Vättis
«Der Abschluss einer tragischen Episode»: Neun Monate nach dem Canyoning-Unglück von Vättis wird vierte Leiche geborgen

Am 12. August 2020 hat sich in der Parlitobelschlucht in Vättis ein Canyoning-Unglück ereignet, bei dem drei spanische Touristen ums Leben gekommen sind. Ein vierter Mann wurde seitdem vermisst. Vergangene Woche konnte seine Leiche geborgen werden.

Enrico Kampmann und Miguel Lo Bartolo
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Im August hat sich in Vättis ein Canyoning-Unglück ereignet. Vergangene Woche konnte die Leiche des letzten Vermissten geborgen worden.

Im August hat sich in Vättis ein Canyoning-Unglück ereignet. Vergangene Woche konnte die Leiche des letzten Vermissten geborgen worden.

Bild: Raphael Rohner

Am Abend des 12. August 2020 standen rund 100 Rettungskräfte im Einsatz. Nebst Drohnen, Polizeitauchern, Hundeführern und der Alpinen Einsatzgruppe der Kantonspolizei St.Gallen waren auch Canyoning-Spezialisten der Alpinen Rettung sowie insgesamt vier Helikopter der Rega, Polizei und Armee im Einsatz.

Florian Schneider, Polizeisprecher Kantonspolizei St.Gallen.

Florian Schneider, Polizeisprecher Kantonspolizei St.Gallen.

PD

Sie alle suchten nach vier Spaniern, die an jenem Tag in der Parlitobelschlucht in Vättis beim Canyoning verunglückt waren. Während sich die vier Freunde in der Schlucht befanden, sei direkt oberhalb ein extrem heftiges Gewitter hereingebrochen, sagt Florian Schneider, Polizeisprecher der Kantonspolizei St.Gallen. Die Sportler seien von den enormen Wassermassen, die auch viel Geröll und Schlamm mit sich trugen, überrascht und weggespült worden.

Aufgrund eines aufziehenden Gewitters musste die Suche in der Nacht vom 13. August um 3 Uhr abgebrochen werden. Drei der Verunglückten waren tot aufgefunden worden. Der vierte blieb spurlos verschwunden.

Über zwei Monate hinweg sei regelmässig nach der vermissten Person gesucht worden, sagt Schneider. Starke Regenfälle hätten das Gebiet immer wieder durchspült, wonach es stets komplett anders ausgesehen und neue Anhaltspunkte geliefert habe. Schneider sagt:

«Es war eine der grössten Suchaktionen dieser Art, die wir je hatten.»

Dennoch blieb sie erfolglos.

«Die grosse Schwierigkeit waren das Wetter und das alpine Gelände», sagt Schneider. Zudem sei man von Anfang an von einer Leichensuche ausgegangen, weswegen die Sicherheit der Einsatzkräfte oberste Priorität gehabt habe.

Ende Oktober 2020 musste die Suche unterbrochen werden. Damals wurde die Zufahrt nach St.Martin wegen Schneefalls und erster Lawinenabgänge gesperrt. Im Februar und April 2021 wurden durch die Kantonspolizei St.Gallen Helikopterflüge ins Suchgebiet durchgeführt, wobei Ende April im Einmündungsbereich des Bachs in den Stausee ein Helm und Wanderschuhe gefunden wurden, wie Schneider berichtet.

Neun Monate später gefunden

Neun Monate nach dem Unglück, am vergangenen Mittwoch, wurde bei Schneeräumungsarbeiten eine leblose Person im Einmündungsbereich der Tamina in den Stausee gefunden. Die Identifikation des Instituts für Rechtsmedizin am Kantonsspital St.Gallen hat ergeben, dass es sich um den vierten vermissten Canyoning-Sportler, einen 38-jährigen Spanier, handelt.

«Der Leichnam war wohl recht tief verschüttet und wurde durch die starken Regenfälle der letzten Wochen wieder frei gespült», sagt Schneider. Ausserdem habe sich auch der Stausee über den Winter etwas entleert, womit der Schwemmbereich der Tamina grösser geworden sei.

Ein Restrisiko bleibt

Zu den Gefahren des Canyonings sagt Schneider:

«Es ist ein Sport im hochalpinen Gelände im Zusammenhang mit Wasser. Das macht es im Vergleich zu anderen Alpinsportarten noch ein bisschen unberechenbarer.»

Dennoch hätten diejenigen, die den Sport ausübten, in der Regel auch Erfahrung mit der Beurteilung meteorologischer Berichte. Wenn man alle Begebenheiten beachte, könne man viele Gefahren ausschliessen. «Aber ein Restrisiko bleibt immer, wie bei vielen Sportarten.»

Schneider betont, dass die Strasse von Gigerwald nach St.Martin nach wie vor Wintersperre hat und nicht befahrbar ist.

Video: «FM1Today»

So berichteten spanische Medien

Die Meldung zum Leichenfund kursiert zwischen Montagabend und Dienstagvormittag ausschliesslich auf nordspanischen Plattformen. Regionale Tageszeitungen berichten darüber, nicht aber die landesweiten wie «El Mundo» oder «El País».

«Man hat die Leiche des 38-jährigen Diego Maeztu Martínez, der am 12. August des vergangenen Jahres beim Canyoning-Unglück in der Schweiz verschwunden ist, gefunden.» Das schreibt die baskische Regionalzeitung «El Diario Vasco» in ihrem Artikel vom Montagabend. Weiter heisst es:

«Der Leichnam erschien vergangene Woche beim Gigerwaldsee – in derselben Gegend, in der man die Überreste seiner Freunde gefunden hatte.»

Maeztus Familie sei vergangene Woche über den Leichenfund informiert worden, die Rückführung des Leichnams sei bereits im Gange. Nach dem fatalen Unfall im August 2020 musste die Suche nach Maeztu wegen des Regens eingestellt werden. «Die Behörden erachteten es als unwahrscheinlich, den vierten Bergsteiger lebendig aufzufinden», heisst es im Artikel weiter.

Auf der Online-Plattform von «Noticias de Navarra» findet sich ebenfalls ein Artikel zum Leichenfund. Darin heisst es:

«Der Fund von Diego Maeztus Überresten schliesst eine der tragischsten Episoden des Canyonings ab und beendet die Unsicherheit, die Familie und Freunde seit dem 12. August 2020 plagt.»