OECD
Ex-Nationalbankpräsident will mit der OECD das globale Wachstum ankurbeln

Mehr Wachstum, weniger Ungleichheit, Netto-null: Der Schweizer Kandidat für das Präsidium der OECD, Philipp Hildebrand, hat sich zu seinen Zielen geäussert.

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Philipp Hildebrand will als Präsident der OECD den Umbau der Weltwirtschaft vorantreiben. (Archivbild)

Philipp Hildebrand will als Präsident der OECD den Umbau der Weltwirtschaft vorantreiben. (Archivbild)

Keystone

(wap) Die wachsende gesellschaftliche und wirtschaftliche Ungleichheit als Problem, mehr Wachstum als Lösung, Investitionen im Kampf gegen den Klimawandel als Hebel: Diese Analyse präsentiert der ehemalige Chef der Schweizerischen Nationalbank und jetzige Manager des internationalen Vermögensverwalters Blackrock, Philippe Hildebrand, in einem Interview mit der NZZ am Sonntag. Hildebrand kandidiert für die Schweiz für das Präsidium der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Deren Rolle werde in den nächsten Jahren wichtiger, sagt Hildebrand im Interview.

Seit 2008 seien Staaten und Notenbanken mit der Eindämmung der Folgen der Finanzkrise von 2008 beschäftigt gewesen. Nach der Pandemie beginne eine neue Ära: Nun gehe es darum, Wachstumspotenziale zu erhöhen, die Ungleichheit in Wirtschaft und Gesellschaft zu korrigieren und die Teibhausgasemissionen auf netto Null herunterzufahren. Die Staaten hätten gigantische Schuldenberge aufgetürmt, die nur mit mehr Wachstum abgebaut werden könnten. Dieses müsse gerecht und klimafreundlich sein, so Hildebrand.

Er spricht sich in dem Interview für einen Umbau des Steuersystems aus, konkret für eine weltweite Lösung im Bereich der digitalen Steuern. Die heutigen Steuersysteme seien von der Wirklichkeit überholt. Durch Digitalisierung und Globalisierung sei es möglich geworden, dass grosse Konzerne gar keine Steuern mehr bezahlten. Hildebrand nennt eine weltweite Mindestbesteuerung von Konzernen mit 10 bis 13 Prozent als Richtgrösse.

Inflation könnte soziale Ungleichheit verschärfen

Hildebrand weist in dem Interview weiter auf eine drohende Inflationsgefahr hin. Zwei Faktoren sorgten für eine Verteuerung der Produktion: Zum einen würden die globalen Lieferketten als Folge der Pandemie weniger auf Effizienz und mehr auf ihre Widerstandsfähigkeit hin ausgerichtet, was teurer sei. Zum anderen werde der Trend zu mehr Nachhaltigkeit die Produktion verteuern. Bereits habe die US-Notenbank angekündigt, ihre Inflationsobergrenze von zwei Prozent aufzugeben, dies allerdings ohne die lockere Geldpolitik mit extrem niedrigen Zinsen aufgeben zu wollen.

Hildebrand spricht in diesem Zusammenhang von einer Revolution. Die herkömmliche Trennung von Geld- und Fiskalpolitik sei als Folge der Nullzinspolitik aufgehoben worden. Die Notenbanken hätten angefangen, das Staatsbudget über Anleihenkäufe zu finanzieren. «Die grosse Herausforderung wird sein, diese Grenzen wieder einzuführen», so Hildebrand.

Schweiz soll Spielraum durch tiefe Verschuldung ausnutzen

Er geht von einer Inflation von drei Prozent aus. Solange die Zinsen aber niedrig blieben, gebe es ein Zeitfenster, in dem die Staaten ihre Schulden abbauen müssten. Die Inflation werde die soziale Ungleichheit verschärfen: Besitzer von Aktien und Immobilien würden profitieren, die Löhne jedoch stagnieren und die Kaufkraft damit sinken. Die Bekämpfung der Ungleichheit sei deshalb zentral: «Wenn man nur noch mit Vermögenswerten statt mit Einkommen sein Leben bestreiten kann, dann haben wir ein grosses Problem.»

Der Schweiz empfiehlt Hildebrand, der Coronakrise nicht mit zu viel Sparsamkeit zu begegnen. Die EU biete mit ihrem billionenschweren Hilfsfonds ungeheure Summen auf, die Schweiz müsse aufpassen, dass sie hier nicht zurückfalle. Da die Schulden der Schweiz nach wie vor tief seien, bestehe Spielraum, Innovation zu fördern und den Kampf gegen den Klimawandel aufzunehmen. «Das erreicht man durch mutige Grundlagenforschung, durch Bildung, durch Umschulen von Menschen, die ihren alten Job nicht mehr ausüben können.»

Zu seinen Wahlchancen sagt Hildebrand: «Die Schweiz ist nicht in der EU, und allein sechs Kandidaten kommen aus der EU. Das macht es nicht einfach». Eine wichtige Rolle werde das Verhalten der neuen amerikanischen Regierung unter Joe Biden spielen. Bei der Wahl gehe es vor allem um nationale Interessen.