischbetrieb. Dennoch unterstreicht er die Bedeutung dieses dritten Zugs für das Konzept der optimierten Betriebsgrösse: «Erst mit diesem ‹Netzschluss› kann die vorhandene Kapazität ausgelastet und die Wirtschaftlichkeit verbessert werden.»

Durch ausgeklügelte Umlaufpläne kann der Aare Linth wie auch der Treno Gottardo via die Knotenpunkte Arth-Goldau, Luzern oder Pfäffikon mit dem Voralpen-Express rotieren und damit auf die Stammlinie eingefädelt werden für den etwa vierzehntäglichen Unterhalt im Servicezentrum Herisau. Und weiters betont Küchler:

«Mit dieser Erweiterung bedienen wir bis auf Biel und Winterthur alle grösseren Städte der Deutschschweiz; die SOB avanciert von einer regionalen zu einer nationalen Transportunternehmung im ÖV – ein Quantensprung.»

Mit diesem dritten Fernverkehrszug Aare Linth erreicht die SOB jedenfalls die Vorgabe, welche die beiden Verkehrsexperten Professor Ulrich Weidmann und Professor Matthias Finger vor just 10 Jahren für eine eigenständige SOB-Zukunft als unabdingbar erachten: eine Verdoppelung der erbrachten Verkehrsleistung.

Vom Gegenspieler zum Partner

2014 bewirbt sich die SOB mit einem ersten Konzept Treno Gottardo um die Konzession für die Gotthard-Bergstrecke, das aber aufgrund der damaligen BAV-Parameter (reiner Regionalverkehr) chancenlos war. Animiert durch die Politik und eine veränderte Ausgangslage (Ausschreibung neu als Fernverkehr) unternimmt die SOB 2016 einen zweiten Anlauf. Klar ist, dass nur mit einem eigenwirtschaftlichen Konzept eine Chance besteht: Zu den beiden Gotthard-Ästen ab Basel und Zürich braucht es deshalb eine weitere, profitable Strecke zur Quersubventionierung; nachdem sich Zürich–St.Gallen–Chur bald einmal als zu ambitiös erweist, kommt Bern-Chur als ideale Relation ins Spiel.

Dieses Konzept ist nun so seriös, dass die SBB in Bedrängnis kommen. 2017 lädt das BAV zu Konzessions­gesprächen ein zwischen SBB und SOB sowie BLS, die auch wieder in den Fernverkehr einsteigen will. Die Botschaft des BAV ist klar: Gesucht ist eine Mehrbahnenlösung – beide Regionalbahnen sollten eine Rolle als möglicher Challenger der SBB spielen können. SBB und BLS können sich in der Frage der Konzession aber nicht einigen; SBB und SOB verhandeln bilateral über eine Kooperation weiter, denn die SBB erkennen endlich die Perspektiven einer attraktiv betriebenen Gotthard-Bergstrecke. Doch auch als im Grundsatz Einigkeit zu einer Zusammenarbeit erzielt worden war, seien noch Knackpunkte zu lösen gewesen, wie Thomas Küchler erst unlängst an einem Anlass der Schweizer Bahnjournalisten verriet: So wollten die SBB etwa ein Vorkaufsrecht für SOB-Aktien in den Vertrag reinschreiben.

Erfreulicher Start des Treno Gottardo

Im ersten Betriebsjahr des Treno Gottardo lagen die Frequenzen 30 Prozent über den – Covid-bedingt noch moderaten – Erwartungen. So seien im bisherigen Jahresdurchschnitt täglich 3200 Passagiere auf der Nord­rampe und 1150 in der Leventina gezählt worden. Im Sommer sei es an schönen Wochenenden gelegentlich gar zu Kapazitätsengpässen gekommen, sowohl beim Personen- wie beim Velotransport; Optimierungen würden derzeit sondiert, doch sei insbesondere eine Verstärkung mit einer zusätzlichen Einheit wie beim Voralpen-Express wegen zu kurzer Perronlängen auf der Bergstrecke nicht möglich.

Dank Marktfreiheit touristisches Potenzial nutzen

Begleitend zu den neuen Zügen hat die SOB auch eine digitale Plattform für die touristische Vermarktung aufgegleist. Die SOB wird damit zum willkommenen Steigbügelhalter für bisher vernachlässigte Regionen wie Schwyz, Uri und die Leventina, die auf diesem digitalen Marktplatz auch bereits über 100 Angebote feilgeboten haben. Und genauso wie es die Marktfreiheit der SOB etwa erlaubte, kreative Angebote mit Destinationen wie Andermatt Swiss Alps zu kreieren, wird für diesen Winter in Zusammenarbeit mit der RhB ein Skipass-Kombi für Davos-Klosters geschnürt. Thomas Küchler sieht auch für den Aare Linth erhebliches touristisches Potenzial, etwa in der Promotion des schmucken Oberaargaus oder der Region Glarnerland/Walensee/Flumserberge.

Auch SOB wird wohl Doppelstöcker bestellen

Interessant, dass gerade jüngst auch die SBB bekundet haben, mit Freizeitverbindungen vermehrt auf die touristische Karte zu setzen; dies scheint offenbar ein Segment, in dem man die Leute noch auf die Bahn holen kann. Die SOB ist allerdings im Vorteil, dass sie im Gegensatz zur bisherigen IR-Flotte der SBB mit dem Traverso über ansprechenderes Rollmaterial verfügt, auch wenn es sich nur um eine edlere Flirt-Version handelt. Küchler wäre aber nicht Küchler, wenn er nicht schon weitere Pläne hätte: «Aus Kapazitätsgründen werden wir in den nächsten Jahren wohl erstmals Doppelstock-Triebzüge bestellen.» Nachdem die SOB auf dem nationalen Netz bereits eine gute Performance gezeigt habe, rechnet er sich nämlich gute Chancen aus, bei der nächsten Konzessionsvergabe 2024/25 vom BAV zusätzliche Linien im Raum Ost-/Zentralschweiz zugesprochen zu erhalten, um auf den grossen Fahrplanwechsel 2028/29 Effizienz und Synergien weiter steigern zu können.

Lokführer-Mangel und Karriere-Highlight

Neben der gemeinsamen Lokführerstellung beim Aare Linth wird bereits beim Treno Gottardo eine kleinere Kooperation praktiziert: Zum einen kommen auf der Südseite SBB-Führer vom Depot Bellinzona zum Einsatz. Und um das einstige grosse SBB-Depot Erstfeld zu erhalten, wird dieses nun gemeinsam mit den SBB betrieben; beim Personal stiess das auf gute Akzeptanz, nur der Lokführerpersonalverband zeigte sich zu Beginn etwas irritiert. Für den Treno Gottardo und den Aare Linth konnte die SOB knapp 100 zusätzliche Lokführer rekrutieren – ein Kunststück angesichts des akuten Lokführermangels.

Thomas Küchler erläutert: «Das gelang uns nur, weil sich unsere Depots vornehmlich ‹auf dem Land› befinden und nicht in den Agglomerationen und wir damit nicht in den eh schon ausgetrockneten Arbeitskräftemärkten suchen mussten.» Total sind derzeit 650 Lokführer auf Traverso ausgebildet, 240 bei der SOB, 380 bei den SBB plus 30 Rangier-Lokführer SOB/SBB. Weil auch auf den beiden neuen Traverso-Zügen Zugbegleiter eingesetzt sind, hat sich deren Zahl von rund 40 auf 160 vervierfacht. Der gesamte SOB-Bestand stieg seit Anfang 2020 von 610 auf aktuell 850 Mitarbeitende. Thomas Küchler windet seinem Personal ein besonderes Kränzchen: «Die Herausforderungen durch unsere Expansion und gleichzeitig die Covid-Restriktionen waren ausserordentlich – haben aber gerade deswegen einen unwahrscheinlichen Teamgeist gefördert. Für mich persönlich wurde dieses Coronajahr 2020/21 deshalb zum ‹Highlight› meiner Karriere.»