Schweiz – Kosovo
Ein Fest ist es einzig für die Kosovaren

Der Auftritt der Schweiz im Test gegen Kosovo ist ernüchternd. Nach dem 1:1 muss sie sogar froh sein, nicht als Verlierer dazustehen. Und es gibt Zündstoff wegen Granit Xhakas Auswechslung.

Christian Brägger
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Jordan Lotomba (l.) feiert mit Vorlagengeber Mbabu den 1:1-Ausgleich.

Jordan Lotomba (l.) feiert mit Vorlagengeber Mbabu den 1:1-Ausgleich.

Ennio Leanza / KEYSTONE

Das Motto ist im Vorfeld gegeben, ein Spiel der Freundschaft soll es sein. Die Schweizer halten sich daran, nie mehr als in der 52.Minute, in der es so richtig laut wird. Rashica hat soeben getroffen, er nützt nach Zubers himmeltraurigem Fehlpass auf Bytyqi ihre allgemeine Desorientierung aus. Was man zu dem Zeitpunkt in aller Deutlichkeit sagen muss: Die Führung ist verdient, und die Schweiz katastrophal schlecht. Sie spielt uninspiriert, wirkt gehemmt in diesem Bruderduell, in dem sich auf Rasen und Rängen die Wurzeln vieler Familien vermischen.

Aber die Schweizer sind jetzt zumindest bei ihrer Ehre gepackt, und knapp zehn Minuten später erscheinen sie wenigstens das einzige Mal auf dem Resultatblatt: Der aufgerückte Lotomba trifft mit dem Kopf nach einer Flanke von Mbabu, den Shaqiri in die Tiefe lanciert hat. Und immerhin kommt nach der Torpremiere des Verteidigers nun so etwas wie eine Druckperiode auf, es hilft, dass Trainer Yakin mit Frei, Freuler, Embolo und Rodriguez gleich vier frische Kräfte bringt. Es ist dann aber Dresevic, der Kobel in der 73. Minute zu einer Glanztat zwingt, ehe Shaqiri sich erfolglos von der Mittellinie versucht.

Die Schweizer haben einen schlechten Abend

Gut ist das Spiel auf Schweizer Seite längst nicht, es wird es bis zum Schluss nie werden. Vor dem Ende fordert Zhegrova für den Kosovo sogar einen Foulpenalty, den es aber richtigerweise nicht gibt. Es bleibt beim 1:1, Shaqiri setzt ein Lächeln auf für Selfies mit den kosovarischen Betreuern, dafür ist das Fazit bedenklich, das man nun ziehen muss: Die Mannschaft von Trainer Giresse hätte den Sieg eher verdient, sie scheitert aber an ihrer Chancenauswertung. Und natürlich lässt sie sich, wenn wundert’s, feiern. Der Letzigrund ist mit 20800 Zuschauern ausverkauft, die Kosovo-Fans sind mindestens in der Dreiviertel-Mehrheit. Für sie, die in der Schweiz leben, ist es in Zürich wie für Kryeziu ein Heimspiel. Und ihre Stars sind endlich zum Greifen nah.

Das führt auch dazu, dass Xhaka und Shaqiri vor dem Anpfiff lautstark bejubelt werden, stolz sind die Kosovaren auf ihre «verlorenen Söhne». Stolz ist auch Xhaka, der Captain, der das 100. Länderspiel bestreitet an diesem Abend – es macht ihn zum sechsten Schweizer, der zu diesem erlesenen Kreis gehört. Aber der Lenker und Antreiber ist der Captain nie, das findet wohl auch Yakin, der ihn früh auswechselt. Xhaka reagiert angesäuert, später sagt er: «Ich bin lieber auf dem Platz als auf der Bank, hätte gerne länger gespielt. Mein Frust wird nun zum grossen Thema gemacht, das darf es aber nicht sein.» Worauf Yakin an der Pressekonferenz erwidert: «Granit hat in beiden Testspielen die meisten Minuten gespielt, und ich bin froh, dass er Emotionen zeigt. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn noch brauchen werde. Das Resultat war für mich sowieso zweitrangig.»

Es ist aber auch für den Trainer beileibe nicht die fussballerische Offenbarung, die ihm seine Schweizer zeigen. In der 13. Minute ist es Rrhamani, Star der Kosovaren und Innenverteidiger in der Serie A bei Napoli, der mit seinem Kopfball den Schweizer Goalie erstmals prüft. Bereits da lässt sich sagen, dass Yakins Veränderungen auf neun Positionen im Vergleich zum England-Test dem Schweizer Spiel nicht guttun. Es fehlt an Spielfluss, Witz und Tempo, am letzten Biss, und womöglich sind die Schweizer etwas überrascht vom 109. der Fifa-Welt. Diese präsentiert sich ganz gefällig, vor allem in der 32. Minute – doch Kobel ist zur Stelle.

Wohltuend, wenn zwei Nationen sich mögen

Die Schweizer finden erst am Ende der ersten Halbzeit statt – mit zwei Distanzschüssen. Das ist schon alles, weil die Partie auf ihrer Seite an Einfallslosigkeit kaum zu überbieten ist. Immerhin hat Shaqiri einen Erklärungsansatz: «Es war sehr speziell, für mich und die Familie.» Getrost kann man festhalten: Von den Schweizer darf, ja muss man mehr erwarten. Den nächsten Halt, Erwartungen gerecht zu werden, haben sie im Juni in der Nations League. Dann geht es gegen Tschechien, Portugal, Spanien und erneut Portugal. Wenn der Abend etwas gezeigt hat, dann dies: Es ist gerade in Kriegszeiten sehr wohltuend, wenn sich zwei nahestehende Nationen mögen.