Tipps für den Heimweg
«Es tut uns leid»: Kantonspolizei St.Gallen entschuldigt sich nach Shitstorm wegen Frauenratgeber

Um sich vor Übergriffen zu schützen, sollen Frauen nicht zu tief ins Glas schauen und nachts auf dem Heimweg nicht «huschen»: Ein Ratgeber der St.Galler Kantonspolizei stiess am Wochenende in den sozialen Medien auf massive Kritik. Inzwischen hat ihn die Polizei gelöscht und sich entschuldigt.

Raphael Rohner
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Ein Ratgeber über das Verhalten von Frauen sorgt für Ärger im Netz.

Ein Ratgeber über das Verhalten von Frauen sorgt für Ärger im Netz.

Bild: Raphael Rohner

«Es liegt auf der Hand, dass Sie ein leichteres Opfer sind, wenn Sie nicht bei klarem Verstand sind. Trinken Sie deshalb Alkohol nur in Massen, so, dass Sie noch klar denken können»: Das riet die St.Galler Kantonspolizei Frauen in einem Ratgeber darüber, wie sie sich in der Öffentlichkeit verhalten sollen, um Belästigungen und Übergriffen vorzubeugen. Der Online-Ratgeber wurde schon vor zwei Jahren aufgeschaltet und stösst nun im Netz auf massive Kritik. Nebst dem Tipp, dass Frauen nicht zu viel trinken sollen, wird auch geraten, sie sollten nicht alleine heimlaufen. «Frauen, die Selbstbewusstsein ausstrahlen, werden weniger belästigt als verschreckte Frauen, die unsicher nach Hause huschen», heisst es im Ratgeber weiter.

Opfer von Übergriffen als Täterinnen verstanden

Auf Twitter kritisierten Userinnen und User diese Tipps scharf. Hier würden Opfer von Übergriffen und Belästigungen belehrt, als hätten sie etwas Falsches gemacht. Carla Reinhard, Politikerin der grünliberalen Partei, postete den Ratgeber auf Twitter:

«Frauen müssen nicht weniger trinken, Männer müssen weniger Frauen belästigen – wo bleibt der Männerratgeber?»

Männer sind das Problem

Der Ratgeber wurde daraufhin auf allen möglichen Plattformen verbreitet und geteilt. Der Tenor der Kommentierenden ist eindeutig: Die Tipps verlangen, dass Frauen ihr Verhalten anpassen und nicht, dass die Gesellschaft sensibilisiert wird. Andrea Goodbrand fasst die Situation in einem Tweet zusammen:

«Der Grund, weshalb Übergriffe von Männern auf Frauen geschehen, ist, weil Männer sich gegenüber Frauen übergriffig verhalten. Mit Frauen hat das rein gar nichts zu tun»

Die St.Galler Kantonspolizei hat den Shitstorm zur Kenntnis genommen und den Ratgeber aus dem Jahr 2019 jetzt gelöscht. Auf Twitter antworten die Gesetzeshüter mit einer Entschuldigung: «Wir haben den Ratgeber vom Netz genommen. Es tut uns leid, dass wir beim Verfassen dieser Tipps nur Frauen in der Opferrolle angesprochen haben. Der Ratgeber ist schon mehrere Jahre alt. Es wurde übersehen, dass dieser hätte angepasst werden sollte. Die Kapo SG stellt sich klar gegen Victim-Blaming oder das Schüren von Mythen.»

Klare Ansagen und die Öffentlichkeit sensibilisieren

Nebst dem Shitstorm über die Verhaltenstipps der Polizei wurde der Ratgeber jedoch auch von einigen Userinnen als für im Ansatz gut befunden. Es wird unter anderem dazu geraten, klare Ansagen in der Öffentlichkeit zu machen: «Kommt Ihnen jemand zu nahe, sagen Sie laut und deutlich, dass Sie das nicht möchten und sich die Person entfernen soll. In vielen Fällen erzeugt dies eine grosse Wirkung, da das Gegenüber nicht mit einer solch direkten Ansage rechnet. Sollte dies nichts nützen, zögern Sie nicht, auf andere Menschen zuzugehen und jemanden konkret um Hilfe zu bitten.»

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