Tennis
Wie sein Vorbild Nadal: Carlos Alcaraz greift nach den Sternen

Der erst 19-jährige Youngster aus Spanien verzückt die Tennis-Welt. Ein Ende seines kometenhaften Aufstiegs scheint nicht in Sicht – dafür aber sein erster Grand-Slam-Titel.

Dan Urner
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Carlos Alcaraz posiert mit der Siegertrophäe des ATP-Turniers in Madrid, das er auf beeindruckende Art und Weise gewonnen hat.

Carlos Alcaraz posiert mit der Siegertrophäe des ATP-Turniers in Madrid, das er auf beeindruckende Art und Weise gewonnen hat.

Keystone

Breiter als jene von Rafael Nadal können Fussstapfen kaum sein. 91-facher Tour-Turniersieger im Einzel, mit 21 Titeln Grand-Slam-Rekordgewinner, 209 Wochen als Nummer eins der Tennis-Welt. Und doch wähnt die Medienlandschaft den erst 19-jährigen Carlos Alcaraz längst «auf den Spuren» des mallorquinischen Dauerbrenners. So verwegen er auf den ersten Blick auch sein mag: Dieser Ritterschlag kommt nicht von ungefähr.

Denn man muss sich lediglich Alcaraz' Auftritt beim Sandplatzturnier von Madrid vor Augen führen, um das exorbitante Potenzial des Youngsters zu erkennen. Im Viertelfinal entzauberte er den «Sandplatzkönig» höchstpersönlich in drei Sätzen, um im Halbfinal Novak Djokovic, den Führenden der ATP-Weltrangliste, beeindruckend niederzuringen und im Endspiel den amtierenden Olympiasieger Alexander Zverev, obzwar auch erst 25-jährig, erschreckend alt aussehen zu lassen.

Wie ein Wirbelsturm fegte das Wunderkind über den Deutschen hinweg, der 6:3, 6:1-Erfolg war nach einer guten Stunde Spielzeit eingetütet. Alcaraz präsentiert sich körperlich topfit und weist bei seinen Schlägen eine bestechende Variabilität auf. Gegen Djokovic erwiesen sich etwa seine gekonnten Stoppbälle als Trumpf.

Kometenhafter Aufstieg und verblüffende Parallelen

«Im Moment bist du der beste Spieler der Welt», war Zverev nach seiner diskussionslosen Finalniederlage auch voller Anerkennung für das Phänomen: «Du schlägst uns alle.» In der Tat: Innert drei Tagen drei Siege gegen Top-Vier-Spieler – eine mehr als beachtliche Leistung, ebenso wie die Tatsache, dass er in diesem Jahr 28 seiner 31 Matches für sich entschieden hat. Und mit seinen gerade erst 19 Jahren gehört Carlos Alcaraz selbst schon zu den ganz erlauchten Kreisen des Tennissports: Der Spanier wird trotz seines jungen Alters bereits auf Rang sechs der Weltrangliste geführt. Die Saison 2021 hatte er noch auf Rang 32, das Jahr 2020 auf Rang 141 beschlossen. Ein viel kometenhafterer Aufstieg ist kaum vorstellbar.

Auch an den diesjährigen French Open, die in zwei Wochen eingeläutet werden, darf sich Alcaraz zu den Favoriten zählen. Zumal ihm der Untergrund ganz offenkundig liegt: Vier seiner fünf Tour-Turniersiege gelangen ihm auf Sand. Ein Grund mehr, weshalb sich Vergleiche mit seinem Landsmann und Idol Rafael Nadal beinahe automatisch aufdrängen.

Die Parallelen beider Spieler sind eindrücklich: Alcaraz schaffte es am 25. April mit 18 Jahren – im gleichen Alter wie Nadal 2005 – nach dem Turnier in Barcelona – dem gleichen wie damals bei Nadal – erstmals in den Kreis der Top Ten – am gleichen Datum wie Nadal. Da mag der Zufall entscheidend seine Hände im Spiel gehabt haben, ihre Karrieren scheinen aber in jedem Fall einen verblüffend ähnlichen Verlauf zu nehmen.

Alcaraz (links) und Rafael Nadal vor ihrem Match in Madrid.

Alcaraz (links) und Rafael Nadal vor ihrem Match in Madrid.

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«Ich habe immer zu Rafa aufgeschaut, ich habe immer seine grossen Momente und Spiele gesehen und viel daraus gelernt», sagte Alcaraz nach seinem Triumph beim ATP-1000-Turnier in Miami Anfang April. Dort kürte er sich zum drittjüngsten Sieger auf Masters-Niveau, lediglich Michael Chang und Rafael Nadal waren bei ihrem Premierentriumph noch jünger gewesen.

Das Potenzial früh offenbart

Geboren wurde der Tennis-Shootingstar in El Palmar im Südosten Spaniens. Der Rechtshänder offenbarte früh sein enormes Talent, gewann als Kind und Jugendlicher zahlreiche Titel, wurde U16-Europameister und errang mit Spanien den Davis Cup der Junioren. 2019 gelang ihm als erster Spieler des Jahrgangs 2003 ein Sieg auf ATP-Niveau, als er den Italiener Jannik Sinner im Final des Challenger-Turniers in Alicante in die Knie zwang.

Den nächsten Masters-Lackmustest vor den French Open lässt Carlos Alcaraz indessen aus; er verzichtet verletzungsbedingt auf das Sandplatzturnier in Rom, das Rafael Nadal seit 2005 gleich zehnmal für sich entscheiden konnte. Beim Duell gegen den Mallorquiner im Viertelfinal von Madrid hatte sich Alcaraz eine Knöchelverletzung zugezogen – um gegen Djokovic und Zverev auch angeschlagen zu triumphieren.