Presseschau
So reagiert die Welt auf die «Ehe für alle» – in der Schweiz überwiegt in den Medien die Freude

Von «überfällig» bis «Regenbogensonntag»: Die Schweizer Presse freut sich mit der Bevölkerung über das deutliche Ja zur «Ehe für alle». Aus dem Ausland gibt es kritischere Reaktionen zum Volksentscheid.

André Bissegger, Alice Guldimann, Samuel Thomi
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Seit Sonntag ist klar: Die «Ehe für alle» wird Tatsache. Die Schweizer Presse freut sich mit.

Seit Sonntag ist klar: Die «Ehe für alle» wird Tatsache. Die Schweizer Presse freut sich mit.

Keystone

«Endlich!», kommentieren die Zeitungen von Tamedia das Ja zur «Ehe für alle». Damit habe die Schweiz einen «längst überfälliger Schritt» beschlossen, heisst es weiter im «Tages-Anzeiger», im «Bund» und der «BaZ». Die deutliche Mehrheit vom Sonntag sei schlicht das Mindeste gewesen. «Solche Resultate – und etwas mehr Tempo – wünscht man diesem Land auch in den nächsten grossen gesellschaftspolitischen Debatten: bei der Elternzeit, der Kinderbetreuung, der Gleichstellung.»

Von einem «historischen Entscheid» schreibt die «Neue Zürcher Zeitung». Das klare Votum gebe Hoffnung. Die Schweiz könne sich noch erneuern. «Unsere Ehe für alle kommt so zustande, wie jede Ehe im Privaten. Zwei Buchstaben, ein Ausrufezeichen. Ja!» Besonders erfreut zeigt sich die Zeitung über die geeinte Schweiz: «An diesem Sonntag gibt es nicht zweierlei Schweiz, sondern eine.»

«Rechte, nicht Romantik»

Und SRF analysiert: «Die letzte Hürde der Ungleichbehandlung ist beseitigt.» Nun könnten schwule und lesbische Paare bald nicht nur heiraten, sondern sie würden auch bei der Einbürgerung, bei der gemeinsamen Adoption und bei der Witwenrente gegenüber heterosexuellen Paare nicht mehr diskriminiert. «Ein jahrzehntelanger Kampf nimmt damit ein Ende.»

Der Entscheid sei ein wichtiger Schritt in Sachen Gleichberechtigung und ein Ja zur Toleranz, betont auch der «Blick». Es gehe um Rechte, nicht bloss um Romantik, so der Kommentar. «In 16 Staaten Europas können Homosexuelle bereits heiraten. Schön, dass sie bald auch hierzulande sagen können: Ja, wir wollen. Und Ja, wir können.»

«Eines der letzten Länder Europas»

Das Ja zur «Ehe für alle» vom Sonntag ist auch international registriert worden. Die Nachrichtenagentur Reuters verweist in ihrem Bericht – der zum Beispiel von CNN aufgenommen wurde – darauf, dass die Schweiz damit «eines der letzten Länder in Westeuropa, das die Homo-Ehe legalisiert».

Für die «Washington Post» überrascht das deutliche Resultat, weil die Schweiz ansonsten «in sozialen Fragen eher konservativ» gelte. Die Korrespondentin des US-Blatts erinnert dabei daran, dass eingetragene Partnerschaften hierzulande erst seit 2007 erlaubt sind.

Auch die «Financial Times» zeigt sich überrascht vom deutlichen Entscheid: «Trotz einer langen Kampagne, die zuweilen durch Verunglimpfungen von Gegnern der Vorlage vergiftet wurde», hätten am Ende sogar konservative Kantone wie Schwyz, Appenzell Innerrhoden oder das Tessin Ja gesagt. Die jahrelange Rückständigkeit mache die Schweiz nun aber mit dem Fakt wett, «dass nirgendwo sonst in Europa ein so hoher Anteil der Wählerschaft öffentlich für die Homo-Ehe und Adoption gestimmt hat», so der Korrespondent der britischen Zeitung.

Trotz Wahlsonntag ist das Ja zur «Ehe für alle» auch in Deutschland Thema: «Damit geht das Land sogar noch einen Schritt weiter als Deutschland», schreibt etwa die Korrespondentin der «Süddeutschen Zeitung». Denn lesbischen Paaren stehe nebst der Ehe nun auch die Samenspende offen.

Die «Breaking News» aus der Schweiz schaffte es in Agenturmeldungen am Sonntag aber auch bis ans andere Ende der Welt. So berichteten etwa auch das australische Newsportal «news.com.au», «The Bangkok Post», das englischspragiche chinesische Portal «Shine» oder «Al Jazeera» über diesen «historischen Volksentscheid».  (sat)

Für «24 heures» wird die Auffassung von Homosexualität immer normaler. Denn wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass die Schweiz eines Tages für die «Ehe für alle» stimmen würde, fragt die Zeitung. «Dieses Ja zeigt, wie schnell sich die Mentalitäten ändern.» Besonders freut sich die Redaktion darüber, dass es kein Ja zu einer Light-Version ohne Samenspende war, wie es die politischen Behörden einst planten. «Die Bevölkerung ist in diesen Fragen in der Tat fortschrittlicher als unsere Behörden.»

«Regenbogensonntag für die ganze Schweiz»

«26. September: Ein Regenbogensonntag in der ganzen Schweiz», titelt Le Matin. Die Höhe der «Qui»-, «Ja»- oder «Si»-Stimmen in allen Kantonen sei eine echte Anerkennung für die homosexuelle Gemeinschaft. Gleichzeitig mahnt die Zeitung, dass die Toleranz zwar deutlich zugenommen habe, es aber noch ein weiter Weg sei. «Jede dritte Person in der Schweiz ist nicht damit einverstanden, dass Homosexuelle heiraten, um eine Familie mit adoptierten oder medizinisch gezeugten Kindern zu gründen.»

«Ein Beweis für die Strahlkraft der Institution Ehe» sehen in dem Volksentscheid vom Sonntag die Zeitungen von CH Media. Und egal, wie stark man die Ehe auch belächeln möge als Sinnbild des bürgerlichen Bünzli-Lebensentwurfs: Sie verfüge wieder – oder noch immer – «über solche Strahlkraft, dass sie auch in progressiven Kreisen als erstrebenswertes Ziel gilt». Die euphorische Stimmung, die im Lager der «Ehe für alle»-Befürworter im Abstimmungskampf geherrscht habe, sehen die «Aargauer Zeitung», «Luzerner Zeitung» und das «St. Galler Tagblatt» in ihrem Kommentar als «Beleg dafür».

Für die Wochenzeitung (WOZ) ist «die Ehe jetzt für alle da». Auch dass die bürgerliche Ehe als Institution überholt sei, spreche nicht dagegen, dass sie allen erlaubt sein sollte. «Wie vieles auf der Welt, muss ja niemand etwas machen, nur weil es erlaubt ist. Aber manches nur den Einen zu erlauben, den Anderen aber nicht, ist eines Rechtsstaats nicht würdig.»

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