Sozialhilfe
Kein Anstieg der Sozialhilfefälle trotz Corona-Pandemie

Der befürchtete Anstieg blieb aus: Der Bedarf an Sozialhilfe ist im vergangenen Jahr praktisch stabil geblieben. Das zeigt eine Untersuchung in den Schweizer Städten.

André Bissegger
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Armut wegen Corona: Im Frühling 2020 wurden in verschiedenen Schweizer Städten wie hier in Zürich kostenlose Lebensmittelpakete verteilt.

Armut wegen Corona: Im Frühling 2020 wurden in verschiedenen Schweizer Städten wie hier in Zürich kostenlose Lebensmittelpakete verteilt.

Keystone

Die Befürchtungen waren gross: Wegen der Corona-Pandemie rechneten die Schweizer Städte mit einem deutlichen Anstieg der Sozialhilfefälle. Doch dieser blieb in den meisten Städten vorerst aus, wie die Städteinitiative Sozialpolitik am Dienstag mitteilte. Mit einem Anstieg von 0,5 Prozent sei die Zahl der Sozialhilfefälle gegenüber dem Vorjahr praktisch stabil geblieben. Allerdings hat die Pandemie die in den letzten Jahren beobachtete Tendenz zur Fallabnahme unterbrochen.

Die Städteinitiative, welche die sozialpolitischen Interessen von rund 60 Städten aus allen Regionen vertritt, begründet dies mit den der Sozialhilfe vorgelagerten Sozialversicherungen und Unterstützungsleistungen von Bund, Kantonen und Gemeinden. Dazu zählen etwa Kurzarbeitsregeln oder der verlängerte Anspruch auf Arbeitslosengelder.

«Deshalb ist es sehr wichtig, dass der Bund Unterstützungsleistungen für besonders betroffene Kreise weiterhin prüft und bei Bedarf bis zum Ende der Pandemie ausrichtet», sagte Martin Merki, Sozial- und Sicherheitsdirektor der Stadt Luzern, am Dienstag an einer Medienkonferenz der Städteinitiative.

Armut in den Städten

Zudem habe die Pandemie «besorgniserregende Lücken» aufgedeckt und gezeigt, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen durch das soziale Netz fallen – beispielsweise ausländische Personen, die bei Sozialhilfebezug ihre Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung verlieren könnten. So standen im Frühling in Schweizer Städten täglich Hunderte von Menschen für kostenlose Mahlzeiten oder Lebensmittelpakete an. Besonders betroffen seien Leute, die in sogenannten Plattform-Jobs arbeiteten, etwa bei Uber, sagte Nicolas Galladé, Vorsteher des Departements Soziales bei der Stadt Winterthur, an der Medienkonferenz: «Diese Personen waren im Lockdown ab Tag eins bei der Sozialhilfe». Hier bestehe politischer Handlungsbedarf.

Weiter zeigt der aktuelle Kennzahlenbericht, dass der wiederholte Bezug von Sozialhilfe weit verbreitet ist. «Wer einmal Sozialhilfe bezieht, bleibt auch nach der Ablösung oft armutsgefährdet», heisst es in der Mitteilung der Städteinitiative. Grund dafür könne eine unvorhergesehene Ausgabe wie eine Zahnarztrechnung oder eine instabile Einkommenssituation sein.

Der Kennzahlenvergleich zur Sozialhilfe dokumentiert seit 22 Jahren die Entwicklungen von 14 Schweizer Städten. In diesen lebt rund ein Viertel aller Sozialhilfebeziehenden der Schweiz.

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