Raubkatzen
Scheues Pinselohr in der Fotofalle: Im Appenzellerland leben sechs Luchse

Raubkatzen in freier Wildbahn zu zählen, ist knifflig. Bisherige Schätzungen von Luchsen in der Schweiz waren oft zu optimistisch. Denn: Das scheue Pinselohr durchstreift grosse Gebiete und die Reviere der einzelnen Tiere überlappen sich. Im Appenzellerland leben rund sechs Tiere.

Margrith Widmer
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Jeder Luchs hat ein einzigartiges Fellmuster.

Jeder Luchs hat ein einzigartiges Fellmuster.

Bild: LZ

Die Stiftung Kora in Muri bei Bern arbeitet mit der Fang-Wiederfang-Methode (Capture-Recapture CR). «Wir schätzen die Luchse in Referenzgebieten mittels Fang-Wiederfang-Statistik aufgrund von Fotofallen-Bildern. Dies ist eine Methode, die sich weltweit für die Schätzung von individuell erkennbaren Tieren bewährt hat», sagt Manuela von Arx.

«Gefangen» werden die Luchse mit automatischen Wildkameras. Da die Raubkatzen einzigartige Fellmuster haben, können einzelne Tiere voneinander unterschieden werden – keins wird doppelt oder dreifach gezählt.

Absolute Zählungen unmöglich

Je kleiner das untersuchte Revier ist, desto höher fällt die Populationsdichte pro Quadratkilometer aus. «Absolute Zählungen von Wildtieren sind in unserem Gelände unmöglich», sagt Fridolin Zimmermann von Kora. Die Fang-Wiederfang-Methode erlaubt, mit systematisch erhobenen Stichproben die Gesamtpopulation zu schätzen.

Wenn Tiere anhand natürlicher oder künstlicher Merkmale identifizierbar und von anderen Individuen unterscheidbar sind, kann man durch wiederholtes Fangen ihre Anzahl, ihre Fangwahrscheinlichkeit und die entsprechenden statistischen Fehler schätzen. Das erlaubt eine bestmögliche Annäherung an die tatsächliche Populationsgrösse der untersuchten Tierart und das Beurteilen der Genauigkeit der Schätzung.

Individuelle Fellmuster

An Bäumen befestigte Fotofallen fangen die Tiere. Sie müssen also nicht «behändigt» werden. Das Fotofallen-Monitoring gehört heute zu den Standardmethoden zum Erfassen kryptischer Arten. «Besonders bei gefleckten oder gestreiften Katzen mit einem individuellen Fellmuster bietet diese nicht invasive Methode ein sehr grosses Potenzial», so Zimmermann.

Das Fotofallen-Monitoring wird in der Schweiz seit 1998 angewandt, um die Abundanz (Häufigkeit) und Dichte der Luchse in sogenannten Referenzgebieten zu erheben. In jedem Referenzgebiet werden alle zwei oder drei Jahre eine bestimmte Zahl von Fotofallen während 60 Nächte betrieben, um die Fang-Wiederfang-Stichprobe zu erheben.

«Unabhängige Luchse»

«Dank der Kombination aus Datenerhebung im Feld und statistischer Auswertung können wir die aktuelle Population der Luchse in der Schweiz schätzen und durch regelmässige Wiederholungen der Durchgänge langfristig die Entwicklung der Bestände überwachen», sagt Zimmermann. Die systematischen Durchgänge werden durch das opportunistische Monitoring vorbereitet, um möglichst viele Luchsbilder zur sicheren Bestimmung der Individuen zu haben.

«Beim Fotofallen-Monitoring geben wir die Zahl der ‹unabhängigen Luchse› an, das heisst die residenten adulten und die noch nicht sesshaften subadulten Luchse. Jungtiere, die noch der Mutter folgen, werden nicht mitgezählt», sagt er.

«Gar nicht so einfach»

«Eine Schätzung der Anzahl der Luchse in Ausserrhoden ist gar nicht so einfach, denn aufgrund der Reviergrösse, rund 100 Quadratkilometer, haben wir immer Überlappungen mit den angrenzenden Kantonen St.Gallen und Innerrhoden», sagt der ehemalige Ausserrhoder Jagdverwalter Heinz Nigg.

Heinz Nigg, ehemaliger Ausserrhoder Jagdverwalter.

Heinz Nigg, ehemaliger Ausserrhoder Jagdverwalter.

Bild: PD

Beim letzten deterministischen Fotofallen-Monitoring der Kora (Winter 2017/2018) wurden für Ausserrhoden vier Luchse nachgewiesen. Er gehe davon aus, dass diese Reviere immer noch besetzt sind. In den vergangenen zwei Jahren seien in Ausserrhoden an Rissen drei verschiedene Individuen mit Fotofallen dokumentiert worden. Nigg sagt:

«Wir werden also drei bis vier residente Luchse in Ausserrhoden haben, plus eine unbekannte Anzahl sporadisch auftretender Individuen.»

Zweieinhalb Luchse in Innerrhoden

In Appenzell Innerrhoden sind es laut Jagdverwalter Ueli Nef «zweieinhalb» Luchse. Im Referenzgebiet Nordostschweiz wurden 2017/2018 auf 932 Quadratkilometern an 70 Standorten mit 140 Fotofallen Luchse «gefangen und wiedergefangen».

Ueli Nef, Innerrhoder Jagdverwalter.

Ueli Nef, Innerrhoder Jagdverwalter.

Bild: PD

Die Fotofallen an 70 Standorten funktionierten während 3963 der potenziell möglichen 4200 Fangnächte zu 94,4 Prozent. Bei 94 Ereignissen wurden an 36 Standorten 17 selbstständige Luchse und acht bis zehn Jungtiere aus mindestens fünf Würfen fotografiert. Die Fang-Wiederfang-Schätzung der Abundanz (95 Prozent Konfidenzintervall/Erwartungswert) nach dem Modell ergab 20 (18 bis 29) Luchse im Referenzgebiet, was einer Dichte von 2,53 (1,94 bis 3,13) Luchsen pro 100 Quadratkilometer geeignetem Habitat entspricht. Die Dichte wich nicht signifikant vom letzten geschätzten Wert im Winter 2014/15 ab.

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