Coronapandemie und Bundesrat
Blocher über Maurer im Trychler-Hemd: «Heuchlerisches Establishment»

Alt Bundesrat Christoph Blocher nimmt Ueli Maurer in Schutz. Dessen Auftritt bei den Freiheitstrychlern bedeute nicht, dass er die Ansichten der Coronaskeptiker auch teile. Er höre ihnen aber zumindest zu.

Samuel Thomi
Drucken
Teilen
«Mit anderen reden heisst oft, sich zu ihnen zu begeben, ohne sich anzuschliessen»: Blocher über Maurers Besuch bei den Trychlern.

«Mit anderen reden heisst oft, sich zu ihnen zu begeben, ohne sich anzuschliessen»: Blocher über Maurers Besuch bei den Trychlern.

Chris Iseli

Selber ist er seit längerem gegen Corona geimpft und sagt: «Meine Generation hat Impfungen als Segen erlebt.» Christoph Blocher verweist dabei auf Impfungen gegen Kinderlähmung oder Pocken, die viel Leid verhindert hätten. Und offensichtlich wirke auch die Coronaimpfung. Obwohl diese in Rekordzeit entwickelt und zugelassen wurde.

Doch Christoph Blocher zeigt im Interview mit der NZZ vom Donnerstag auch Verständnis für Impfgegner und sagt: «Die kann man nicht überzeugen. Die meisten jedoch sind Leute, die sich vom Staat nicht zwingen lassen wollen.» Druck provoziere nur Gegendruck. Darum findet der SVP-Vordenker, dürfe man diese Leute auch nicht zur Coronaimpfung zwingen. Vielmehr müsse man sie für die Impfung gegen eine Covid-19-Erkrankung überzeugen. Und Fanatiker gibt es laut dem alt Bundesrat ohnehin auf beiden Seiten, bei den Skeptikern wie auch Befürwortern.

Eigennutz vor Moralismus

Generell findet Christoph Blocher, dass sich der Staat in der Pandemie-Situation so weit wie möglich zurückhalten solle. Das sei «gefährlich». Im Vordergrund müsse die Freiheit der Bürger stehen. Blochers simple Argumentation hierzu: «Ich bin geimpft, weil ich nicht krank werden will. Aus Eigennutz.» Eigennutz sei stärker als Moralismus.

Darauf angesprochen, dass die SVP laut Umfragen den höchsten Anteil Impf- und Coronaskeptiker in ihren Reihen habe, entgegnet der Vater der heutigen Volkspartei: «Heute werden auch ehrsame Bürger wie zum Beispiel die Freiheitstrychler verdammt. Weil sie eine andere Meinung haben.» Und Christoph Blocher erinnert daran, dass auch er bereits 1992 während des EWR-Abstimmungskampfes mit ebendieser Gruppierung und einem Stumpen im Mund gesprochen und für ein Foto posiert hatte.

Bund soll sich auf «grösste Risiken» fokussieren

Dass sich Bundesrat Ueli Maurer am vergangenen Wochenende ebenfalls mit den Freiheitstrychlern traf, und sich dabei eines ihrer Hemden anzog, will Christoph Blocher nicht überbewerten. «Mit anderen reden heisst eben oft, sich zu ihnen zu begeben, ohne sich anzuschliessen. Das hat er getan. Ich höre die Reaktion des heuchlerischen Establishments.» Von einem Affront Maurers gegenüber der Politik des Bundesrates oder einem Bruch mit dem Kollegialitätsprinzip will Blocher also nichts wissen. Und Treichler würden derzeit ohnehin nicht die Intensivstationen verstopfen.

Zudem spricht sich Christoph Blocher in dem Interview deutlich gegen die vom Bundesrat beschlossene – und am Montag in Kraft gesetzte – Ausweitung der Zertifikatspflicht aus. Anders sehe es aus, wenn Private auf Tests setzen und das Zertifikat freiwillig zur Pflicht erklären. Der Bund solle sich auf das «grösste Risiko» konzentrieren und damit auf Menschen die aus den Ferien zurückkehrten und nicht auf Besucher in Restaurants.

Aktuelle Nachrichten