Tag der Einheit
Deutschland feiert – und sorgt sich um Unterschiede

Auch 31 Jahre nach der Vereinigung von DDR und BRD klafft noch vieles in Ost und West auseinander – wirtschaftlich und politisch. Die Politik sieht Grund zum Feiern, aber auch Anlass zu Mahnungen.

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Deutschland feiert am Sonntag den Tag der Einheit.

Deutschland feiert am Sonntag den Tag der Einheit.

Keystone

Eine Woche nach der Bundestagswahl hat Deutschland am Sonntag die Vereinigung des Landes vor 31 Jahren gefeiert. Bei einem Gottesdienst zum Auftakt des Jahrestags in Halle an der Saale mahnte der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige zur Widerständigkeit gegen populistische Kräfte und zu einer «Kultur der Wachsamkeit». SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz forderte auf Twitter eine weitere Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West.

Nach einer friedlichen Revolution in der DDR im Herbst 1989 hatte sich der ostdeutsche Staat am 3. Oktober 1990 mit der Bundesrepublik vereinigt. Trotz milliardenschwerer Investitionen und grosser Fortschritte im Zusammenleben sind Einkommen und Renten in beiden Teilen des Landes immer noch unterschiedlich. So verdienten Vollzeitbeschäftigte 2019 in den östlichen Bundesländern nach Angaben der Bundesregierung im Mittel knapp ein Viertel weniger als in den westlichen. Der Rentenwert soll erst 2024 gleich sein.

Populistischen Kräften kritisch begegnen

Auch die Ergebnisse der Bundestagswahl am 26. September klafften auseinander, nicht nur für etablierten Parteien CDU, SPD, Linke, FDP und Grüne. In Thüringen und Sachsen war die rechtspopulistische AfD stärkste Partei geworden, während sie im Westen vielerorts schwächer wurde und nur einstellige Stimmenanteile hatte.

Bischof Feige sagte in dem Gottesdienst, den Christen, Juden und Muslime gemeinsam feierten, populistischen Kräften müsse man kritisch und widerständig begegnen. Komplizierte Probleme liessen sich nicht mit «hohlen Phrasen oder markigen Parolen» lösen.

Der Geistliche sprach auch von Abgründen, die er nicht mehr für möglich gehalten hätte. Er fürchte weniger eine «Überfremdung von aussen» als eine «Entmenschlichung von innen». Eine «Kultur der Wachsamkeit» gelinge nicht nur durch Gesetze und Vorschriften. Es brauche positive Grundüberzeugungen und ein solidarisches Miteinander.

Kanzlerschaftsanwärter und Kanzlerin vor Ort

An dem Gottesdienst nahmen auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel teil. Geplant war anschliessend ein Festakt in der Händelhalle in der Saalestadt, bei dem auch Merkel sprechen sollte. Die aus Ostdeutschland stammende Kanzlerin will nach 16 Jahren ihr Amt abgeben, sobald eine neue Bundesregierung gebildet ist.

Auch die beiden Kanzlerschaftsanwärter Scholz (SPD) und Armin Laschet (CDU) waren in Halle. Scholz schrieb vorab auf Twitter: «Heute sind wir ein Land, trotzdem bleibt viel zu tun - wir brauchen gleiche Gehälter, Renten, Perspektiven. Das schaffen wir nur, wenn wir auf Gemeinsamkeiten setzen.» Für die Bevölkerung bleibt wegen der Pandemie das bis 2019 übliche grosse Bürgerfest aus, ähnlich wie schon 2020 in Potsdam. (dpa)

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