PROZESS: Gegen Staat und Recht

Acht Sheriffs eines fiktiven Gerichtshofes sind in Österreich angeklagt. Die Vorwürfe: Nötigung, Amtsmissbrauch und beharrliche Verfolgung. Die Organisation hat ihren Hauptsitz im Modelhof in Müllheim.

Sabrina Bächi
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Daniel Model in seinem Palast, dem Modelhof in Müllheim. Das Gebäude ist gleichzeitig Hauptsitz eines fiktiven Gerichtshofes. (Bild: Reto Martin (16. Mai 2014))

Daniel Model in seinem Palast, dem Modelhof in Müllheim. Das Gebäude ist gleichzeitig Hauptsitz eines fiktiven Gerichtshofes. (Bild: Reto Martin (16. Mai 2014))

Sabrina Bächi

sabrina.baechi

@thurgauerzeitung.ch

Sie benutzen gefälschte Ausweise und schreiben ihre eigenen Gesetze. Sie nennen sich Sheriffs und gehören zum fiktiven Gerichtshof International Common Law Court of Justice Vienna (ICCJV). Der fiktive Gerichtshof und seine Mitglieder sind international vernetzt, ihren Hauptsitz haben sie jedoch seit knapp einem Jahr in der Schweiz – in Müllheim. Im Modelhof, dem Palast Daniel Models, der gleichzeitig das Zentrum von dessen Staat Avalon ist. Der Thurgauer Industrielle ist Mitgründer der Schweizer Sektion des fiktiven Gerichtshofes.

«Die Organisation hat lediglich Gastrecht im Modelhof», schreibt Daniel Model auf Anfrage. Sobald sie gegen die Hausregeln oder seine Souveränitätserklärung verstossen würde, verliere sie umgehend ihr Gastrecht. In Österreich sind Mitglieder des fiktiven Gerichtshofes mit dem Gesetz in Konflikt geraten. In Krems stehen demnächst acht Sheriffs vor Landesgericht. Sie sind wegen schwerer Nötigung, beharrlicher Verfolgung und Amtsmissbrauch angeklagt. Der Prozess beginnt am 15. März.

Von Sheriffs wochenlang bedroht und verfolgt

Auslöser des Verfahrens war ein Vorfall im niederösterreichischen Hollenbach im Juli 2014: Eine Masseurin bekam eine Rechtsanwältin als Vormund zur Seite gestellt, um ihre monetären Angelegenheiten zu regeln. Wie die «Wiener Zeitung» schreibt, fühlte sich die Frau von der Rechtsanwältin in ihrem «natürlichen Recht» betrogen und bat ihre Freunde aus der «Staatsverweigerer-Szene» um Hilfe. Diese beriefen eine fiktive Gerichtsverhandlung ein und belagerten und verfolgten daraufhin die Rechtsanwältin wochenlang. Mit gefälschten Ausweisen tauchten die Sheriffs sogar bei dem örtlichen Polizeiposten auf, um die Beamten zur Mithilfe zu bewegen und die Rechtsanwältin zwangsweise bei der «Verhandlung» des fiktiven Gerichtshofes vorzuführen. Wie das Landgericht Krems in einer Medienmitteilung schreibt, wurde die Frau von den Sheriffs wegen «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» beim fiktiven Gericht angeklagt. Eine solche Anklage erhob der fiktive Gerichtshof auch gegen Dietmar Mühlböck. Der österreichische Blogger und Rechts­extremismus-Experte schreibt seit Jahren ausführlich über die Sheriffs und ihren Gerichtshof. Mühlböck seinerseits zeigte daraufhin Daniel Model wegen Nötigung bei der Staatsanwaltschaft Thurgau an. Die Begründung: Model sei selbst Gründungsmitglied der Schweizer Sektion des Gerichtshofes und stelle diesem seinen Palast in Müllheim als Hauptsitz zur Verfügung. Die Untersuchungen zur Anklage gegen Model laufen noch, wie Stefan Haffter, Mediensprecher der Thurgauer Staatsanwaltschaft, bestätigt. Mühlböck vermutet, dass Model den fiktiven Gerichtshof mitfinanziert. Model selber teilt mit: «Ich leiste keine finanziellen Beiträge zugunsten des Gerichtshofes.»

Insgesamt sind fünf Vereine in Müllheim gemeldet, die mit dem fiktiven Gerichtshof in Zusammenhang stehen, so die Sheriff-Organisation oder der «Geheimdienst». Wie die «Wiener Zeitung» schreibt, mischen in diesen Organisationen auch Rechtsextreme mit. Darunter befinde sich auch ein Mann aus Schaffhausen. Er poste und teile Beiträge mit rechtsextremem Inhalt in sozialen Netzwerken. Der Mann ist als Geschäftsleiter bei der Sheriff-Organisation im Handelsregister eingetragen.