Regionales Leistungszentrum Ostschweiz
Wegen sexueller Handlungen mit einem Kind: Ex-Cheftrainer des RLZO in Wil wird angeklagt – Opferfamilie schweigt, um Prozess nicht zu gefährden

Endlich liegt die Anklage gegen den entlassenen Cheftrainer der Kunstturnerinnen des Regionalen Leistungszentrums Ostschweiz in Wil vor: Die St.Galler Staatsanwaltschaft beantragt gegen den 42-jährigen Ungaren, der 2018 eine damals 15-Jährige sexuell missbraucht haben soll, eine Freiheitsstrafe von 30 Monaten.

Marcel Elsener
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Das Regionale Leistungszentrum Ostschweiz.

Das Regionale Leistungszentrum Ostschweiz.

Bild: Nik Roth

Der erschütternde Fall schlug im Sommer 2019 national hohe Wellen: Der ungarische Cheftrainer der Ostschweizer Nachwuchskunstturnerinnen wurde am 13. August verhaftet und in Untersuchungshaft genommen. Er soll im Frühling 2018 eine 15-jährige Turnerin bei sich zu Hause betrunken gemacht und mehrfach sexuell missbraucht haben. Die Jugendliche hatte mit der Strafanzeige eineinhalb Jahre lang gewartet, weil sie «andere Turnerinnen und seine Frau vor dem Skandal schützen wollte», wie sie unserer Zeitung sagte.

Die St.Galler Staatsanwaltschaft eröffnete eine Strafuntersuchung, die sie im April 2020 abschloss, und erhob Anklage gegen den Ex-Cheftrainer. Dass es bis zur definitiven Anklageschrift noch einmal 15 Monate dauerte, liegt daran, dass die Gegenpartei weitere Beweise geltend machte. Der Beschuldigte, der am 14. Oktober 2019 gegen Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, bestreitet nach wie vor sämtliche Vorwürfe; für ihn gilt die Unschuldsvermutung.

Freiheitsstrafe und zehn Jahre Landesverweis

Nun wird das Kreisgericht Wil den Fall beurteilen: Die Staatsanwaltschaft legt dem Ex-Cheftrainer mehrfache sexuelle Handlungen mit einem Kind, mehrfache sexuelle Nötigung sowie versuchte Nötigung zur Last, wie sie am Montag in einer Medienmitteilung schreibt. Es gehe um Vorfälle an einem Tag Ende Mai oder Anfang Juni 2018 in der Wohnung des Beschuldigten. Die Staatsanwaltschaft beantragt gegen den Beschuldigten eine Freiheitsstrafe von 30 Monaten. Dies bei teilbedingtem Strafvollzug, wobei 10 Monate Freiheitsstrafe zu vollziehen und 20 Monate unter Ansetzung einer Probezeit von zwei Jahren bedingt aufzuschieben seien. Ferner beantragt sie gegen den Ungarn eine zehnjährige Landesverweisung sowie ein lebenslanges Verbot betreffend Tätigkeiten, die einen regelmässigen Kontakt zu Minderjährigen umfassen.

Beatrice Giger, Mediensprecherin der Staatsanwaltschaft des Kantons St.Gallen.

Beatrice Giger, Mediensprecherin der Staatsanwaltschaft des Kantons St.Gallen.

(Bild: PD)

Man habe es beim vorliegenden Fall mit einem sogenannten Vieraugendelikt zu tun, welches nebst den Einvernahmen des Beschuldigten mehrere Opfer- und zahlreiche Zeugenbefragungen bedingte, sagt Beatrice Giger, Mediensprecherin der Staatsanwaltschaft, auf Anfrage. Die lange Verfahrensdauer bis zum Abschluss der Strafuntersuchung sei zudem den zusätzlichen Beweisanträgen geschuldet. Die ausgeweiteten Einvernahmen hätten aber keine weiteren Vorfälle zu Tage gebracht: «Es handelt sich um ein Opfer.» Der Zeitpunkt der Verhandlung steht noch nicht fest. Zum Aufenthaltsort des Mannes äussert sich die Staatsanwaltschaftssprecherin nicht. Man gehe aber davon aus, dass er aufgrund der Kaution an der Verhandlung teilnehme.

Die Familie des mutmasslichen Opfers nimmt auf Anfrage dieser Zeitung aus prozesstechnischen Gründen keine Stellung zu den Entwicklungen. Die Jugendliche hatte ihren Sport in Folge der Vorfälle zermürbt aufgegeben.

Turnverband und Leistungszentrum: «Nulltoleranz bei Übergriffen»

Eine erste offizielle Reaktion auf die Anklageerhebung seitens der Staatsanwaltschaft kommt vom Schweizerischen Turnverband. Der Verband unterstütze «die lückenlose Aufklärung der Vorfälle durch die entsprechenden Behörden des Kantons St.Gallen», heisst es, weil er beim Thema «sexuelle Übergriffe» eine «klare Nulltoleranzpolitik» verfolge. «Jegliche Form von Missbrauch und Ausbeutung wird nicht toleriert und hat im Turnsport keinen Platz.»

Alex Brochier, Vorstandspräsident des Trägervereins RLZO Wil.

Alex Brochier, Vorstandspräsident des Trägervereins RLZO Wil.

Bild: Benjamin Manser

Von Nulltoleranz und erwünschter und unterstützter lückenloser Aufklärung spricht auch Alex Brochier, Vorstandspräsident des Trägervereins RLZO Wil. «Wir sind echt froh, dass die lange Phase der Ungewissheit, die gut für niemanden war, vorbei ist und ein Urteil gefällt wird.» Die Vorfälle seien «traurig für den ganzen Turnsport» und hätten das Vertrauen erschüttert, sagt Brochier.

«Das Vertrauen muss neu aufgebaut werden, hauptsächlich bei den Eltern zukünftiger Jahrgänge.»

Neue Ansprechstelle für Turnerinnen und Turner

Das Leistungszentrum, das Kunstturnerinnen auf eine nationale Karriere vorbereitet und unter Aufsicht des Schweizer und des St.Galler Turnverbandes als Verein organisiert ist, hat 2019 den gesamten Vorstand ausgewechselt und etliche Massnahmen ergriffen. Um den minderjährigen Kunstturnerinnen und Kunstturnern für Ihre Sorgen und Nöte jederzeit eine Ansprechstelle zu bieten, wurde ein dreiköpfiges Vertrauensteam eingesetzt. Das Team habe verschiedene Einzel- und Gruppengespräche geführt, um Athletinnen und Athleten beizubringen, was sie tun sollen, «wenn sich etwas falsch anfühlt», erklärt Brochier.

Zudem hätten Vorstand, Trainingspersonal und Schützlinge gemeinsam einen «Verhaltensworkshop» besucht, um «typische Situationen zu besprechen und keine unangenehmen Gefühle aufkommen zu lassen». Dabei wurden unter anderem die Fragen der richtigen Kleidung, des Verhaltens im Umkleideraum und im Trainingslager sowie des privaten Umgangs erörtert. Drittens hat das Leistungszentrum Sprecherinnen und Sprecher auf Seiten der Nachwuchskräfte durch die Sportler wählen lassen – auch dies als «zukunftsgerichteter Schritt» im Sinn eines Frühwarnsystems.

Arbeitsverhältnis der Ehefrau beendet

Müssig zu sagen, dass der Fall des ungarischen Ex-Trainers das Zentrum und die ganze Turnsportszene noch immer aufwühlt. Mehrfach heikel war dabei auch die Rolle der Ehefrau des Beschuldigten, die als Assistenztrainerin und «geschätzte Mitarbeiterin» interimsweise den Posten ihres Gatten übernommen hatte. Die Frau sei jedoch seit Sommer 2020 nicht mehr in der Halle gewesen und ihr Anstellungsverhältnis per April dieses Jahres beendet worden, sagt Vorstandspräsident Alex Brochier. Weitere Aussagen seien personalrechtlich nicht möglich, doch habe mittlerweile eine neue Assistenztrainerin ihre Arbeit aufgenommen.

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