Brisanter Vorschlag
«Wir könnten mit Fallzahlen von 30'000 Infektionen pro Tag leben» – Mediziner kritisieren Aussage von Arbeitgeberpräsident

Die Schweiz soll mehr Coronafälle in Kauf nehmen, sobald die Risikogruppe geimpft sei. Diese brisante Forderung machte Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt. Das sei unverantwortlich, kritisieren Mediziner.

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Laut Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt soll die Schweiz mehr Coronainfektionen in Kauf nehmen.

Laut Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt soll die Schweiz mehr Coronainfektionen in Kauf nehmen.

Keystone

(dpo) Die brisante Aussage von Valentin Vogt lässt Aufhorchen: «Wenn die Risikopatienten geimpft sind, werden etwa drei Viertel der Hospitalisationen wegfallen. Das heisst, wir könnten dann mit Fallzahlen von 20’000 bis 30'000 pro Tag leben, ohne dass die Spitäler an den Anschlag kämen». Dies sagte der Präsident des Arbeitgeberverbandes gegenüber der SRF-Tagesschau am Freitagabend. Der Verband drückt zusammen mit weiteren Wirtschaftsverbänden und der SVP bereits seit längerem aufs Tempo bei den Lockerungsschritten.

Vogt schätzt, dass irgendwann ab Mai eine Million Personen geimpft seien. «Das heisst, das Risikopotenzial sinkt jeden Monat zusätzlich», so der Arbeitgeberpräsident.

Mediziner: Vogts Vorschlag ist unethisch

Dezidiert anderer Meinung ist dagegen Urs Karrer, Vizepräsident der wissenschaftlichen Covid-19-Taskforce des Bundes. «Aus meiner Sicht ist es gefährlich, wenn wir ein Virus, das zehnmal tödlicher ist als die Grippe, frei in der Bevölkerung zirkulieren lassen», sagt der Klinikchef des Kantonsspital Winterthur im Fernsehinterview.

Karrer bezweifelt, dass das Gesundheitssystem einen derartigen Anstieg der Fallzahlen verkraftet. Einerseits würden auch bei den 50-jährigen zwei von Tausend am Virus sterben und drei bis vier Prozent von ihnen landeten im Spital. Zudem ist es laut Karrer unfair, wenn man die Leute jetzt, nachdem sie sich ein Jahr eingeschränkt haben, der Infektion aussetzt, bevor sie sich impfen lassen konnten.

Auch Manuel Battegay, Infektiologe am Universitätsspital Basel, kritisiert in deutlichen Worten Valentin Vogts Vorschlag, den er auf Twitter als «unverantwortlich, unethisch und unsachlich» taxiert:

Battegay wendet auf dem Kurznachrichtendienst unter anderem ein, dass die Anzahl der zertifizierten Intensivbetten zu 83 Prozent belegt sei. Ausserdem würde die Schweiz mit 30'000 Infizierten pro Tag wohl zu einem Hochrisikoland werden mit entsprechenden Konsequenzen für die Reisefreiheit im Sommer.

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