Zwischenruf
«O du gnadenlose»: Eine Polemik gegen Weihnachtslieder

Wie oft mussten Sie heuer schon «Last Christmas» hören? Sicherlich zu oft. Die gute Nachricht: Bald sind die Festtage vorbei. Die schlechte: Jedes Jahr gibt es neue Wham!-Nachfolger.

Michael Graber
Michael Graber
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Ihr gemeinsamer Weihnachtssong ist so unnötig, wie der vierte Schnaps nach dem Festessen: Elton John und Ed Sheeran.

Ihr gemeinsamer Weihnachtssong ist so unnötig, wie der vierte Schnaps nach dem Festessen: Elton John und Ed Sheeran.

Warner Bros.

Während auf weisse Weihnachten meist vergeblich gewartet wird, kann dagegen mit grösstmöglicher Sicherheit davon ausgegangen werden, dass einem spätestens ab Mitte November die Weihnachtsstimmung aus den Boxen eingeprügelt wird.

Allerlei anscheinend zeitlose Folterinstrumente wie «Last Christmas» und «All I Want for Christmas Is You» erschallen in Dauerschleife. Mit all diesen klebrigen Songs sollen wohl die Leute dazu gezwungen werden, Glühwein, das klebrigste aller Getränke, zu trinken. Die Songs werden zwar auch nach dem fünften Glühwein nicht besser, aber sie sind dann zumindest leichter überhörbar.

Und musikalische Besinnlichkeit ist offenbar ansteckend. Jahr für Jahr springen Künstlerinnen und Künstler auf den Weihnachtszug auf und wollen in die Playlists der Weihnachtsmärkte kommen, die es irgendwie geschafft haben, nicht abgesagt worden zu sein.

Heuer mit dabei sind auch Elton John und Ed Sheeran. Kitschig wie Lametta, überladen wie das Weihnachtsbuffet und überraschend wie das immergleiche Geschenk von Oma. Dazu stellen die beiden Pop-Superstars im Video Szenen aus Weihnachtsfilmen nach. Auch dank Sheeran, der auch den Rest des Jahres zuweilen wie ein Weihnachtself aussieht, wirkt aber alles so furchtbar ironiefrei, dass es einem zum ersten Mal im Leben tatsächlich nach Glühwein gelüstet.

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Kein Klischee lassen auch Abba aus. Die eben wiedervereinigte Erinnerung an die 70er-Jahre fährt sowohl Engelstrompeten wie auch Kinderchöre auf. Sogar eine Blockflöte fehlt nicht. Damit werden weltweit unter dem Weihnachtsbaum durch Kindermünder unzählige «Stille Nachts» bis zur Unkenntlichkeit verduddelt – beobachtet von stolzen Eltern und genervten Verwandten. Auch bei den Schweden könnte gut darauf verzichtet werden, wie eigentlich auf den Rest des Songs auch.

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Wie schwierig aber auch ein lockerer Umgang mit all den Traditionen ist, zeigt der Moderator und Komiker Jimmy Fallon zusammen mit Ariana Grande. Da wird aus «White Christmas» die «Masked Christmas», wo wir alle Schlange stehen, um unseren Booster zur kriegen. Weder «Haha» noch «Hoho». Die Pandemie hinterlässt leider auch hier ihre Spuren.

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Aber was sonst hören beim coronakonformen Weihnachtsfest? «O Tannenbaum», «Stille Nacht» und im Notfall noch «Es ist ein Ros entsprungen». Selbst gesungen. Ohne Ed Sheeran. Ohne Elton John. Ohne Abba. Und vor allem: Ohne Blockflöte.

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