Interview
«Wir können eine Tradition nicht in fünf Jahren aufbauen»: Wie sich die Ticino Rockets gegen den Ausschluss aus der Swiss League wehren

Die Ticino Rockets sind in der neuen Swiss League wie auch die EVZ Academy nicht mehr erwünscht. Doch im Tessin regt sich nun grosser Widerstand. Zumal das Farmteam aus Biasca vor gut vier Jahren sportlich in die zweithöchste Schweizer Eishockeyliga aufgestiegen war, der auch der HC Thurgau angehört. Wenn nötig, werde man sich mit rechtlichen Schritten wehren, sagt Rockets-Sportchef Sébastien Reuille.

Matthias Hafen aus Biasca
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Sébastien Reuille verantwortet seit 2018 die sportliche Entwicklung der Ticino Rockets. Vergangene Saison war er auch Assistenzcoach.

Sébastien Reuille verantwortet seit 2018 die sportliche Entwicklung der Ticino Rockets. Vergangene Saison war er auch Assistenzcoach.

Bild: Michela Locatelli/Freshfocus

Die sogenannten Traditionsklubs der zweithöchsten Schweizer Liga – darunter auch der HC Thurgau – haben sich hinsichtlich der Verselbstständigung ab der Saison 2022/23 grundsätzlich gegen die Teilnahme der Farmteams ausgesprochen. Im Tessin regt sich heftiger Widerstand, wie ein Gespräch mit Rockets-Sportchef Sébastien Reuille (39) zeigt.

Sébastien Reuille, fühlen Sie sich mit den Ticino Rockets noch willkommen in der Swiss League?

Sébastien Reuille: Es freut uns, Teil dieser Liga zu sein. Und wir würden es auch gerne in Zukunft bleiben.

Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Rockets 2022 Geschichte sein werden?

Ein definitiver Entscheid ist noch nicht gefallen. Wir warten noch immer auf eine Antwort, was die anderen Klubs für Bedingungen stellen, damit wir auch in der neuen Swiss League mit dabei sind. Wir werden sicher bis zum Schluss um unseren Platz kämpfen – wenn nötig auch mit rechtlichen Schritten. Wir möchten das aber lieber auf partnerschaftliche Art lösen.

Was stört Sie an der Haltung der sogenannten Traditionsklubs?

Ich sehe nicht, wie andere Leute einfach so über unsere Zukunft entscheiden können, zumal wir uns 2016 auf sportlichem Weg für die Swiss League qualifiziert haben und nicht am grünen Tisch aufgestiegen sind. Natürlich haben wir dann vom Reglement profitiert, dass wir drei Jahre lang nicht absteigen konnten. Trotzdem gibt es keinen Grund, uns in der neuen Swiss League auszuschliessen. Wir haben unseren Standpunkt dem Liga-CEO Jean Brogle auch so mitgeteilt.

Die Ticino Rockets gehören den NLA-Klubs Ambri, Lugano und Davos. Lausanne ist finanziell am Projekt beteiligt. Inwiefern spielt das eine Rolle?

Es gibt dem Ganzen eine komplizierte politische Dimension. Die National-League-Klubs haben sich zuerst abgespaltet. Und das, ohne die Swiss League miteinzubeziehen. Vielleicht ist es eine Retourkutsche an die National-League-Klubs, dass wir jetzt aus der Swiss League ausgeschlossen werden sollen. Dabei haben die Rockets heute eine eigene Identität. Das kann ich sagen, der seit 2018 für das Team arbeitet.

Die Ticino Rockets lockten in Biasca vor der Coronapandemie durchschnittlich 180 Zuschauer an. Es fehlt offensichtlich das Publikum. Können Sie verstehen, dass Ihr Farmteam unbeliebt ist?

Aus rein wirtschaftlicher Optik schon. Aber wir sollten das Sportliche nicht als Nebensächlichkeit betrachten. Wir haben viel in den Sport investiert in den vergangenen fünf Jahren. Nicht nur unsere vier Partnerklubs aus der National League haben heute ehemalige Rockets-Spieler im Kader, auch unsere Ligakonkurrenten wie Olten, Ajoie oder Thurgau (Jason Fritsche und Misha Moor, Red.). Unsere Plattform für junge Schweizer Spieler ist wichtig für das Eishockey im ganzen Land. Von unserem Projekt profitieren alle. Trotzdem scheint es, als würde man uns erst vermissen, wenn wir weg sind.

Die sportliche Bilanz der Rockets in der Swiss League ist bescheiden. Aktuell ist Ihre Mannschaft Zweitletzte, das war schon 2016/17 so. Dazwischen war sie dreimal gar das Schlusslicht der Liga. Wird da jemals mehr kommen?

Wir entwickeln uns zum Positiven. Wir können heute mit jedem Gegner mithalten, verlieren unsere Spiele oft nur knapp. Dabei gilt es zu bedenken, dass wir schon die ganze Saison ohne Ausländer spielen. Dies, weil die für uns vorgesehenen Ausländer (Luganos Jani Lajunen und Ambris Jiri Novotny, Red.) in dieser aussergewöhnlichen Saison in der National League gebraucht wurden. Für kommende Saison wollen wir aber fix auf zwei Ausländer setzen, um unsere Konkurrenzfähigkeit zu erhöhen.

Für die langjährigen Klubs aus der Swiss League haben die Ticino Rockets zu wenig Tradition, um auch in Zukunft dazuzugehören. Mit diesem «Messwert» wird das ZSC-Farmteam GCK Lions (seit 2000 dabei) in der Liga gehalten und auch mit der Aufnahme des EHC Basel und des EHC Arosa kokettiert. Geht das auf für Sie?

Nein, überhaupt nicht. Wir können eine Tradition nicht in fünf Jahren aufbauen. Aber wir stehen für finanzielle Stabilität und Kontinuität und können das irgendwann ebenso erreichen wie die GCK Lions. Basel ist ja auch nicht sonderlich als Eishockeystadt bekannt. Und Arosa hat zwar eine Tradition, aber das ist Geschichte oder sogar prähistorisch, wie unser Präsident Davide Mottis einmal sagte.

Was ist Ihre abschliessende Message an die Kritiker der Ticino Rockets?

Es wäre nicht korrekt, einen so gesunden Klub wie die Ticino Rockets aus der Liga zu schmeissen. Die Swiss League sollte sich gut überlegen, was sie in Zukunft will. Die Chance, dass die Rockets in den nächsten Jahren Konkurs anmelden müssen, ist sehr gering. Und auch wenn wir primär einen Ausbildungsauftrag haben, entwickeln wir uns sportlich immer weiter. Das Interesse an den Rockets ist im Tessin deutlich gestiegen. Und nicht zuletzt frage ich mich, ob eine Zehnerliga ohne Farmteams und ohne neue Klubs attraktiver ist, wenn man dann immer den gleichen neun Kontrahenten gegenübersteht.

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