DFB-Pokal
Norddeutsche Sensation im Schneegestöber: Holstein Kiel kegelt Bayern München aus dem Pokal

Zweitligist Holstein Kiel vollbringt Heldentaten: In der 2. Runde des DFB-Pokals ringen die Norddeutschen den grossen FC Bayern München im Elfmeterschiessen nieder.

Frederic Härri
Drucken
Teilen
Kein Halten mehr: Die Kieler Spieler feiern den Einzug in die nächste Pokalrunde nach ihrem Sieg gegen Bayern München.

Kein Halten mehr: Die Kieler Spieler feiern den Einzug in die nächste Pokalrunde nach ihrem Sieg gegen Bayern München.

Keystone

Es wurde ein spezieller Abend im menschenleeren Holstein-Stadion zu Kiel. Die Wetterverhältnisse waren widrig, die Temperaturen frostig und es stand eine Mannschaft auf dem Rasen, die eine überragende Leistung zeigte. Und nein, diese Mannschaft hiess nicht Bayern München, es war nicht der Rekordmeister und amtierende Champions-League-Sieger, der hier als Sieger vom Platz gehen würde.

Doch von vorne.

Es gibt in der zweiten Runde des DFB-Pokals noch keinen Videobeweis. Das ist wichtig zu wissen, ansonsten hätte das Führungstor der Bayern gegen Holstein Kiel nämlich nicht gezählt. Nach einem Kopfball von Thomas Müller, den der Kieler Schlussmann Ioannis Gelios nur unzureichend nach vorne abwehrte, war es Serge Gnabry, der den Abpraller ins Tor einschob. Doch: Der deutsche Nationalspieler stand im Abseits. Es ist noch gar nicht lange her, da hat man Szenen wie diese als «Bayern-Dusel» betitelt.

Sei's drum. Das jedenfalls dürften sich die Kieler gedacht haben, die sich in der 2. Bundesliga derzeit auf Aufstiegskurs Richtung Oberhaus befinden. Nach kurzem Schütteln war es in der 37. Minute Fin Bartels, der alleine auf Bayern-Goalie Manuel Neuer zudribbelte. Der Routinier, dem man die Erfahrung an seinem grau melierten Haarschopf ansieht, vollstreckte mit norddeutscher Kälte zum 1:1. Damit belohnten sich die Kieler für eine nahezu fehlerlose erste Halbzeit.

Gut gemacht: Fin Bartels zeigt sich vor dem Tor mit norddeutscher Kühle und überwindet Manuel Neuer.

Gut gemacht: Fin Bartels zeigt sich vor dem Tor mit norddeutscher Kühle und überwindet Manuel Neuer.

Zu Beginn der ersten Halbzeit leisteten sich die Kieler dann jedoch den einen Fehler, der gegen die Spitzenkräfte aus der bayerischen Landeshauptstadt fatal enden kann. Und so war es dann auch tatsächlich: Ein Kieler Verteidiger legte Münchens Musiala regelwidrig vor dem Strafraum, und Leroy Sané zwirbelte den Ball traumhaft ins rechte Toreck. Fast so, als wäre all die Kritik, die seit einigen Wochen aus dem Blätterwald über den wechselhaft aufspielenden Münchner Neuzuzug hereinregnet, an ihm abgeperlt wie an einer Teflonpfanne.

Eine Augenweide: Leroy Sanés trifft per Freistoss zum 2:1 und sichert seiner Mannschaft damit den Sieg.

Eine Augenweide: Leroy Sanés trifft per Freistoss zum 2:1 und sichert seiner Mannschaft damit den Sieg.

Bayern kontrollierte das Geschehen in der Folge, die Kieler aber gaben sich keineswegs auf und spielten im Schneetreiben weiter mutig und mit Verve nach vorne. Und all der Effort kulminierte in der 95. Minute, als die Bayern Holsteins Innenverteidiger Hauke Wahl im eigenen Strafraum sträflich missachteten und dieser deshalb wenig Mühe hatte, per Kopf den Ausgleich zu erzielen. Manuel Neuer schaute ratlos, während sich die Kieler Mannschaft ob der nahenden Sensation in einer ersten Jubelarie ausliess. Ohne zu ahnen, dass bald darauf eine weitere folgen sollte.

Doppelte Heldentat im Elfmeterschiessen

Es ging in die Verlängerung, in der beide Teams am nächsten Torerfolg schnupperten, die letzte Konsequenz aber vermissen liessen. So musste das Elfmeterschiessen für die Entscheidung her halten.

Und dieses hatte gleich zwei Helden zu bieten.

Held Nummer eins hiess Ioannis Gelios. Nachdem zehn Elfmeterschützen (fünf bei Kiel, fünf bei Bayern) vom Punkt mit teilweise sensationellen Schüssen makellos blieben, antizipierte der Holstein-Goalie noch einmal richtig, so wie er das zuvor auch schon getan hatte. Nur schoss Bayerns Schütze Marc Roca dieses Mal nicht ganz so präzise wie seine Kollegen vor ihm. Roca zielte nach rechts, Gelios ahnte das - und hielt. Die erste Heldentat war vollbracht.

Held Nummer zwei hiess Fin Bartels. Schon einmal an diesem Abend bewies er vor Welttorhüter Manuel Neuer Nervenstärke. Wieso also sollte das nicht ein zweites Mal gelingen? Bartels, in Kiel geboren und vor dieser Saison zurückgekehrt, hatte die Aufgabe, den entscheidenden Elfmeter zu verwandeln. Und Bartels erfüllte die Ausgabe. Er schoss nach rechts, Neuer rechnete mit der anderen Ecke. Die zweite Heldentat war vollbracht, die Kieler Freude grenzenlos. Und Bayern München, der deutsche Dominator, der in dieser Saison ausserordentlich viele menschliche Züge offenbart, ausgeschieden.

Kaum zu fassen: Die Bayern um Manuel Neuer scheiden bereits in der 2. Runde aus dem DFB-Pokal aus.

Kaum zu fassen: Die Bayern um Manuel Neuer scheiden bereits in der 2. Runde aus dem DFB-Pokal aus.

Keystone