Thurgau: Die Karriereleiter führt nicht zur Lohngleichheit

Arbeitstätige Frauen verdienen in der Thurgauer Privatwirtschaft deutlich weniger als Männer. Die Ungleichheit verschärft sich, je höher Frauen die Karriereleiter hochsteigen. SP-Kantonsrätin Nina Schläfli fordert Massnahmen, um diese Ungerechtigkeit auszumerzen.

Sebastian Keller
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Frauen mit Hochschulabschluss verdienen deutlich weniger als studierte Männer. (Bild: Fotolia)

Frauen mit Hochschulabschluss verdienen deutlich weniger als studierte Männer. (Bild: Fotolia)

Frauen im Thurgau verdienen im Mittel rund 17 Prozent weniger als Männer. Das geht aus den Ergebnissen der Lohnstrukturerhebung 2016 für die Privatwirtschaft hervor. Diese hat die kantonale Dienststelle für Statistik unlängst aufbereitet. Die Statistik führt zwar nicht den Lohn von Frau Meile in Kreuzlingen oder von Herrn Müller in Eschlikon auf, aber sie zeigt – standardisiert aufbereitet – das grosse Bild.

Und dieses ist, bezüglich Lohngleichheit, kein rühmliches. Weder im Thurgau noch in der restlichen Schweiz. So lag der mittlere Bruttomonatslohn der Frauen 2016 bei knapp 5200 Franken, jener der Männer bei 6200 Franken. Im Vergleich zur Gesamtschweiz (15 Prozent) ist die Lohndifferenz im Thurgau leicht höher.

Ein Blick in den Rückspiegel zeigt, dass sich die Wolken der Ungleichheit lichten: Betrugen im Thurgau die Lohndifferenzen 2012 noch 20 Prozent, sanken sie 2014 auf 19 und erreichten 2016 17 Prozent.

In der Teppichetage sieht es düster aus

Die Karriereleiter ist kein Garant für Lohngerechtigkeit. Im Gegenteil. Die Autorinnen der Thurgauer Dienststelle für Statistik schreiben:

«Der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männer nimmt mit steigender Kaderstufe zu.»

Medianlohn

Der Median teilt die Beschäftigten in zwei gleich grosse Gruppen ein. Die eine erhält einen Lohn, der tiefer ist als der Medianlohn, die andere bekommt einen höheren. Gegenüber dem Durchschnittslohn hat der Median den Vorteil, dass er nicht auf Extremwerte reagiert. So erläutert die Dienststelle für Statistik den Begriff in einem Glossar.

Frauen im oberen und mittleren Kader verdienen im Mittel 7000 Franken. Das sind 1900 Franken weniger als der mittlere Lohn der Männer. Besser – wenn man so will – sieht es bei Arbeitnehmenden ohne Führungsfunktion aus: Die Lohndifferenz der Geschlechter beläuft sich auf 900 Franken.

Grosser Lohnunterschied im oberen Kader

Monatlicher Bruttolohn (Median) in der Privatwirtschaft nach beruflicher Stellung und Geschlecht im Kanton Thurgau, 2016, in CHF
Frauen
Männer
Mittleres bis oberstes KaderUnteres KaderUnterstes KaderOhne Kaderfunktion02000400060008000

Die Autorinnen halten fest, dass das Einkommen der Frauen unabhängig vom Bildungsabschluss tiefer ist als jenes der Männer. Eklatant ist der Unterschied bei Akademikern. So verdienen Frauen mit einem Uni- oder ETH-Abschluss im Mittel 7600 Franken, Männern mit dem gleichen Bildungsrucksack lachen Ende Monat rund 10'000 Franken auf dem Lohnzettel entgegen. Dennoch – das liest man anderorts in der Statistik – gilt: «Bildung ist Gold wert» – für Frauen wie Männer.

Die Autorinnen schreiben:

«Die Lohnunterschiede können nur zum Teil durch strukturelle Faktoren erklärt werden.»

So würden Frauen häufiger als Männer in Berufen mit tiefem Lohnniveau arbeiten. In Kombination mit persönlichen Merkmalen wie Alter, Ausbildung oder Dienstjahre sowie stellenbezogenen Merkmalen können 2016 knapp 60 Prozent des Lohnunterschiedes in der Schweizer Privatwirtschaft erklärt werden. «Gut 40 Prozent des Unterschieds bleiben hingegen ungeklärt.»

«Der Markt regelt es eben nicht»

Nina Schläfli ist nach der Lektüre der Statistik erschüttert. Die SP-Kantonsrätin aus Kreuzlingen hat schon mehrere Vorstösse gegen Lohnungleichheit im öffentlichen Sektor eingereicht. Sie kämpft aber auch gegen Lohndifferenzen in der Privatwirtschaft. Schläfli sagt:

«Die Statistik belegt, was wir leider schon wissen: Frauenjobs werden chronisch schlechter bezahlt.»

Dabei denkt sie an das Gesundheitswesen oder die Kinderbetreuung. «Der Wert der Arbeit ist in sogenannten Frauenberufen tiefer als in Männerberufen.»

SP-Kantonsrätin Nina Schläfli. (Bild: Donato Caspari, 2017)

SP-Kantonsrätin Nina Schläfli. (Bild: Donato Caspari, 2017)

Die Politikerin stellt fest: «Das ist klare Diskriminierung.» Denn: Seit 1981 ist die Gleichstellung von Mann und Frau in der Verfassung verankert. «Somit wird in vielen Fällen gegen die Verfassung verstossen», klagt Schläfli. Sie würde es begrüssen, wenn Frauen bei Lohndiskriminierung klagen würden. «Das scheint mir bald der einzige Weg zu sein.» Sie schränkt ein: «Ich verstehe jede Frau, wenn sie das nicht macht.» Die Hürde, den eigenen Arbeitgeber zu verklagen, sei hoch.

Schläfli sagt: Jedes Mal, wenn Massnahmen gegen Lohnungleichheit gefordert würden, heisse es: Der Markt regelt das. «Aber der Markt regelt es eben nicht.» Deshalb gelte für sie: «Steter Tropfen höhlt den Stein.» Die Ungleichheit bei den Löhnen sei deshalb ein zentrales Thema des Frauenstreiktages, der am 14. Juni schweizweit über die Strassen geht.

Hinweis: www.statistik.tg.ch

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