Studie
Geschwister von Menschen mit Behinderung lernen zu funktionieren

Eine Studie beleuchtet erstmals die Situation der Geschwister, die eine Schwester oder einen Bruder mit einer Behinderung oder schweren Erkrankung haben. Aufgrund der Ergebnisse sollen die Angebote für Betroffene ausgebaut werden.

André Bissegger
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Eine Studie befasste sich erstmals in der Schweiz mit der sogenannten Geschwisterthematik. (Symbolbild)

Eine Studie befasste sich erstmals in der Schweiz mit der sogenannten Geschwisterthematik. (Symbolbild)

Keystone

Die Thematik der Geschwister von Menschen mit einer Behinderung oder Erkrankung ist in der Schweiz bislang wenig erforscht. Der Verein Raum für Geschwister (VRG) will das ändern und hat bei der Hochschule Luzern Soziale Arbeit eine mehrteilige Studie in Auftrag gegeben. Nun liegen die Resultate der Literaturrecherche vor, wie der Verein am Donnerstag mitteilte. Er will die Ergebnisse als Grundlage nutzen, um seine Angebote und Aktivitäten weiterzuentwickeln und auszubauen.

Die Studienergebnisse sind eine Premiere für die Schweiz und bestätigen gemäss VRG die heterogene Befundlage. So nehmen die Betroffenen die Situation der Geschwister von Menschen mit schwerer Erkrankung oder Behinderung im Verlauf des Lebens unterschiedlich wahr. Eine Veränderung passiert beispielsweise dann, wenn sie aufgrund des altersbedingten Weggangs der Eltern die Verantwortung für ihren Bruder oder ihre Schwester übernehmen. Dann verstärken sich auch die sogenannten Doppelrollen – beispielsweise jene des Freundes oder sozialen Partners mit jener des Geschwisters.

Geschwister unterdrücken ihre Bedürfnisse

Die Bedürfnisse der Geschwister von Menschen mit Behinderung oder schwerer Erkrankung sind nicht immer klar ersichtlich und können unterschätzt werden. Denn sie unterdrücken diese oder sind gehemmt, sie in einer bereits belastenden Situation zu äussern. Daraus entstehe die sogenannte emotionale Selbstgenügsamkeit. «Geschwister gewöhnen sich daran, die eigenen Bedürfnisse zurückzunehmen und trotz Belastung ‹zu funktionieren›», schreibt der VRG.

Ihnen hilft die emotionale Unterstützung der Eltern, stabile Familienstrukturen sowie Bewältigungsstrategien, die sie sich im Laufe des Lebens aneignen. Auch als hilfreiche Unterstützung wurden Gespräche mit aussenstehenden Personen gewertet. Zudem wirken sich Informationen über die Erkrankung und Behinderung des Bruders oder der Schwester positiv auf die gesunden Geschwister aus. Und Eltern, die Zeit mit dem gesunden Kind verbringen, sowie gemeinsame Aktivitäten innerhalb der Familie haben den grössten Einfluss auf die Lebensqualität, betont der VRG.

Wie viele Geschwister von der Situation betroffen sind, kann nur geschätzt werden. Rund 54'000 Kinder bis 14 Jahre sind von einer körperlichen oder geistigen Einschränkung betroffen. Gemäss Statistik leben 50 Prozent von ihnen mit Geschwistern. Der VRG geht davon aus, dass über 38'000 Kinder zwischen 10 und 14 Jahren die Pflege oder Fürsorge für Familienmitglieder übernehmen.

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